Ein junger österreichischer Zisterziensermönch mit Verbindungen ins Weiße Haus unter Donald Trump. Eine internationale Gruppe reaktionärer Intellektueller, die den Abgesang auf die liberale Moderne anstimmen und von einer Übernahme des Staates durch die Kirche samt Abwicklung der Religionsfreiheit träumen. Und mittendrin, wie die Spinne im Netz, wieder derselbe Geistliche. Dieses Bild zeichnete die Journalistin Eva Konzett 2024 im österreichischen „Falter“ kurz vor der Wiederwahl Donald Trumps. Der ins Visier genommene Mönch ist Pater Edmund Waldstein vom Stift Heiligenkreuz bei Wien. Die intellektuelle Bewegung, die der heute 42-Jährige mitgeprägt hat, hört auf den Namen „Neo-Integralismus“ und ist, grob gesprochen, so etwas wie die katholisch verschärfte Version des Postliberalismus, der inzwischen zur politiktheoretischen Strömung der Stunde avanciert ist.
Auf den „Falter“-Artikel folgte ein Text der Linzer Theologin Sigrid Rettenbacher, Vorsitzende der „European Society of Women in Theological Research“, der von vermehrten „Einschüchterungsversuchen und Übergriffen gegenüber Theolog*innen an österreichischen Fakultäten“ sprach und damit auch Edmund Waldstein assoziierte, ohne jedoch diesbezüglich konkrete Vorwürfe zu erheben. Unter Bezugnahme auf einen Artikel des Soziologen Andreas Kemper auf dem linken Kampagnenblog „Campact“ schrieb Rettenbacher, in den USA werde Waldstein „als einer der katholischen Influencer beschrieben, dessen Einflussbereich bis zum katholischen Vize-Präsidenten J.D. Vance reicht“.
Selbst die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS), so Rettenbacher, warne „– unter ausdrücklicher Nennung von Waldstein – ebenso vor dem Integralismus“. In der Tat beschrieb der US-amerikanische Politikwissenschaftler James M. Patterson in einem auf der Webseite der KAS veröffentlichten Text vom Februar 2024 den „katholischen Neo-Integralismus“ als „eine ideologische Gefahr“ und benannte Waldstein als einen der Hauptakteure.
Alternativen zum Liberalismus
Dass Waldstein eine zentrale Figur des Neo-Integralismus ist, wird man nicht leugnen können. Auch die Bedeutung des Neo-Integralismus ist, obwohl sie nur von einer kleinen Gruppe von Intellektuellen ausgeht, nicht zu unterschätzen. Zwar dürfte kaum jemand ernsthaft Donald Trump und insbesondere die Politik seiner zweiten Amtszeit als integralistisch bezeichnen, aber der Neo-Integralismus ist ebenso wie der Postliberalismus dennoch deutlich im Aufwind. Zur Erklärung des eigenen Erfolges können Integralisten und Postliberale auf mehrere problematische Folgen des Liberalismus verweisen: auf die Vereinzelung des Menschen, den Verlust des Begriffs des Gemeinwohls und die Auflösung jener natürlichen und transzendenzbezogenen Institutionen, sprich: der Familie und der Religion, die dem Menschen einen Sinnhorizont eröffnen, der über sein eigenes irdisches Leben hinausweist. Aus Sicht der Neo-Integralisten und Postliberalen droht eine absolute Trennung zwischen der christlichen Religion und dem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat, Letzterem die Basis zu entziehen. Dieser auf Alexis de Tocqueville zurückgehende Gedanke wird in Deutschland seit Jahren in Form des Böckenförde-Diktums angeführt, um die Krise der liberalen Demokratie zu erklären: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Auf dieses Fundierungsparadox des Liberalismus reagiert der Neo-Integralismus mit dem Alternativvorschlag eines nach katholischen Prinzipien organisierten Staates.

Waldstein selbst hat auf dem Blog „The Josias“ – dem Online-Zentralorgan des Neo-Integralismus – folgende Definition gegeben: „Der katholische Integralismus ist eine Denktradition, die die liberale Trennung der Politik von der Sorge um das Ziel des menschlichen Lebens ablehnt und festhält, dass politische Herrschaft den Menschen auf sein Endziel hinzuordnen hat. Da der Mensch jedoch sowohl ein zeitliches als auch ein ewiges Ziel hat, hält der Integralismus fest, dass es zwei Gewalten gibt, die ihn beherrschen: eine zeitliche Gewalt und eine geistliche Gewalt. Und da das zeitliche Ziel des Menschen seinem ewigen Ziel untergeordnet ist, muss die zeitliche Gewalt der geistlichen Gewalt untergeordnet sein.“ Das heißt: Der Mensch strebt nach einem erfüllten Leben auf Erden; dieses zu ermöglichen und zu sichern, ist die Aufgabe der Politik. Der Mensch hat aber auch ein überirdisches Ziel, nämlich die ewige Seligkeit zu erreichen. Für dieses seelische Heil wiederum ist die Kirche zuständig. Während liberale Demokratien diese beiden Sphären strikt trennen, fordert der Neo-Integralismus, dass der Staat nicht nur das Gemeinwohl, sondern auch das Heil der Menschen fördern und damit in den Dienst der Kirche treten sollte.
Totalitärer Charakter?
Aus Sicht der Kritiker verleiht diese Art der Unterordnung des Staates unter die Kirche dem Neo-Integralismus einen anti-demokratischen, ja totalitären Charakter, was sich besonders in der integralistischen Negation der Religionsfreiheit zeige. In diesem Punkt berufen sich katholische Gegner des Integralismus meist auf die Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils zur Religionsfreiheit, „Dignitatis humanae“, wonach der Staat in religiösen Dingen niemals Zwang ausüben dürfe. Die Freiheit des Gewissens sei vor allem in religiösen Dingen vor jedem Zwang zu schützen, oder wie es im Dokument heißt: „Diese Freiheit besteht darin, dass alle Menschen frei sein müssen von jedem Zwang sowohl von Seiten Einzelner wie gesellschaftlicher Gruppen, wie jeglicher menschlichen Gewalt, sodass in religiösen Dingen niemand gezwungen wird, gegen sein Gewissen zu handeln, noch daran gehindert wird, privat und öffentlich, als Einzelner oder in Verbindung mit anderen – innerhalb der gebührenden Grenzen – nach seinem Gewissen zu handeln.“
Neo-Integralisten wie der britische Philosoph Thomas Pink, aber auch Waldstein, reagieren darauf mit dem Hinweis, dass diese Freiheit von Zwang nicht im Widerspruch zu einem Staat stünde, der sich ausdrücklich als christlich versteht und das Christentum entsprechend privilegiert. Der Wortlaut von „Dignitatis humanae“ liefert auch für diese Ansicht einen Anhaltspunkt. So heißt es am Ende des Vorwortes: „Da nun die religiöse Freiheit, welche die Menschen zur Erfüllung der pflichtgemäßen Gottesverehrung beanspruchen, sich auf die Freiheit von Zwang in der staatlichen Gesellschaft bezieht, lässt sie die überlieferte katholische Lehre von der moralischen Pflicht der Menschen und der Gesellschaften gegenüber der wahren Religion und der einzigen Kirche Christi unangetastet.“ Auch wenn das Zweite Vatikanische Konzil die staatliche Religionsfreiheit lehrte, hielt es also doch an der moralischen Pflicht, Christ zu sein, fest – einer Pflicht, die nicht nur für Individuen, sondern auch für Gesellschaften bestehe. Aus neo-integralistischer Sicht ist ein Gemeinwesen, das sich zum Katholizismus bekennt, gerade nicht totalitär, sondern ermöglicht einen verantwortungsvollen Freiheitsbegriff, der Freiheit nicht als Zügellosigkeit missversteht.
Austausch mit iranischen Gelehrten
Kritiker halten das Bekenntnis der Neo-Integralisten zu Religionsfreiheit jedoch für Augenwischerei. Was diese Denker in Wahrheit im Sinn hätten, sei vielmehr eine katholische Variante des iranischen „Gottesstaates“ – inklusive der Todesstrafe für Häretiker und Apostaten. Richtig ist: Waldstein ist Mitglied im „Vienna-Qom Circle for Catholic-Shi’a Dialogue on Religion, Philosophy and Political Theory“– einem Gesprächskreis zwischen katholischen Denkern und schiitischen Islamgelehrten aus dem Iran – und sprach mehrfach bei Konferenzen der Gruppe, zuletzt im Jahr 2024. Komplizierter ist es hingegen mit dem Vorwurf der Theologin Rettenbacher, Waldstein habe „in seinem Internetblog ‚Sancrucensis’ offen für die Todesstrafe für Häretiker*innen“ optiert.
Die Äußerung, um die es hier geht, ist Teil einer Debatte zwischen Waldstein und dem Theologen Timothy Troutner aus dem Jahr 2019. In einem Artikel für das „Church Life Journal“ der University of Notre Dame warf Troutner dem Neo-Integralismus vor, selbst zu sehr in der Logik des Liberalismus gefangen zu sein und bei seiner Beschreibung eines christlichen Staates „weltliche Machtvorstellungen“ einzuschleusen. Außerdem würden die Neo-Integralisten, so Troutner, die schlimmsten Vorbehalte ihrer Gegner bestätigen, wenn sie – getrieben von ihrer Theorie – etwa verweigerten, „die Verbrennung von Häretikern zu verurteilen.“ Waldstein antwortete zunächst auf grundsätzlicher Ebene mit einem Artikel im „Church Life Journal“, ohne jedoch den Fall der Häretiker-Verbrennung zu erwähnen.

Das tat er dann allerdings in einem kurzen Nachtrag auf seinem privaten Blog mit den folgenschweren Sätzen (hier in deutscher Übersetzung des englischen Originals): „Alle Getauften sind Untertanen der Kirche, und sie sollte mit ihnen umsichtig umgehen, so wie ein Abt mit seinen Mönchen umgeht. Manchmal gehört dazu auch, sie zu bestrafen, wenn sie ihre Taufpflichten verletzen. Die Kirche sollte darauf achten, den Rost nicht zu heftig abzuschaben, damit sie das Gefäß nicht zerbricht. Aber sie muss auch an Heli denken, der es versäumte, seine Söhne zu bestrafen, was dem Gemeinwohl großen Schaden zufügte. Unter bestimmten Umständen kann dies bedeuten, dass sie den weltlichen Arm hinzuziehen muss, um Ketzer hinrichten zu lassen. Diese Macht kann missbraucht werden, hat aber auch eine legitime Anwendung. Tatsächlich ist einer der Irrtümer Martin Luthers, der von Papst Leo X. verurteilt wurde, die Behauptung: ‚Dass Ketzer verbrannt werden, widerspricht dem Willen des Heiligen Geistes.‘“
Aussagen stehen im Kontext theologischer Debatte
Offenbar hat Waldstein also nicht von sich aus die Todesstrafe für Häretiker, gar noch im 21. Jahrhundert, gefordert, wie jüngst noch die „Katholische Nachrichten-Agentur“ suggerierte. Seine Aussagen stehen vielmehr im Kontext einer theologischen Debatte um den Integralismus, in der Waldstein auf den Einwand eines Gegners mit dem Verweis auf die Lehre eines Papstes reagiert. Nach dem durch Rettenbachers Artikel ausgelösten medialen Aufschrei löschte Waldstein seinen damals fünf Jahre alten Post und veröffentlichte eine Erklärung, in der er sich zur Religionsfreiheit im Sinne des Zweiten Vatikanums bekannte. Auch gestand er zu, es beim Versuch, die Kontinuität der Lehre der Kirche früherer Zeiten mit dem heutigen Lehramt nachzuweisen, „übertrieben“ zu haben. Mit Blick auf die Todesstrafe für Häretiker schrieb er: „Ich spreche mich nicht für solche Strafen heute aus. Ich akzeptiere voll und ganz, dass das päpstliche Lehramt heute die Anwendung der Todesstrafe im Allgemeinen und die Bestrafung von Ketzern durch die weltliche Gewalt ablehnt“.
Diese Erklärung reichte allerdings nicht nur seinen Kritikern, sondern auch seinen Vorgesetzten nicht aus. Wolfgang Klausnitzer, Rektor der Hochschule Heiligenkreuz, erklärte vor wenigen Wochen gegenüber dem Münsteraner Bistumsportal „Kirche + Leben“, während seiner Amtszeit werde Waldstein dort nicht mehr unterrichten. Da Klausnitzers Amtszeit zum Jahreswechsel endet und Waldstein ohnehin für die nächsten drei Jahre für ein Promotionsstudium der Philosophie in Rom weilen wird, dürfte diese Ankündigung vor allem als Distanzierungsgeste des Rektors zu deuten sein. Klausnitzer hatte nach Bekanntwerden der Vorwürfe im Jahr 2024 von seinem Dozenten einen Besinnungsaufsatz über sein Verhältnis zur Todesstrafe verlangt. Eine Maßnahme, die verständlich wird, wenn man berücksichtigt, dass der Heilige Stuhl kurz nach dem ersten medialen Aufschrei eine Visitation des Stifts Heiligenkreuz bekannt gegeben hatte. Auch wenn diese nach übereinstimmenden Aussagen gut informierter Quellen nichts mit Waldstein zu tun hatte, muss der Druck auf Stift und Hochschule immens gewesen sein.
Mit der inzwischen vorliegenden Arbeit Waldsteins ist Klausnitzer jedenfalls nicht einverstanden. Es sei „keine retractatio seiner unsäglichen Aussagen über die Tötung von Häretikern“, so der Rektor gegenüber „Kirche + Leben“. Quellen, die mit der genannten Arbeit Waldsteins vertraut sind, berichten allerdings, dass Waldstein geschrieben haben soll, dass er „seine frühere Verteidigung von Leo X. Urteil ausdrücklich“ zurücknehme. Außerdem soll er in dem Aufsatz auch erklärt haben, dass er seine früheren Schriften über den Integralismus insgesamt zurückziehe. Das bestätigt auf Nachfrage nun auch Klausnitzer gegenüber der „Tagespost“. Den Integralismus lehne er zwar ab, aber der sei „nicht das Problem“. Ihm gehe es um die „unsägliche“ Aussage zur Todesstrafe für Häretiker. Die Distanzierung Waldsteins geht Klausnitzer schlicht nicht weit genug: Geliefert habe Waldstein eine Erklärung, warum er die Aussage von Papst Leo X. über die Verbrennung von Häretikern inzwischen für eine kontingente, zeitbedingte Aussage halte und nicht mehr für ein unfehlbares Urteil. Was er, Klausnitzer, aber von seinem Dozenten gefordert habe und immer noch fordere, sei die Klarstellung, dass die Hinrichtung von Häretikern „mit der Botschaft Jesu unvereinbar“ sei.
Was für Außenstehende als theologische Haarspalterei erscheinen mag – ist es schließlich nicht gleichgültig, aus welchen Gründen genau Waldstein gegen die Todesstrafe ist? –, ist in Wahrheit eine zentrale Frage der katholischen Theologie, ja der Kirche selbst: Wie viel Diskontinuität in der Lehre der Kirche ist möglich, ohne die substanzielle Kontinuität des Lehramtes, die für die katholische Kirche konstitutiv ist, zunichte zu machen? Waldstein ist offenbar sehr vorsichtig darin, die Aussage eines früheren Papstes zu verurteilen, selbst wenn diese nicht den lehramtlich höchsten Status der Unfehlbarkeit innehat. Für Klausnitzer dagegen widerstreitet die Aussage Leos X. zur Verbrennung von Häretikern offenbar dem Evangelium selbst – was sie streng genommen häretisch machen würde, auch wenn Klausnitzer diese Schlussfolgerung selbst nicht ziehen möchte.
Paradoxer Gewissenszwang
Waldstein hat also widerrufen, aber nur so weit, wie es sein Gewissen zulässt. Um seine Vorgesetzten zufriedenzustellen, müsste er aber offenbar noch weiter gehen und einen Papst verurteilen. Man kann sich fragen, wie viel externer psychologischer Zwang bereits im Spiel war und wie viel mehr Zwang noch nötig wäre, damit Waldstein auch noch diesen letzten Schritt geht. An diesem Punkt ergibt sich eine geradezu paradoxe Situation: Ein solcher Zwang wäre nämlich aus Sicht der Integralisten nicht zwangsläufig abzulehnen. So hat Thomas Pink die Kirche als „coercive teacher“, als eine mit Zwangsgewalt ausgestattete Lehrerin beschrieben, die durch ihre Gesetze und Strafen auf die moralische Erziehung ihrer Kinder abziele. Hingegen müssten gerade Waldsteins Gegner sowohl jeglichen Zwang als auch die gegen ihn verhängten Sanktionen mit Blick auf die Gewissensfreiheit in religiösen Dingen eigentlich ablehnen.
Mit Gnade scheint Waldstein jedenfalls zumindest im deutschsprachigen Raum kaum rechnen zu dürfen. In der nächsten Senatssitzung will Klausnitzer mit den Verantwortlichen der Hochschule über den künftigen Dozentenstatus von Waldstein im Lehrkörper der Hochschule sprechen. Ein ähnliches Bild zeichnet sich auch an der päpstlichen Hochschule ITI im österreichischen Trumau ab, die zu alldem auch noch von Edmunds Vater Michael Waldstein mitgegründet worden war. 2012 fand dort eine Konferenz mit Edmund Waldstein, Thomas Pink und dem Autorenduo Alan Fimister und Pater Thomas Crean statt, die gemeinsam ein wichtiges Buch zum Integralismus verfasst haben. Die österreichische Theologin und Neo-Integralismus-Kritikerin Michaela Quast-Neulinger sieht in der Veranstaltung rückblickend „eine für die Entwicklung des Neo-Integralismus zentrale Tagung“. Quast-Neulinger lehrt an der Universität Innsbruck, wo Waldstein eigentlich seine Habilitation im Fach Theologie hatte einreichen sollen, bis man ihm 2025 angesichts der Vorwürfe nahelegte, darauf zu verzichten.
Ein theokratischer Träumer?
Kurz nachdem Klausnitzers jüngste Aussagen mediale Wellen geschlagen hatten, gab man in Trumau eine Presseerklärung heraus, in der man sich von ehemaligen Dozenten distanzierte. Die hauseigene Theologin Michaela C. Hastetter kritisierte in einem – im Rahmen einer „theologischen Disputatio“ am ITI eigens angefertigten – Beitrag Waldstein scharf und nannte ihn einen „theokratischen Träumer“. Auf die Nachfrage der „Tagespost“, ob der Angegriffene eine Gelegenheit zur Replik erhalten habe, antwortete der Rektor des ITI, Bernhard Dolna: „Eine Disputatio schließt immer mit ein, dass derjenige, der eine andere Auffassung vertritt, eine Replik verfassen kann.“ Wie aus gut unterrichteten Kreisen zu hören ist, sollen allerdings Waldsteins Ordensobere verboten haben, dass er sich zu diesem Thema öffentlich äußert. Entsprechend stand Waldstein auch der „Tagespost“ für keine Äußerung zur Verfügung.
Den Gegnern des Neo-Integralismus scheint es tatsächlich gelungen zu sein, einen der führenden Köpfe der Bewegung zum vollständigen Rückzug zu zwingen. Für die weitere neo-integralistische Theoriebildung ist das zweifellos ein Rückschlag, zugleich aber auch eine Niederlage für den offenen theologischen Diskurs. Das Interesse am Neo-Integralismus dürfte durch die Affäre indes kaum abnehmen, und zwar nicht nur, weil verbotene Früchte bekanntlich besonders reizvoll sind, sondern vor allem auch, weil der Fall Waldstein neben den Problemen des Neo-Integralismus auch die inneren Widersprüche des Liberalismus offen zutage treten lässt.
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