Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung "Das Tagestor" - Die EM-Kolumne

Spielball des Marktes

Die Zerstückelung der Übertragungsrechte schafft keinen Wettbewerb zugunsten des Fußballfans, sondern verdirbt die Lust am Spiel.
Anzeigetafel zeigt den Zwei-zu-eins-Sieg der Türkei gegen Österreich bei der Fußball-EM 2024
Foto: IMAGO (www.imago-images.de) | In den Genuss, das Achtelfinalspiel der Türkei gegen Österreich zu verfolgen, kamen nicht alle Fußballfans. Die Partie lief exklusiv im Pay-TV.

Konkurrenz belebt das Geschäft. Das gilt nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch beim Fußball. Manch ein Sommertransfer wird bekanntlich nur getätigt, um den einen oder anderen Star, der sich in seiner Stammposition allzu sicher fühlt, etwas Druck zu machen und ihn durch einen Konkurrenten zu neuen Höchstleistungen anzutreiben. Die Qualität der Auswechselspieler kann auch bei einem Turnier wie der EM entscheidend sein, selbst wenn die Bankdrücker, wie es beim deutschen Team aktuell der Fall ist, kaum oder gar nicht zum Zug kommen. Letzten Endes sollen – so zumindest die Theorie – alle von einer kompetitiven Konkurrenzsituation profitieren, die Spieler ebenso wie die Zuschauer. Denn indem die Spieler auf diese Weise das Maximum aus sich herausholen, bieten sie dem Publikum zugleich den bestmöglichen Fußball.

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Analog dazu, könnte man meinen, könne es für den Fußballliebhaber nur von Vorteil sein, wenn die verschiedenen Fernsehsender und Streamingdienste in einen Wettbewerb um das beste Liveprogramm treten. Nur hat die Realität diese schöne Theorie inzwischen längst widerlegt. So ist es in Deutschland schon länger unmöglich, alle Spiele der Bundesliga oder der Champions League zu sehen, indem man sich einfach nur für einen Anbieter entscheidet. Im Gegenteil: Die Rechte für die Liveübertragungen wurden derart zerstückelt, dass man im Grunde überall zahlender Kunde werden muss, um seiner Fußballleidenschaft zu frönen. Konkurrenz belebt das Geschäft? In diesem Fall nur das Geschäft jener Unternehmen, die sich den Markt zum Nachteil des Kunden untereinander aufteilen.

Brot und Spiele

Dasselbe Trauerspiel herrscht nun bei der EM. Bei der gestrigen Knallerpartie zwischen Österreich und der Türkei schaute ich in die Röhre, allerdings nur in die sprichwörtliche. Denn das Match wurde weder von den öffentlich-rechtlichen Sendern noch von RTL, sondern nur von MagentaTV übertragen.

Das Volk braucht Brot und Spiele, wusste man schon im Alten Rom. Und auch in einer Demokratie gibt es ein legitimes Bedürfnis des Volkes, ein Großereignis wie die EM im eigenen Land zu verfolgen. Zumal der Bürger für „seinen“ ÖRR jeden Monat nolens volens seinen Obolus entrichten muss. In den meisten Dingen plädiere ich ja für einen schlanken Staat. Aber beim Fußball wäre ein staatliches Übertragungsmonopol wohl nicht das Schlechteste.

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Sebastian Ostritsch

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