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Theatervisionär René Pollesch: Ein Werk voll elektrisierender Kraft

Der verstorbene Intendant der Berliner Volksbühne hat die deutschsprachige Theaterlandschaft nachhaltig geprägt.
René Pollesch
Foto: picture alliance/dpa | Daniel Karmann | Regisseur Pollesch hat in den Köpfen des Publikums Horizonte gesprengt.

Am 26. Februar 2024 ist René Pollesch überraschend verstorben. Die Bestürzung in der Kulturszene ist groß, schließlich hat der 61-jährige Autor-Regisseur, Theatervisionär und Intendant der Berliner Volksbühne die deutschsprachige Theaterlandschaft nachhaltig geprägt. Seine Arbeiten – über 200 Inszenierungen – trugen eine unverwechselbare Handschrift: „Pollesch-Theater“ war nicht an fiktiver Handlung und Figuren interessiert, sondern zündete berauschende Wort- und Diskursfeuerwerke, angereichert mit popkulturellen Zitaten.

Pollesch-Theater: Komplex und kurzweilig

„Ich will auf die Bühne bringen, was mich in meinem Leben beschäftigt, was ich im Alltag lese, was ich wissen will. Ich versuche, philosophisch zu reflektieren.“ Die intertextuelle Dichte seiner Theaterabende war groß, und nicht selten fühlte man sich als Zuschauer von der schieren Menge des von den Schauspielern rezitierten Texts – dabei konnten Geschrei und Flüsterton abrupt alternieren – geplättet. Doch bestand der Zauber dieser Abende gerade auch darin, dass Pollesch sie, bei all ihrer Komplexität und Abgründigkeit, zugleich unterhaltend und kurzweilig zu gestalten wusste.

René Pollesch, im hessischen Friedberg geboren, studierte am damals neuen Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaft bei Andrzej Wirth und Hans-Thies Lehmann, den Theoretikern des Postdramatischen Theaters. Bereits zu Studienzeiten wirkte er an Projekten von Theatergrößen wie Heiner Müller, George Tabori und Robert Wilson mit. Der entscheidende Durchbruch gelang ihm am Berliner „Prater“, der experimentierfreudigen zweiten Spielstätte der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, der er von 2001 bis 2007 als künstlerischer Leiter vorstand.

Mehrfach wurde Pollesch für seine Arbeit ausgezeichnet: Er erhielt zwei Mal den Mülheimer Dramatikerpreis, ferner den Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis für sein Gesamtwerk und 2019 den Arthur-Schnitzler-Preis. Als frei arbeitender Regisseur führte es ihn an alle großen deutschsprachigen Bühnen, so standen seine Stückentwicklungen regelmäßig auf den Spielplänen der Theaterhäuser unter anderem in Hamburg, Leipzig, München, Wien und Zürich. Besonders aber war Pollesch der Volksbühne Berlin verbunden, deren Intendanz er 2021 übernahm.

Theater als Teamwork

Sein Theater beruhte ganz wesentlich auf Teamwork: Im Probenprozess entwickelte er seine szenischen Texte im engen Austausch mit den Schauspielern weiter. Ein Pollesch-Stück war daher auch nur so gut wie das an seiner Produktion beteiligte Ensemble. Die Darsteller konnten und sollten sich mit eigenen Ideen einbringen, Textbausteine liefern und das thematisieren, was sie persönlich umtrieb – vielleicht haben sie auch deshalb die Kooperation mit Pollesch so geschätzt. Mit einzelnen Schauspielern arbeitete der Regisseur in wiederkehrenden Konstellationen eng zusammen. Im Staatstheater Stuttgart erwies sich etwa die Zusammenarbeit mit Christian Brey und Katja Bürkle als besonders produktiv, in Berlin gehörten Fabian Hinrichs, Sophie Rois und Martin Wuttke zu seinen Stammschauspielern. Mit Hinrichs entwickelte Pollesch zuletzt den Soloabend „ja nichts ist ok“, der vor rund zwei Wochen an der Volksbühne Premiere feierte – da war die Theaterwelt noch in Ordnung.

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Ein außergewöhnlichen Theatermacher

Mit René Pollesch verliert sie einen außergewöhnlichen Theatermacher, der in den Köpfen seines Publikums Horizonte sprengte, weil seine Arbeit unkonventionell war, überfordernd und verwirrend, zugleich aber von einer elektrisierenden Kraft. Eine Theatergängerin erinnert sich, wie sie ihren Jüngsten das erste Mal in einen Pollesch-Abend mitnahm. Der Elfjährige zeigte sich begeistert: „Mama, ich habe nichts verstanden. Es war toll!“


Giovanna-Beatrice Carlesso hat Germanistik und Kunstgeschichte studiert und über das postdramatische Theater Christophs Schlingensiefs promoviert. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt an der Schnittstelle von Literatur, Theater und bildender Kunst. Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit widmet sie sich dem kreativen Schreiben, der Literatur- und Kunstvermittlung.

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