Mit den verbotenen Bischofsweihen haben sich die Oberhirten der Priesterbruderschaft Pius X. Anfang Juli dieses Jahres selbst exkommuniziert. Während Papst Leo XIV. seit Monaten seine Mittwochskatechesen nutzt, um das Zweite Vatikanische Konzil als „Leitstern für die Kirche von heute“ vorzustellen, geht die Auseinandersetzung mit dem letzten Konzil, seinem theologischen Erbe und jenen, die es ablehnen, weiter.
Der in Wien lehrende Dogmatiker Jan-Heiner Tück vermag mit seiner Monographie „Ausverkauf des Konzils“ die Lage zu erhellen und die Hintergründe der Piusbrüder und ihrer Fundamentalkritik konzise darzustellen. Er brilliert dabei mit markiger Rede und meidet auch die Provokation nicht, wenn er gleich zum Einstieg darauf hinweist, dass die Oppositionshaltung zum Zweiten Vatikanum nicht nur als theologisch notwendig erkannt wird, sondern nunmehr zum Markenkern der FSSPX geraten ist, der das Schisma heute zum Marketing gereicht: „Binäre Codes wie das ‚Lehramt aller Zeiten‘ versus die ‚modernistische Kirche des Konzils‘, die ‚Messe aller Zeiten‘ versus die postkonziliare ‚Luthermesse‘ sind eingängig, klare Innen-Außen-Unterscheidungen geben Profil und sind medial gut sichtbar zu machen“, so Tück.
Kurzbiografie und Geschichte der FSSPX
Dem Leser werden neben einer kurzen Biografie des Erzvaters der Bruderschaft, Marcel Lefebvre, dessen Einwendungen gegen die Konzilslehre und eine kleine Geschichte der FSSPX nahegebracht. Eine Auseinandersetzung mit dem Konzil, seinen Lehren und seiner Rezeption ergänzt die Übersicht, bevor der „Communio“-Herausgeber einen Ausblick auf die weiteren Entwicklungen wagt.
Auf gut zweihundert Seiten erfährt der Leser, dass der Vater Lefebvres selbst Widerstandskämpfer im Vichy-Frankreich war und zahlreichen Juden das Leben rettete, bevor er im Konzentrationslager umkam. Man erfährt von der strengen Prägung Lefebvres, der als Missionsbischof in Dakar gewirkt hatte und als Generaloberer des Spiritaner-Ordens am Zweiten Vatikanischen Konzil teilnahm.
Dort stimmte er für die Liturgiekonstitution „Sacrosanctum Concilium“, aus der jene erneuerte Messform hervorging, die der Franzose später als oft ungültig gefeierten „Bastard-Ritus“ verunglimpfen sollte. Luzide erweist sich der Gang durch die Jahrzehnte, angefangen von den ersten illegalen Priesterweihen über die Glaubenserklärung von 1974, in welcher die Konzilskirche als eine „Bastard-Kirche“ gebrandmarkt wurde, welche den über neunzehn Jahrhunderte bewahrten Glauben verraten und sich sündhaft den Idealen der Französischen Revolution vermählt habe.
Versuch des Brückenbaus
Die wortgewaltigen Zitate vermitteln einen Eindruck von der typisch-lefebvrianischen Rhetorik der Unbarmherzigkeit und dem keck-frechen Ungehorsam des Erzbischofs, der 1975 in die kirchenrechtliche Auflösung der Bruderschaft und die Exkommunikation nach den ersten unerlaubten Bischofsweihen 1988 mündete. Dem vorkonziliaren Übermut stehen wiederkehrende Bemühungen der Kirche gegenüber, die immer und immer wieder versuchte, Brücken zu bauen, die gefallenen Brüder jedoch nicht dazu bringen konnte, die erneuerte Liturgie, Religionsfreiheit oder bischöfliche Kollegialität anzuerkennen.
Die von den Piusbrüdern immer wieder behauptete Traditionsverbundenheit stellt Tück gekonnt in Frage: Es „fehlen in Lefebvres Glaubensbekenntnis Kirchenväter-Zitate ebenso wie Verweise auf scholastische Theologen oder Konzilsentscheidungen der Alten Kirche oder des Mittelalters. Dabei ist das ungeschichtliche, auf Unabänderlichkeit fixierte Verständnis von Tradition selbst ein geschichtliches Produkt des 19. Jahrhunderts“. Mit Blick auf den durch Lefebvre erhobenen Vorwurf der Protestantisierung der Kirche durch das Konzil pariert der Autor mit dem Hinweis, dass die Idee, Konzilien könnten irren, doch selten so prominent vertreten wurde wie in der Leipziger Disputation durch Martin Luther: „Ironischerweise kann Lefebvres These, dass die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils in vielen Punkten Irrtümer enthalten, vor diesem Hintergrund als protestantisch gewertet werden. Lefebvre – ein Wiedergänger Luthers?“
Theologische Materien um die Erneuerung der Liturgie, welche den Opfercharakter der Messe nach Auffassung der Piusbrüder verraten habe, oder die Kollegialität der Bischöfe als Träger der obersten Gewalt in der Kirche mit und unter dem Papst werden ebenso erörtert wie die Frage nach Ökumene, interreligiösem Dialog und Religionsfreiheit. „Im Himmel gibt es keine Protestanten. Dort gibt es nur Katholiken“, hatte Lefebvre einst zu wissen gemeint und die Bemühungen um Verständigung und das Anerkenntnis der Konzilsdokumente, dass Elemente der Wahrheit auch in anderen Konfessionen zu finden seien, als „Indifferentismus“ und Ausdruck einer Alles-Egal-Haltung zurückgewiesen. Tück zeichnet auf, dass die Freiheit geradezu die Voraussetzung ist, um die Wahrheit erkennen zu können, da alles andere zu einem „Fassaden-Katholizismus“ führe.
Die Weihnachtsansprache
Um das Verhältnis der Kirche vor dem Konzil zu jener nach dem Konzil zu klären, bemüht er naheliegenderweise die Weihnachtsansprache Benedikts XVI. an die Römische Kurie von 2005 und geht auf die notwendige Hermeneutik der Reform ein, die er der lefebvrianischen Hermeneutik des Bruchs entgegensetzt. In diesem Kontext weist er auch darauf hin, dass sich letztere nicht nur im reaktionären Lager findet, sondern gleichermaßen bei selbsternannten Erneuerern, welche sich auf den „Geist des Konzils“ berufen und mithilfe dieses Gespenstes einen so vom Konzil nie forcierten Bildersturm rechtfertigen.
Tück weist darauf hin, dass das Schisma der Piusbrüder auch eine Mahnung an die Kirche selbst ist, sich mit der Konzilsrezeption kritisch auseinanderzusetzen: „Die einen berufen sich auf die Kirche von gestern, um der Kirche von heute die Gefolgschaft aufzukündigen. Die andern berufen sich auf die Kirche von morgen, um die Kirche von heute eigenmächtig zu verändern.“ Mit Yves Congar fragt der Wiener Professor: „Handelt es sich nicht heute und morgen um die Kirche von jeher?“
Doktrinale, pastorale und disziplinarische Ebene
In einem letzten Schritt skizziert Tück je eine doktrinale, pastorale und disziplinarische Ebene des Konflikts um die FSSPX und weist darauf hin, dass eine Einigung mit ihnen für die Kirche nur dann möglich scheint, wenn sie die Verbindlichkeit der Konzilstexte schleift und quasi jenen „Ausverkauf des Konzils“ vornimmt, der das Buch übertitelt. Eine bedingungslose Anerkennung, wie sie ansatzhaft in der Verleihung von Trau- und Beichtvollmacht durch Papst Franziskus 2015 festzustellen war, ginge auf Kosten der Einheit in der Glaubenslehre und wirft ähnliche Fragen auf wie die Erklärung „Fiducia supplicans“ zur Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren.
Die Piusbruderschaft gleicht, so gesehen, einem homosexuellen Pärchen: eine irreguläre Verbindung und dadurch eine Herausforderung für eine inklusive Kirche, welche um eine einladende pastorale Praxis ringt und gleichzeitig die Treue zur Glaubenslehre bewahren will. Einen einfachen Ausweg vermag freilich auch Tück nicht zu bieten, doch dafür hilft er den Lesern, einen Konflikt zu verstehen, der die Kirche wohl noch einige Jahrzehnte weiter befassen wird.
Jan-Heiner Tück: Ausverkauf des Konzils. Die Päpste und die Piusbruderschaft – Eine Konfliktgeschichte. Herder, Freiburg, 2026, gebunden, 224 Seiten, EUR 24,–
Der Rezensent ist Diakon im Bistum Görlitz.
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