Es ist wieder ruhig geworden am Lido di Venezia. Wo vor einigen Wochen noch das Filmfest den Boulevard mit den prächtigen Hotelfassaden und den quirligen Bars beherrschte, da treffen sich jetzt Boomer-Pärchen aller Herren Länder beim Aperol Spritz.
Während also am Lido gediegene Entspannung Einzug gehalten hat und nur die kreuzenden Vaporetti das seichte Wasser bewegen, da schlagen draußen in der Welt die Wellen umso höher. Ein Film bewegt Politik und Gesellschaft, auch wenn die meisten Diskutanten den Streifen gar nicht gesehen haben – und wohl auch nicht sehen werden: „Naza“. Die filmische Dokumentation von Yuval Abraham und Rachel Szor hatte bei den 83. Filmfestspielen von Venedig Premiere, nicht nur viel beachtet, sondern auch umjubelt.
Dabei fehlt dem Werk, um sich „dokumentarisch“ nennen zu dürfen, eine entscheidende Komponente: die Rückführbarkeit auf die Identität der zitierten Personen. Abraham und Szor führten nach dem 7. Oktober 2023 Interviews mit insgesamt 24 Personen. Darunter finden sich Soldaten genauso wie Angehörige des Geheimdienstes Mossad. Gefilmt wurde nachts in spannungsvoll-konspirativer Atmosphäre auf den offenen Dächern der Bauhaus-Architektur von Tel Aviv.
Politischer Hintergrund
Von den Befragten ist lediglich die Silhouette zu erkennen, Stimmen wurden so verfremdet, dass sie nicht zugeordnet werden können. Auch im Film vorkommende Zeichnungen wurden anonymisiert. Suggestivfragen nähren zusätzlich Zweifel an der Objektivität der Produzenten: Das Wort „Genozid“ wurde einem Befragten quasi in den Mund gelegt. Keine Frage: Die im Film erhobenen Vorwürfe wiegen schwer, es geht um die „Toten im Straßengraben“, wie es einst im Jargon der RAF hieß. Zivile Opfer also, die gleichgültig bis zynisch von der laufenden Kriegsmaschinerie eingepreist werden. Man könnte sagen: ein kalkulierter und eskalierter Racheakt für das Massaker vom 7. Oktober mit rund 1.200 Toten, darunter Hunderte arglose Besucher eines Open-Air-Festivals.

In der Gesamtschau des Films mit seiner internationalen Platzierung beim Filmfestival von Venedig und den vor der Tür stehenden israelischen Wahlen lässt sich ein innen- und außenpolitischer Hintergrund der Filmemacher kaum von der Hand weisen. Auch dieser Film ist eine Eskalation, zwar ohne Blut, denn der Krieg in den Köpfen funktioniert anders. Seine Folgen sind indes kaum zu unterschätzen.
Indienstnahme der Kunst
Noch bis zum 22. November dauert das Kunstspektakel der Biennale von Venedig, das von den Giardini und dem Arsenale in die Welt ausstrahlt. Es geht in fast allen Pavillons um postkoloniale Perspektiven auf eine als ungerecht wahrgenommene Welt. Der israelische Pavillon von 1952 ist geschlossen, hier findet nichts statt, eine Folge des Israel-Boykotts, wie er in weiten Teilen des Kulturlebens inzwischen zur Normalität geworden ist. Die leeren Fenster des weißen Baus wirken gespenstisch. Einen offiziellen, nationalen palästinensischen Pavillon auf der Biennale in Venedig gibt es nicht, da die Statuten der Biennale
Länderpavillons nur für Staaten vorsehen, die von Italien anerkannt sind. Palästinensische Kunstprojekte und offizielle Begleitveranstaltungen („Collateral Events“) mit Bezügen zu Palästina, wie etwa das Textilprojekt „Gaza – No Words“, sichern dennoch den Einfluss der palästinensischen Sache und tragen dazu bei, die Stimmung gegen Israel anzuheizen.
Die Indienstnahme der Kunst für die Politik, für Kriegsparteien und fragwürdige Auslegungen der Realität, sie schadet am Ende der Suche nach der Wahrheit. Und darum sollte es eigentlich gehen, wenn Künstler sich einmischen. Das ist ihr gutes Recht und ihre Pflicht. Als Waffe taugt die Kunst nicht.
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