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Glauben an die Kraft des Aufstehens

Erzählt werden derzeit vor allem Geschichten über Scham, Zerbrechlichkeit und Scheitern. Was ist so schlecht daran, wieder auf die Beine zu kommen?
Aufsteher-Geschichten fehlen hierzulande
Foto: Frederic Batier (X Filme/ARD/SKY) | In „Babylon Berlin“ ermutigen sich die Charaktere dazu, nach Rückschlägen neu aufzustehen - dabei sind, findet Ute Cohen, Geschichten vom Aufgeben heute viel verbreiteter.

„Wir sind Straßenkinder. Wir stehen wieder auf. Immer.“ Sprüche wie diese bewundern wir in der Erfolgsserie „Babylon Berlin“, im wahren Leben aber ist die Aufsteher-Devise in Verruf geraten. Auf dem Bildschirm befeuern sich junge Menschen, die sich aus Elendsvierteln herausgekämpft haben, gegenseitig. Sie rappeln sich auf, bauen und schaffen. Ihr Rückgrat drücken Sie durch, die Füße suchen den Kontakt mit dem Boden, um Haftung zu erhalten, Erdung, einen Grund, auf dem sie sich in Haltung proben. Sie stehen auf, weil sie nicht anders können, weil sie es müssen, weil das Leben nicht für alle ein doppeltes Netz parat hält. Wer nicht aufsteht, ist verdammt dazu, im Dreck zu scharren und das Leben aus einer garstigen Perspektive zu ertragen.

Liegen bleiben darf nur derjenige, der weich gebettet ist. Der darf Parolen schwingen über hehre Haltung und den Hiob spielen. Der sanft Gebettete mit elterlichem Aktienpaket und Eigentumswohnungen in Freiburg und Berlin darf als guter Systemkritiker und intersektional-feministischer Neomarxist (keine Bange: muss man nicht kennen; austauschbar durch andere kryptische Modevokabeln) die Aufsteher sogar belächeln. Glaubt der Aufsteher sich doch fähig, es zu schaffen, sich zu erheben, die Beine zu schütteln, sich bereitzumachen, und sei‘s für einen weit‘ren Tanz auf dem Vulkan. Das allein ist schon Verrat für die Weichgebetteten, die selbst ein Stehaufmännchen am liebsten festzurren und – jawoll! – am Aufstehen hindern würden. 

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Sie erinnern sich an Stehaufmännchen? Diese entzückenden kleinen Figuren, die sich immer wieder von selbst in eine aufrechte Lage bringen? Ein Kind, das dieses Phänomen beobachtet, ahnt, dass es immer wieder weitergehen kann im Leben und meist auch muss. Das Stehaufmännchen aber ist in Misskredit geraten. Über Gründe lässt sich spekulieren: Ist es zu proletarisch für die Salonkrieger, eine Beschämung für die Weichgebetteten? Ertragen wir die Stehaufmännchen nur auf der Leinwand oder ist es schon so weit, dass wir sie auch dort zum Verschwinden bringen müssen? 
In Deutschland nimmt die Degradierung des Stehaufmännchens Ausmaße an, die vor ein paar Jahren noch unverstellbar waren: Aufsteher-Geschichten gibt es kaum. Die Resilienz, diese bewundernswerte, wenngleich freilich ungleich verteilte Kraft, auch schwere Krisen relativ unbeschadet zu bewältigen, wird abgewertet als neoliberales Phantasma.

Erzählt werden vor allem Geschichten über Scham, Zerbrechlichkeit und Scheitern. Dabei soll es bittschön auch bleiben! Wo kämen wir denn hin, wenn dieser proletarische Aufsteher-Modus Schule machen würde! In Frankreich dagegen gibt es Serien, die Erfolgsgeschichten zeigen. Das sind nicht unbedingt Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichten amerikanischer Fasson, wohl aber Stories über Milieu und Eigenverantwortung. In der Serie „Banlieusards“ wird das Leben dreier Brüder dargestellt, die in einer dieser berühmt-berüchtigten Pariser Vorstadtviertel aufwachsen. Die Regisseure machen es sich nicht leicht: Sie entscheiden sich für das Menschliche anstatt für das Platt-Politische. Einer der Brüder brilliert im Jurastudium, der zweite kennt die Gesetze der Straße und der dritte sucht seinen Weg mit unsicherem Ausgang. Drei Lebenswege, ein Milieu. In einer der besten Szenen soll der junge Jurastudent bei einem Rhetorikwettbewerb die Position des Staates vertreten, seine Gegnerin, eine junge Frau aus bourgeoisen Verhältnissen die Seite der Banlieue-Bewohner verteidigen. Es ist ein Vergnügen, die beiden Plädoyers hören! 
Nichts vermag den Glauben an die Kraft des Aufstehens mehr zu stärken als diese beiden jungen Menschen, die mit ihren Fähigkeiten und ihrem Talent alle holzschnittartigen Diskurse zunichte machen. Man wünscht sich auch hierzulande Geschichten, die unsere Welt auf den Kopf stellen, damit wir wieder auf die Beine kommen.

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Ute Cohen Glaube Systemkritiker

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