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Schöne neue Arbeitswelten 

Der Arbeitsplatz ist im deutschen Spielfilm selten ein zentrales Thema. „Ich verstehe Ihren Unmut“ und „Sommer auf Asphalt“ zeigen, dass daraus sehr unterschiedliches Kino entstehen kann: vom konzentrierten Sozialdrama bis zum tragikomödiantischen Beziehungskino. 
Vater Bert (Christoph Maria Herbst) und Tochter Les (Mala Emde) nähern sich langsam wieder an, nachdem sie viele Jahre lang kaum Kontakt hatten.
Foto: Wüste Medien | Vater Bert (Christoph Maria Herbst) und Tochter Les (Mala Emde) nähern sich langsam wieder an, nachdem sie viele Jahre lang kaum Kontakt hatten.

Die Arbeitswelt gehört nicht unbedingt zu den bevorzugten Sujets deutscher Spielfilme – anders als bei den britischen Regisseuren Mike Leigh und Ken Loach, die dem Alltag der arbeitenden Bevölkerung seit Jahrzehnten ihre Filme widmen: Leigh mit lakonischer Milieubeobachtung („Meantime“, 1984; „All or Nothing“, 2002), Loach mit sozialkritischer Haltung („I, Daniel Blake“, 2016; „Sorry We Missed You“, 2019). In Deutschland scheint die Arbeitswelt eher ein Thema für Dokumentarfilme mit sprechenden Titeln wie „Work Hard – Play Hard“ (2009–2011), „Der marktgerechte Mensch“ (2019) oder „Ohne Chefs – Demokratie bei der Arbeit“ (2025) zu sein. 

Wenn die Arbeitswelt im deutschen Spielfilm überhaupt eine Rolle spielt, dann meist in satirischer Form, etwa in „Zeit der Kannibalen“ (Johannes Naber, 2014), der bei seiner Teilnahme an der Berlinale als „eine ebenso unterkühlte wie schrille Groteske“ bezeichnet wurde. Und doch gibt es Ausnahmen. Aus den letzten Jahren sind hier zwei regelrechte Ausnahmefilme zu nennen: „In den Gängen“ (Thomas Stuber, 2018) zeichnet auf poetische Art den Arbeitsalltag von einfachen Angestellten in der ostdeutschen Provinz. Der schweizerisch-deutsche Spielfilm „Heldin“ (Petra Volpe, 2025) ist ein starker Film über eine Pflegekraft in einer überlasteten Klinik. 

Traurige Arbeitswelt 

Wenig poetisch und deshalb näher an „Heldin“ nimmt sich der Spielfilm „Ich verstehe Ihren Unmut“ von Kilian Armando Friedrich aus. Der Film begleitet die 59-jährige Objektleiterin Heike (Sabine Thalau) in halbdokumentarischer Dichte durch Bürohäuser, Flure, Beschwerden und Schichtpläne – durch einen Alltag im Niedriglohnsektor, der kaum ein Ende kennt. Heike muss ständig zwischen Kunden, Unternehmensleitung und Reinigungspersonal vermitteln. Sie hat versucht, einen nicht offiziell angemeldeten Arbeiter eines Subunternehmers abzuwerben, und damit gegen Vorschriften verstoßen. Nun droht der Subunternehmer, die Zusammenarbeit einzustellen, wenn Heike ihm nicht mehr Arbeitsstunden und Einnahmen zusichert. Um diesen Forderungen nachzukommen, müsste sie einen ihrer eigenen Mitarbeiter entlassen. 

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Die Kamera bleibt unangenehm nah, oft im Nacken der Protagonistin; der Druck wird körperlich spürbar. Daraus entsteht ein präzises Bild moderner Erschöpfung. Gerade weil der Film soziale Missstände nicht ausstellt, sondern in Arbeitsabläufen sichtbar macht, entfaltet er filmische Kraft. Dass nahezu alle Beschäftigten Ausländer sind, wird nicht plakativ betont. Der Blick bleibt bei Heike und ihrer zermürbenden Vermittlungsarbeit. Auch darin liegt die Stärke dieses leisen Sozialdramas. 

Mala Emde fährt Fahrrad 

Könnte „Ich verstehe Ihren Unmut“ an die Sozialdramen eines Ken Loach erinnern, so ist „Sommer auf Asphalt“ eher Mike Leigh verwandt: Zwar geht es auch hier um prekäre Arbeitsverhältnisse, allerdings mehr als Hintergrund. Im Zentrum steht eine Vater-Tochter-Beziehung. Les (Mala Emde) arbeitet als Fahrradkurierin in Hamburg, in einer Art Kollektivfirma ohne Hierarchien. Nachts feiert sie, viele Gedanken über ihre Zukunft scheint sie sich nicht zu machen. Sie lebt lieber schnell und sorglos. Das ändert sich, als ihr Vater Bert (Christoph Maria Herbst), zu dem sie seit Jahren kaum Kontakt hat, unerwartet vor der Tür steht. Er will sich von seiner Arbeit als Friseur in einer nicht näher bezeichneten Kleinstadt eine Auszeit nehmen, springt aber sofort ein, als Les sich bei einem Verkehrsunfall den Arm bricht. 

Dann erfährt Les auch noch von ihrer ungeplanten Schwangerschaft. Der werdende Vater Tyler (Aaron Hilmer) hätte zwar Lust auf ein Kind, ist aber selbst noch fast eines. Les wiederum spielt mit dem Gedanken an einen Schwangerschafts-„Abbruch“. Außerdem ist sie eher in eine Frau verliebt als in den Kindskopf Tyler. Regisseur Simon Ostermann mischt in „Sommer auf Asphalt“ eine ganze Reihe von Zeitgeistthemen: Bisexualität, ungewollte Schwangerschaft, mögliche Abtreibung, Arbeit im Niedriglohnbereich. Der Ton bleibt dennoch eher komödiantisch, die vorherrschenden Farben sind hell. Versöhnung spielt eine wichtige Rolle, auch wenn „Sommer auf Asphalt“ eine tragische Grundierung besitzt.  


„Ich verstehe Ihren Unmut“. Deutschland 2025/26, 90 Min. Regie: Kilian Armando Friedrich. „Sommer auf Asphalt“. Deutschland 2026, 92 Min. Regie: Simon Ostermann. Beide Filme im Kino ab dem 4. Juni. 

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