Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung „Tagespost“-Salon zum Würzburger Katholikentag

Michael Wolffsohn fordert Bundeskanzler Merz zur Minderheitsregierung auf

Sein Lieblingsbuch? Die Bibel! Die „Tagespost“ eröffnet ihr Katholikentags-Programm mit einem Side-Event, bei dem der Historiker über Glaube und aktuelle Politik spricht.
„Tagespost“-Journalist Sebastian Sasse und der Historiker Michael Wolfssohn
Foto: Brinker | In der Interviewrunde mit „Tagespost“-Journalist Sebastian Sasse (links) gab sich Michael Wolfssohn überzeugt, dass aktuelle Probleme in Deutschland auch in der „akademischen Krise“ wurzelten.

Mit einem engagierten Plädoyer für eine CDU-geführte Minderheitsregierung überraschte gestern der bekannte Autor, Politikwissenschaftler und Historiker  Michael Wolfssohn in Würzburg. Auf dem literarischen Salon der „Tagespost“ las Wolfssohn, der in diesen Tagen 79 Jahre alt wird, aus seinem neuen Karajan-Buch, dem Bestseller „Genie und Gewissen – Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus“.  Anschließend stellte er sich den Fragen von „Tagespost“-Politikchef Sebastian Sasse und diskutierte mit dem Publikum.

Zu seinem Karajan-Buch erklärte der jüdische Publizist, er sei, gerade mit seiner Vergangenheit als Kind von Holocaust-Überlebenden, alles andere als ein „Entnazifizierer“. Karajan sei zutreffend nur in differenzierten Grautönen zu beschreiben und nicht in Schwarz-Weiß-Darstellungen. „Meine Mutter hat Karajan verehrt, für sie war er ein Mitläufer wie viele und als Künstler über jeden Zweifel erhaben.“

Wolfssohn konstatiert „akademische Krise“ in Deutschland

Wolfssohns Recherchen haben ergeben, dass das Klischee vom „glühenden Nazi“, wie es amerikanische Akten der Militärjustiz von 1946 nahelegten, unzutreffend sei. Zwar bleiben namhafte Karajan-Kritiker weiterhin bei ihrem Urteil über den Dirigenten, doch Wolfssohn ist aufgrund vieler Gespräche und Dokumente überzeugt: „Karajan wurde auch von den Nazis für ihre Kulturpolitik genutzt, mehr, als er die Nazis für seine Karriere benutzte!“

In der anschließenden Interviewrunde mit „Tagespost“-Journalist Sebastian Sasse gab sich Wolfssohn überzeugt, dass aktuelle Probleme in Deutschland auch in der „akademischen Krise“ wurzelten. Der Wissenschaftler, den Kollegen vor Jahren zu Deutschlands bestem Professor kürten, geißelte einen politisch einseitigen Wissenschaftsbetrieb, der vor allem bei den Geisteswissenschaften eine neutrale, kritische Herangehensweise aus den Augen verloren habe. Allerdings räumte er ein, dass viele Größen der deutschen Geschichtswissenschaften, von Treitschke bis Mommsen, rückblickend auch falsch gelegen hätten.

Die Katholiken ermutigte Wolfssohn zu einer Sicht auf die Welt aus dem Glauben an Gott. Auf die Frage von Sasse nach seinem Lieblingsbuch rief Wolfssohn aus: „Die Bibel!“ An mehreren Beispielen aus Altem und Neuem Testament zeigte er auf, dass dort Menschen in all ihrer Widersprüchlichkeit und Sündhaftigkeit gezeigt würden – und doch zum Werkzeug göttlicher Gnade wurden. Insbesondere beschrieb er in diesem Zusammenhang die komplexe Figur des Stammvaters Abraham oder Petrus, der seinen Herrn drei Mal verleugnete. „Und auf so einem Fels hat Christus seine Kirche erbaut!“, erklärte der emeritierte Professor, um seine These zu bestätigen, dass Menschen niemals nur ganz so oder so seien – und trotzdem von Gott angenommen sind. „Die Bibel ist in ihren Darstellungen dessen, was uns Menschen ausmacht, sehr nah an der Wirklichkeit. Die Autoren der Bibel wussten, wovon sie schrieben.“

Er sieht die AfD bereits als Sieger

Zur aktuellen Lage in Deutschland befragt, kritisierte Wolfssohn eine einseitige Publizistik. „Es ist verantwortungslos, wie einseitig bis heute die Situation in Gaza dargestellt wird.“ Viel zu wenig würde nach den Ursachen von Entwicklungen gefragt, stattdessen beschäftige man sich vor allem mit den Bildern gegenwärtigen Leids.

Bundeskanzler Friedrich Merz empfahl er eine Minderheitsregierung. Im Konsens der Demokraten könne man dann in wichtigen Sachfragen gemeinsam abstimmen. Bei den anstehenden Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt sieht der in Berlin lebende Wolfssohn die AfD bereits als Sieger, den Menschen dort sei offensichtlich nicht mehr zu helfen. „Aber eine Katastrophe wäre in meinen Augen ein Wahlsieg der AfD in den kleineren Ost-Ländern auch nicht“, betonte Wolfssohn in seiner abgeklärten Betrachtungsweise, die sich durch den ganzen Abend zog. Als alter Mann sei er allerdings, was die Zukunft insgesamt betrifft, skeptisch.

Im nächsten Jahr wird Wolfssohn 80 Jahre alt. Das allerdings war dem im blauen Anzug mit dezenter Krawatte und sportlichem Kurzmantel erschienenen Redner nicht anzumerken. Auch auf ein Glas fränkischen Silvaner mochte Wolfssohn an diesem Abend im neuen „Lügensteinmuseum“ in der Würzburger Innenstadt nicht verzichten – und nahm einen Bocksbeutel Spätburgunder mit nach Hause.

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Henry C. Brinker Die Tagespost

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