Musik kann zur Trauerarbeit beitragen – als Ausgangsidee für einen Spielfilm klingt das zunächst wenig überraschend. Doch „So klingt das Leben“ (Originaltitel: „Rondallas“) setzt nicht einfach auf die Musik als emotionales Mittel, um das Geschehen zu kommentieren. Bei Regisseur Daniel Sánchez Arévalo wird sie vielmehr Teil der Handlung und der Art, wie die Figuren mit Verlust umgehen. In einem galicischen Küstendorf jährt sich zum zweiten Mal der Schiffbruch eines Fischkutters, bei dem mehrere Menschen ums Leben kamen. Noch immer ist die Untersuchung nicht abgeschlossen; noch immer stehen Trauer, Schuldfragen und das Bedürfnis nach einem Neubeginn nebeneinander. Sollen sie wieder am galicischen Musikwettbewerb teilnehmen, als sei nichts geschehen?
Daniel Sánchez Arévalo verbindet Ermittlungsdrama, Komödie, Ensemblefilm und musikalische Tradition miteinander. Doch das eigentliche Zentrum bildet die Musik, die „Rondalla“: eine volkstümliche Musikformation, die Gesang, Saiteninstrumente und regionale Instrumente wie der galicische Dudelsack („Gaita“) verbindet. Sie ist vor allem soziale Praxis: Ihre Mitglieder kommen zusammen, um zu proben. Bei Sánchez Arévalo sind sie allerdings keineswegs von vornherein auf Harmonie aus.
Viele Gründe, um zu singen
Umso wichtiger ist die Figurenzeichnung, auf die der Regisseur besondere Sorgfalt verwendet: Luis (Javier Gutiérrez) ist der Optimist, der die „Rondalla“ wiederbeleben möchte; Carmen (María Vázquez), die verwitwete Mutter, die ihre beiden Töchter durch den Alltag bringt; Xoel (Tamar Novas), der Mann, der sich vom Schatten seines verstorbenen Zwillingsbruders lösen muss; Yayo (Carlos Blanco), ein Überlebender des Unglücks, der mit dem Verlust eines Beines und mit seinem Trauma ringt. Hinzu kommen weitere Menschen mit eigenen Erwartungen an sich selbst und an die anderen. Niemand singt aus demselben Grund – gerade das macht den Film so lebensnah. Sánchez Arévalo selbst hat betont, „So kling das Leben“ sei kein Musical, aber ein Film mit viel Musik. Die Lieder erscheinen nicht als geschlossene Nummern, die das Drama unterbrechen und emotional „unterstreichen“. Sie wirken vielmehr wie ein natürlicher Bestandteil aus der Welt des Films – sie sind in erster Linie das, was aus den Instrumenten und der musikalischen Praxis heraus entsteht. In gewisser Weise entspricht dies einem der Prinzipien der dänischen Filmbewegung „Dogma 95“: Musik soll nicht von außen über die Bilder gelegt werden, um Gefühle zu erzwingen, sondern aus der dargestellten Welt selbst hervorgehen.
Federico Jusid, der Komponist des Films, hat dafür nur wenige zusätzliche Stücke geschrieben und vor allem als Musikproduzent gearbeitet. Er sagt, der Film brauche keinen orchestralen Kommentar, der dem Zuschauer vorschreibe, was er empfinden soll. Er vertraue auf die Musik, die aus den Figuren selbst kommt. Die Inszenierung unterstützt diese Zurückhaltung: Die Kamera bleibt nah genug, um kleine Gesten, Pausen und unvollendete Gespräche zu erkennen.
Volksmusik formt die Figuren
Besonders überzeugend gelingt es Sánchez Arévalo, die Musikgruppe als Bild für das Filmemachen selbst zu nutzen: Wie in der Musik hängt in seinem Ensemblefilm vieles davon ab, dass Einzelne ihren Platz finden, ohne ihre Eigenart zu verlieren. Alles muss aufeinander abgestimmt sein – aber nicht durch Gleichklang, sondern durch Aufmerksamkeit, Geduld und die Bereitschaft, sich auf die anderen einzulassen. Die Volksmusik wird daher nicht als Folklore ausgestellt, sondern konsequent für die Figurenentwicklung eingesetzt. Aus vertrauten Motiven – Trauer und Verlust, Mut, Schuld, psychische Verwundbarkeit und Liebe in verschiedenen Gestalten – setzt „So klingt das Leben“ etwas zusammen, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Vor allem macht der Film deutlich, dass Heilung nicht mit Vergessen verwechselt werden darf. Die Musik tilgt den Schmerz nicht. Sie gibt ihm eine Form, in der er geteilt werden kann: nicht spektakulär wie im Musical, dafür spürbar ehrlicher.
Damit wird auch klar, warum sich eine Rondalla als Bild für Gemeinschaft besonders eignet: Jede Person bringt eine eigene Begabung – und wohl auch eine eigene Motivation – ein. Doch jeder stellt sich mit seinem Instrument neben die anderen und muss lernen, zuzuhören. Genau dazu trägt die Musik bei: nicht als Stimmung oder Schmuck, sondern als Weg zurück ins Leben.
Der Autor schreibt als Historiker und Filmkritiker.
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