Im Interview gesteht Nora Bossong einmal, ihr Lieblingsjob sei der als Ministrantin. Das kann man kaum glauben, denn offenkundig ist es doch das Fabulieren – oder, sagen wir lieber, die Beschwörung des Geistes der Erzählung. Die 1982 in Bremen geborene Schriftstellerin bezeichnet sich gelegentlich als eine „protestantische Katholikin“. Diese Schriftstellerin ist also eine gefährliche Katholikin, denn sie hat viel über sich und ihren Glauben nachgedacht.
Neben ihrer Arbeit an preisgekrönten Gedichten und Romanen, wie zuletzt „Reichskanzlerplatz“, fand Bossong auch Zeit, Mitglied im ZdK zu sein. „Vor allem aber gehe ich wöchentlich in die Messe“, sagt sie jedoch. Als Essayistin führte sie schon oft ihre umsichtigen, in allen Dingen klugen Gedanken spazieren. Sie ist in ihren Urteilen bestimmt, nicht frei von Irrtum, aber immer fair und natürlich elegant.
Ihre Generationenporträts in „Die Geschmeidigen“ (2022) und ihre politischen Essays in „Auch morgens“ (2021) zeigen sie als eine intime Erkunderin der Generation Einheitsbrei (geboren zwischen 1975 und 1985), eine hellwache Beobachterin der Xennials. Eben scheinbar noch etwas unschlüssig, was angesichts des neuen politischen Ernsts anzustellen sei, wendet sie sich nun mit energischen Essays der Religion zu. Die Welt ist seit der Pandemie, dem Aufstieg der Populisten, dem Ukrainekrieg und dem 7. Oktober 2023 eine andere geworden: Woher den Enthusiasmus zum neuen Wurf nehmen, wenn rings nichts als Verlust, zynische Gewalt, Schwere und enttäuschtes Vertrauen zu spüren ist? Im Bild des „Burnouts“ diagnostiziert Bossong Zeitgenossen, die zwischen Überforderung, Rückzug und Apokalypse schwanken.
Abbrüche und Sinnsuche
Ausgelöst vom Tod ihres Vaters, erlebt Nora Bossong das Schreiben zunehmend als sinnlos; eine einfache Handlung bei Beerdigungen, das Entzünden und Schwenken des Weihrauchfasses, richtet sie dagegen auf. Die Religion erfährt sie zunächst als eine tradierte Sprache für Erfahrungen, in denen individuelle Worte versagen. Rituale hingegen tragen, weil sie im Antlitz anderer Menschen stattfinden, auch jener, die bereits vor uns nach Formen für Trauer und Trost gesucht haben und jetzt nicht mehr anwesend sind.
Und wohin, wenn „das destabilisiert wird, was für unser Miteinander, für Streit und Versöhnung grundlegend ist: unser gemeinsames Sprechen“? Die Sehnsucht nach einem Raum vor den Thesen, vor den Parteiungen gehört zum Sound einer allgemeinen Atomisierung. Dass auch kirchliche Hoffnungsträger wie Papst Leo XIV. hier in Nora Bossongs Analyse wenig Abhilfe versprechen, führt sie nicht in andere Felder. Selbst der Literatur gesteht die Schriftstellerin nicht zu, als Ersatzhandlung einzuspringen: „In der Literatur betrete ich etwas Tieferes als den Alltag, und doch kann ich Literatur nicht als einen letzten Grund, als einen umfassenden Sinn verstehen.“ So verpflichtet sich Bossong dazu, der Forderung nach Sinn nicht auszuweichen. Sich dieser Forderung zu stellen, meint in ihren Augen, die Semantik des Wortes Gott radikal in sich selbst und mit anderen auszubuchstabieren. Es ist hinreißend, wie ihr in diesen Reflexionen abwechselnd Antonio Gramsci und Romano Guardini Pate stehen.
„Angelehnt an Guardini“, schreibt Bossong, „können wir den Mitschöpferdienst, zu dem Gott den Menschen berufen hat, so verstehen, dass in der Begegnung mit den Dingen und Menschen die eigentliche Welt werde. [Aber] immer dann, wenn wir in dem anderen kein Du mehr erkennen, zerstören wir Welt.“
Wie noch an Märchen glauben?
Es ist ebendiese Logik, die sie kirchenkritisch in ihren Diskussionen über den Missbrauch des Glaubens und die Instrumentalisierung religiösen Jargons durch populistische Blender in Dienst nimmt. Auf diese Weise entwickeln die Essays eine Stoßrichtung, die durch die resignierten Feststellungen und das Klage-Parlando hindurchdringt und eine Öffnung zum Gottvertrauen imaginiert. „Hoffnung aus dem Himmel“, schreibt die Autorin, „in Zuversicht auf der Erde, so fasse ich die Vorstellung vom Reich Gottes – Hoffnung, als das, was über unsere Macht hinausgeht; Zuversicht hingegen als das, was wir auch in der Hand haben.“
Die Essays in „Welt mit anderen Mitteln. Für mehr Glauben in erschöpften Zeiten“ sind Variationen, getragen von einer Spannung, die aus dem Anspruch einer schon angebrochenen Gnade und dem Mangel in einer noch nicht erfüllten Welt resultiert. Bezeichnenderweise schimmert, wie bei einem Hintergrundlicht, die Liturgie bei Nora Bossong nicht bloß als ein ästhetisches, theologisches und choreografisches Gebilde durch, in das man periodisch betend eintaucht. Vielmehr überraschen diese Essays, weil sie Nora Bossong als eine Christin ausweisen, die etwas von dieser Liturgie erwartet. Man fühlt sich beim Lesen an ein fast zwanzig Jahre altes Gedicht von ihr erinnert; es trägt den Titel „Geweihe“. Dort heißt es: „Das Spiel ist abgebrochen. Wie sollen wir / jetzt noch an Märchen glauben? Die Äste / splittern nachts nicht mehr, kein Wild, / das durch die Wälder zieht und das Gewitter / löst sich in Fliegenschwärmen auf. Gleichwohl / es bleibt dabei: Das Jucken unter unseren Füßen / ist kein Tannenrest, kein Nesselblatt, wir folgen noch / dem Dreierschritt, den sieben Bergen und auch / dem Rehkitz Brüderchen und seiner Liebsten.“
Nora Bossong: „Welt mit anderen Mitteln. Für mehr Glauben in erschöpften Zeiten“, München: Kösel-Verlag, 2026, 128 Seiten, Hardcover, EUR 16,–
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