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„Wir hielten uns für rumänische Beatles der Poesie“

Mircea Cărtărescu ist Rumäniens bekanntester Gegenwartsautor. Sein neuer Gedichtband gibt Einblick in sein frühes Werk. Im Gespräch erzählt er von seinem Schaffen und seiner Begegnung mit Papst Leo.
Der Autor Mircea Cărtărescu
Foto: Pär Bäckström/TT (APA-Images) | Der Autor Mircea Cărtărescu bei einem Besuch in Stockholm im Jahr 2026.

Für Mircea Cărtărescu ist Schreiben sein Lebenselixier. Er geht dabei stets von seinem Tagebuch aus, das er mit siebzehn begann und als sein Hauptwerk betrachtet. Im deutschsprachigen Raum wurde der 1956 in Bukarest geborene Autor dank des Engagements des Wiener Zsolnay-Verlags durch Großromane wie die „Orbitor“-Trilogie, „Solenoid“ oder „Theodoros“ bekannt. Mit der von Ernest Wichner übersetzten Auswahl seiner Gedichte der Jahre 1980 bis 2010 „Du trägst meine Samstage, ich deinen Oktober“ (Paul Zsolnay Verlag, 192 Seiten, 25 Euro) ist nun der frühe, erfrischend freche Mircea Cărtărescu in seinem ganzen Imaginarium zu erleben.

Herr Cărtărescu, wie kam es dazu, dass Sie und rund dreißig andere international bekannte Autorinnen und Autoren im Juni zu einer Audienz bei Papst Leo XIV. eingeladen wurden?

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Das war wirklich eine große Überraschung für mich. Ich war begeistert davon, dass der Papst mich und die anderen Schriftsteller einlud, das hundertjährige Bestehen des Verlags Libreria Editrice Vaticana zu feiern. Ich hatte noch nie zuvor mit dem Vatikan zu tun, außer dass ich das dortige Museum und die Sixtinische Kapelle besucht habe. Und nun begegnete ich dort zu meiner Überraschung Menschen, die ich schon lange einmal treffen wollte, wie den Literaturnobelpreisträger John Fosse, Marilynne Robinson und Eric Emmanuel-Schmitt und viele andere Kollegen, die meisten aus Italien. Ich weiß nicht, wer die Idee hatte, mich einzuladen. Einige meiner Bücher sind in Italien erschienen, aber ich hätte nicht gedacht, dass ich dort so populär bin (lacht).

Wie verlief Ihre Begegnung mit dem Papst?

„Als er mir die Hand gab, habe ich
gespürt, dass er ein guter Mann ist"

Ich habe ihm die Hand geschüttelt und gesagt, dass ich aus Rumänien komme. Das schien ihn sehr zu interessieren, er sagte: „Oh, Rumänien!“ Er eröffnete das Treffen mit einem kurzen Diskurs über die Rolle der Literatur in der aufgewühlten Welt, in der wir leben. Er drückte seine Ideen umfassend und mit viel Liebe für die Menschheit aus. Als er mir die Hand gab, habe ich gespürt, dass er ein guter Mann ist.

Halten Sie ihn für einen modernen Papst?

Ohne Zweifel. Er ist ausgesprochen modern und nah an der Realität unserer Zeit. Und er ist meiner Meinung nach effizient und sehr populär. In Italien und Frankreich wurde er ja wie ein Rockstar empfangen.

Sie haben einmal geschildert, wie Sie nach Ihrer atheistischen Erziehung in der rumänischen Volksrepublik mit dreißig zur Bibellektüre gefunden haben. War das vor allem ein literarisches Erweckungserlebnis für Sie?

Zu meiner Überraschung hatte die Bibel nichts Bigottes an sich, sondern war und ist ein großes Buch der Humanität, wenn nicht das größte. Ich entdeckte darin fantastische Sagen über das jüdische Volk, fantastische Gedichte und eine ebenso fantastische Sammlung von Weisheiten. Dadurch habe ich angefangen, die Bibel wie einen Roman zu lesen, nicht wie ein heiliges Buch.

Hat Sie die Bibel beim Schreiben Ihrer eigenen Romane beeinflusst? In der „Orbitor“-Trilogie und Ihrem jüngsten Roman „Theodoros“ (2024) gibt es zahlreiche Anspielungen, in „Theodoros“ ebenso Referenzen an die prächtige Bilderwelt der Orthodoxie.

„Mein Werk ist eher mystisch
und gnostisch orientiert als christlich"

Nicht unbedingt, aber vielleicht hat die Bibel wie andere Bücher der Antike, etwa die Bhagavad Gita oder das altägyptische Totenbuch, einen Schatten geworfen. Mein Werk ist eher mystisch und gnostisch orientiert als christlich. Ich habe einen universalen Wissensdurst. Deshalb geht es mir weniger um Stilfragen als darum, was ich schreibend über mich und die Welt entdecken kann.

Bei Ihrem neuen Buch „Du trägst meine Samstage, ich deinen Oktober“ hat Ihr Stammübersetzer Ernest Wichner erneut hervorragende Arbeit geleistet und auch den hinreißenden Titel ausgesucht, eine Zeile aus dem Langgedicht „Weil ich mich weigere, über Dinge zu schreiben, die ich nicht erlebt habe, schreibe ich über diesen Vormittag im September ‘89 (und ich komme euch allein mit den Reimen entgegen)“. Im Nachwort bezeichnet Wichner sich als „auswählenden Übersetzer“. Ist diese Kollektion der Jahre 1980–2010 auch auf seine Initiative hin entstanden?

Die erste Auswahl, die in Rumänien vor etwa fünfzehn Jahren erschien, hatte ich selbst aus acht Gedichtbänden getroffen, um zu zeigen, was ich unter Poesie verstehe. Denn ich begreife mich als Dichter, auch wenn ich Romane oder Kurzgeschichten schreibe. Diese Sammlung „Simply Poetry“ diente als Basis für Auswahlbände in anderen Sprachen. Die deutsche Kollektion folgt ihr frei, ergänzt sie aber etwa um die zwölf „Georgica“-Satiren auf das Landleben. Sie hatten in den 1980er-Jahren, als ich sie schrieb, durchaus etwas zu bedeuten.

Was ist das Besondere an diesem Zyklus in Kleinschreibung?

Es handelt sich um eine harsche Abwehr des Klischees von den Bauern, die das kommunistische System zu seinen schönsten und wertvollsten Bürgern erklärt hatte. In den „Georgica“ ist alles grotesk, prosaisch und trivial. Alles, was meine Dichterfreunde und ich damals geschrieben haben, richtete sich mehr oder weniger gegen das Regime. Unser freies Denken schlug sich selbst in den Liebesgedichten nieder. Das haben sie gespürt und hatten Angst davor. Die Zensur entfachte eine Kampagne gegen die sogenannte Generation der Achtziger oder die Blue-Jeans-Generation. Ich bin sehr stolz darauf, dieser legendären Generation des Montagszirkels anzugehören. Es war die beste Zeit meines Lebens, ich war sehr jung, Mitte zwanzig, und erfuhr damals alles, was das Leben ausmacht: Liebe, Poesie und Freundschaft.

Wunderbar sind die frechen Liebesgedichte, in denen häufig Riesinnen mit Superkräften vorkommen.

Unsere Poesie war eine sehr spezielle Kombination zwischen der Avantgarde und dem Surrealismus Europas und der Beat-Generation in den USA. Das Ergebnis waren gefühls- und bildstarke Gedichte, die wir auf die Straßen und unter die Leute bringen wollten, und das mit Erfolg. Aber zu den Riesinnen: In meinem gesamten Werk kann man auf diesen Gigantismus treffen. Auf eine gewisse Weise ist das eine Rückkehr in die kindliche Perspektive, als die Eltern tatsächlich wie Riesen erschienen. Immer wenn ich Lyrik schreibe, und das tue ich ständig, kehre ich in meine Kindheit zurück. Ich sehe die Dinge aus der Perspektive von damals.

In Ihren Gedichten kommt sehr viel Schnee vor, außerdem kräftige Farben, vor allem Gelb, Straßenbahnschienen und Elektrizität. Sind das stimulierende Elemente, die Ihr Schreiben vorantreiben?

„Wir hatten nichts, was wir mit dem Glanz
des Westens vergleichen konnten.
Deshalb schrieben wir darüber,
wie es sich anfühlen könnte, frei zu sein"

Unbedingt, die Farben und der Glanz der Welt kamen überall in unseren Gedichten vor, nicht nur in meinen, sondern auch in denen meiner wunderbaren Dichterkreis-Freunde Florin Iaru, Traian T. Coovei und Ion Stratan. Ihre Poesie war voller Farben. Wir wollten damit eine idealistische und utopische Welt zeigen. Wie gesagt, wir wollten die Poesie auf die Straßen bringen, die Straßen aber waren zerstört und voller Ruinen. Wir hatten nichts, was wir mit dem Glanz des Westens vergleichen konnten. Deshalb schrieben wir darüber, wie es sich anfühlen könnte, frei zu sein und ein normales Leben zu führen, nicht das von Sklaven. Die Poesie unterschied sich so stark wie möglich von der Welt um sie herum. Wir beschworen Städte wie Paris, New York oder Amsterdam, von denen wir annahmen, sie niemals bereisen zu können.

In zahlreichen Gedichten spielen Sie auf Beatles-Songs wie „Let it be“ an. Was schätzen sie an diesen Texten, ist es ihre universale Eingängigkeit?

Als ich das erste Mal die Musik der Beatles gehört habe, war ich restlos fasziniert davon. Der erste Song, den ich hörte, kam aus einem Megafon am Strand, es war „Michelle“. Ich fragte einen Freund, der neben mir lag, was das für Musik sei. Und meinte, ob ich verrückt sei, die Beatles nicht zu kennen, obwohl ich schon 22 oder 23 war. Seitdem sammle ich alles über sie und bin eine Art lebendes Beatles-Archiv, angefangen mit ihren Konzerten in Hamburg bis zu Paul McCartneys letzter Platte. In unserem literarischen Montagszirkel waren wir zu viert und veröffentlichten einen Gemeinschaftsband mit dem Titel „Air with Diamonds“, nach Art der Beatles. Wir hielten uns für rumänische Beatles der Poesie und stritten die ganze Zeit darum, wer wer sei.

Und welcher der Fab Four waren Sie?

George Harrison, dem ich damals etwas ähnlich sah. Nur Ringo Starr wollte keiner von uns sein, dabei wird er alle überleben.

Haben Bands wie die Beatles oder Dire Straits, die auch in Ihren Gedichten vorkommen, Sie mit dem Westen bekannt gemacht, bevor Sie selbst dorthin reisen konnten? Ihr den Band beschließendes Langgedicht „Der Westen“ sieht diesen ja durchaus kritisch: „Der Westen hat mir die Augen geöffnet / und mich mit der Stirn an den Türrahmen prallen lassen.“

Rumänien glich damals einem Gefängnis, denn die Grenzen waren geschlossen. Gewöhnliche Leute wie ich hatten nicht mal einen Reisepass. 1990 bin ich das erste Mal ins Ausland gefahren, gleich nach der Revolution. Und aus dem Desaster unseres Landes, das der Kommunismus ruiniert hatte, landete ich direkt im Zentrum von New York, dem Big Apple. Sie können sich vorstellen, was für ein Kulturschock das für mich war. Ich glaubte, niemals zurückkehren zu können und fürchtete zugleich, mich in diese neue Welt nicht einfügen zu können. Also habe ich am letzten Tag meines Aufenthalts eine Münze geworfen, und heraus kam Rumänien. Sonst wäre ich in den USA geblieben. Aber ich habe es nie bereut. Ich halte das für mein Schicksal und bin zufrieden damit.

Stimmt es, dass Sie nie mehr Gedichte schreiben werden? Das wäre doch sehr schade.

Das habe ich mir mit dreißig geschworen und mich dreißig Jahre lang daran gehalten und keinen einzigen Vers verfasst. Aber im Pandemie-Sommer habe ich wieder angefangen zu dichten, vierzehn Tage lang wie in Trance. Hundert dieser kleinen Gedichte habe ich in dem Band „Never cry for help“ versammelt.


Katrin Hillgruber ist Literaturkritikerin und Kulturjournalistin. Sie lebt in München.

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