Seit gestern hat die Frankfurter Buchmesse wieder ihre Tore geöffnet. Vergangenes Jahr zählte die bis Sonntag dauernde Leistungsschau rund 238.000 Besucher. 118.000 Fach- und 120.000 Privatbesucher, 8.000 mehr (3.000 Fach- und 5.000 Privatbesucher) als im Jahr davor. Ziemlich ansehnlich für eine Branche, über deren Untergang seit Jahren immer wieder spekuliert wird.
Wahr ist allerdings auch: Die Lesekompetenz schwindet. Bei Jugendlichen und Erwachsenen gleichermaßen. Nicht nur Webseiten „in einfacher Sprache“ zeigen dies an. Laut der jüngsten PISA-Studie erreicht rund ein Drittel der 15-Jährigen nicht einmal das von der OECD definierte Mindestniveau. Bei den Älteren (16- bis 65-Jährigen) sieht es zwar besser, aber auch nicht wirklich gut aus. Im einstigen Land der Dichter und Denker erreichen 22 Prozent nur Kompetenzstufe 1 oder darunter. Was allerdings reicht, um im Mittel über dem OECD-Durchschnitt zu liegen.
Fast jedem dritten Kind wird selten oder nie vorgelesen
Noch alarmierender ist: Laut dem Vorlesemonitor 2024 wird fast jedem dritten Kind selten oder nie vorgelesen. Das darf – nein, das muss – verstören. Denn Vorlesen führt Kinder an das Lesen heran, macht sie neugierig auf Literatur, erweitert ihren Wortschatz, erleichtert das Lesenlernen, steigert Lesefreude und Frustrationstoleranz gleichermaßen.
Lesen ist eine Kulturtechnik. Eine, ohne die sich das immer komplexer werdende Leben weder verstehen, geschweige denn bewältigen lässt. Aber Lesen ist noch mehr. Lesen ist auch Widerstand. Widerstand gegen die Zumutungen und Übergriffigkeiten des digitalen Zeitalters, gegen seine so rücksichtlose wie unverschämte Aufmerksamkeitsökonomie, gegen den Terror seiner Algorithmen. Wer liest, gewinnt von alldem Distanz. Wer liest, taucht in die Gedankenwelt eines anderen ein, muss sich mit ihr in Beziehung setzen, das Gelesene verarbeiten, ihm zustimmen, es ablehnen, es gären lassen. Richtig praktiziert, ist Lesen kein bloßer Konsum fremder Ideen, sondern ein stiller Dialog mit der Welt, der der anderen wie der eigenen.
Lesen bildet. Ein gutes Buch, ob Prosa oder Lyrik, ob Belletristik oder Sachbuch, nimmt dem geübten Leser das Denken nicht ab, sondern fordert ihn überhaupt erst dazu heraus. Lesen erfordert Zeit und Stille. Und damit exakt das, was in der digitalen Welt absolute Mangelware ist. Ist Lesen also Luxus? So gesehen, ja. Und doch nein, weil dieser „Luxus“ ein notwendiger wäre. Wer liest, sorgt dafür, dass auf die Explosion der Daten keine Implosion des Geistes folgt.
Lesen ist die Verteidigung des Selbst
Lesen ist Widerstand. Lesen entschleunigt. Lesen fördert die Geduld, die eine kleine Schwester der Tugend der Klugheit, der „Mutter aller Tugenden“ (Thomas von Aquin) ist. Wer anspruchsvolle Literatur liest, kann gleichzeitig nichts anderes tun. Lesen erfordert Konzentration. Und Konzentration bedeutet im digitalen Zeitalter Freiheit.
„Viele Lehrkräfte“, schreibt Papst Leo XIV. in seiner Enzyklika „Magnifica humanitas“, bemerkten „bereits Anzeichen einer Entmenschlichung“, bei der „junge Menschen“ viel wüssten, aber Schwierigkeiten hätten, „ihrem Leben eine Ausrichtung zu geben“. Der Pontifex führt dies „zum Teil“ auf die „Unfähigkeit“ zurück, „Informationen und Wissen miteinander zu verknüpfen und nicht den Sinnhorizont zu verlieren“. Um das zu ändern, bedürfe es der „Förderung einer echten Hygiene der Aufmerksamkeit: mit Rhythmen, die Stille, vertieftes Studium, Lesen und besonnene Kommunikation“ beinhalteten. Ohne diese Elemente könne „die innere Freiheit“ beeinträchtigt werden.
Lesen ist Widerstand. Lesen ist Freiheit. Lesen ist revolutionär. Lesen ist die Verteidigung des Selbst gegen die Verrohung und Verdummung, die der schier endlose Daten-Tsunami unbarmherzig im Gepäck führt. Der Mensch des digitalen Zeitalters wird daher entweder wieder ein Lesender sein oder er wird nicht mehr sein.
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