Pater Edmund Waldstein hat in einem internen Schreiben seine Schriften zum Neo-Integralismus zurückgezogen. Das bestätigte der Rektor der Hochschule des österreichischen Stiftes Heiligenkreuz, Wolfgang Klausnitzer, gegenüber der „Tagespost“. Waldstein ist dort Dozent, derzeit aber von der Lehre ausgeschlossen. Zur Debatte um seine Person darf er sich nach Recherchen unserer Zeitung nicht äußern.
In der Kritik steht der Zisterzienser besonders wegen Äußerungen zur Todesstrafe für Häretiker, die er 2019 auf seinem Blog veröffentlicht hatte. Nach öffentlichem Protest nahm er sie 2024 zurück; in besagtem Schreiben distanziert er sich nun neuerlich von seinen damaligen Äußerungen.
Die Liberalismus-Kritik hat wieder Konjunktur
Warum das Rektor Klausnitzer dennoch nicht weit genug geht, lässt sich in Sebastian Ostritschs spannendem Artikel über die Affäre nachlesen. Klar ist: Unter öffentlichem und institutionellem Druck hat einer der Köpfe der neo-integralistischen Bewegung seine Positionen komplett geräumt. An der Universität Innsbruck hatte man ihm bereits 2025 nahegelegt, sein Habilitationsprojekt nicht weiterzuverfolgen. Auch die theologische Hochschule ITI in Trumau, die von Waldsteins Vater mitbegründet wurde und an der der Pater ebenfalls lehrte, distanzierte sich kürzlich noch einmal öffentlich von ihrem Dozenten.
Die Liberalismus-Kritik, die zum Teil sehr alt ist, hat wieder Konjunktur. Unter dem Label „Postliberalismus“ wird nach Alternativen zur liberalen Ordnung gesucht. Als dessen katholisch verschärfte Variante kann der Neo-Integralismus gelten. Waldstein galt bislang als maßgeblicher Vertreter dieser vor allem im englischsprachigen Raum beheimateten Strömung. Als Antwort auf die „Krise des Liberalismus“ wollen Neo-Integralisten die liberale Trennung von Religion und Politik überwinden und Recht und Staat an katholischen Moralvorstellungen ausrichten. Mehr noch: Da das „zeitliche Ziel“ des Menschen seinem „ewigen Ziel“ untergeordnet sei, müsse „die zeitliche Gewalt der geistlichen Gewalt untergeordnet“ sein, formulierte Waldstein einmal apodiktisch.
Den Neo-Integralisten wird gern vorgeworfen, sie träumten insgeheim von einer katholischen Variante des Iran. Adrian Vermeule, Professor an der Harvard Law School und Vordenker der Bewegung, wird der Satz zugeschrieben, der Iran habe das „richtige Modell, aber die falsche Religion“. Tatsache ist, dass Waldstein einem bereits 2014 gegründeten Arbeitskreis katholischer Denker und iranischer Gelehrter angehört, in dem über Religion, Philosophie und politische Theorie gesprochen wird.
Parallelen zu den politischen Ansprüche des Papsttums im Hochmittelalter
Waldstein ist nicht der erste westliche Intellektuelle, der sich für den Iran interessiert. Michel Foucault reiste 1978 zweimal in das Land und wurde Zeuge des Aufstands gegen den Schah. Fasziniert von der Verbindung aus Religion und Revolte prägte der französische Philosoph den Begriff der „politischen Spiritualität“. In Südamerika stand zur gleichen Zeit die christliche Befreiungstheologie hoch im Kurs. Die Skepsis gegenüber liberalen Ordnungen hat der Neo-Integralismus mit beidem gemeinsam.
Nun ist die Trennung von Staat und Religion, die die Neo-Integralisten infrage stellen, in Europa keineswegs überall so strikt vollzogen wie in Frankreich mit seiner Laïcité. In Deutschland kooperiert der Staat auf vielfältige Weise mit den Kirchen. Zwischen einem laizistischen Staat und einer „Theokratie“ liegt ein weites Feld möglicher Zuordnungen von Religion und Politik.
Fragt sich also, wo genau das neo-integralistische Modell in diesem Spektrum zu verorten wäre. Wenn Waldstein ohne nähere Einschränkung erklärt, die zeitliche Gewalt müsse der geistlichen „untergeordnet“ sein, dann erinnert das an die politischen Ansprüche des Papsttums im Hochmittelalter.
Keine realistische Aussicht auf praktische Umsetzung
Als politisches Programm ist der Neo-Integralismus ein ideologisches Wolkenkuckucksheim. Dass die Verstiegenheit politischer Theorien keine Grenzen kennt, ist dabei freilich keine Spezialität katholischer Postliberaler. Eine realistische Aussicht auf praktische Umsetzung besteht ohnehin nicht.
Im Iran sind Hinrichtungen von Abtrünnigen und Gotteslästerern politische Realität. Anders als vielfach dargestellt, hat Waldstein sie in einem Blog allerdings nie „gefordert“, wie Sebastian Ostritsch in seinem Artikel zeigt. Nicht leugnen lässt sich indes, dass der Neo-Integralismus die Anwendung von Zwang in Glaubens- und Gewissensfragen für legitim hält.
Und damit sind wir bei der Ironie der Geschichte. Waldstein musste seine Positionen unter äußerem Druck räumen, nicht, sagen wir, unter dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments. Diese Gelegenheit hatte er nicht. Das wirft die Frage auf, wie illiberal die Mittel sein dürfen, mit denen man auf illiberale Positionen reagiert.
Jetzt die „Tagespost" abonnieren und nichts mehr verpassen.









