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Die Inflation frisst ihre Bücher

Wieder sind zwei renommierte Verlage durch Schließung betroffen oder zumindest bedroht: Berenberg und Steidl. Ein Grund ist die Kostenexplosion bei Druck und Papier.
Bücherregale bei der Leipziger Buchmesse
Foto: IMAGO / Christian Grube | Wie bei Berenberg hat auch bei Steidl die Kostenfalle zugeschnappt: Papier und Druck sind seit 2021 um 60 Prozent teurer geworden. Die Inflation verbrennt ihre Bücher.

Das Verlagssterben geht weiter. Auch der vergleichsweise junge Berenberg-Verlag (2004) ist jetzt Geschichte. Neue Themen und besondere Autoren waren das Erfolgsrezept, das Heinrich von Berenberg in eine bibliophile Aufmachung kleidete, mit Stoff und Papier und überraschend bezahlbar. Berenberg entstammt der Hamburger Privatbankdynastie Berenberg & von Gossler, er hätte mit seinem Geld auch durchaus etwas anderes anfangen können als einen risikoträchtigen Buchverlag zu gründen.

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Das verkündete Ende nach insgesamt 25 Jahren, der Verleger ist 75, fällt zusammen mit einem besonderen Ereignis, das unbedingt mit der Verlagsschließung zusammen gesehen werden muss. Christine Wunnicke erhielt gerade den Büchner-Preis, vom Rang wohl die bedeutendste deutsche Literaturauszeichnung. Martin Mosebach gewann sie wegen seines „weltweiten Horizonts“. Die Auszeichnung wird seit 1951 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vergeben an Autorinnen und Autoren, „die in deutscher Sprache schreiben und durch ihre Werke in besonderem Maße an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens hervorragenden Anteil haben.“

Unternehmerischer Mut und verlegerische Neugier

Es gehört nicht viel Fantasie dazu, diese Verleihungskriterien der Akademie in Bezug auf gesellschaftliche Wirkung auch auf den Verleger Berenberg zu beziehen. Bei ihm kommen noch unternehmerischer Mut und verlegerische Neugier hinzu. Wie sonst ist es zu erklären, dass einer bereit ist, der Autorin Christine Wunnicke ein Buchprojekt zu gewähren, das erst einmal nicht nach großen Auflagen und breiter Resonanz klingt.

Es geht um die Einführung in Person und Werk der Barockdichterin Margherita Costa samt ausgewählten Gedichten in trefflicher Übertragung. Berenberg konnte nicht widerstehen, leidenschaftsgetrieben, wie sein Verhältnis zur Literatur nun einmal ist. Die Costa schrieb damals mit Witz, Ironie und großer sprachlicher Freiheit über Liebe, Macht und Erotik. Sie verspottete Konventionen und spielte virtuos mit den Regeln der Barockdichtung. „Deshalb wird sie heute gelegentlich als frühe Feministin oder sogar als erste große Satirikerin Italiens bezeichnet“, so Berenberg zu ihrer Charakterisierung.

400 Jahre Literaturgeschichte

Seine preisgekrönte Dichterin Christine Wunnicke rückte er in den Zusammenhang von 400 Jahren weiblicher Literaturgeschichte – und erwies beiden die Reverenz, der heutigen und der damaligen Sprachkünstlerin. Dieses Costa-Wunnicke-Buch, das nie im Fokus der Feuilletons stand, trägt den schönen Titel „Die schöne Frau bedarf der Zügel nicht“, ein Zitat aus der Übersetzung eines Gedichts: „Man wird der Schönheit mehr Verehrung zollen, / wenn viele sie für sich gewinnen wollen. / Was niemand haben will, das lässt man liegen. / Die schöne Frau bedarf der Zügel nicht. / Was man nicht sieht, darüber wird geschwiegen, / im Nu verdunkelt ist ihr Sonnenlicht. / […] / Hässlich ist jede, die man weggesperrt.“

Weggesperrt sind Berenbergs Buchschönheiten vorerst nicht: Der Lagerbestand ist derzeit antiquarisch im Neuzustand zu lächerlichen Preisen zu erwerben. Noch ein wenig dauern wird es wohl beim Steidl-Verlag, bis die berühmten Kunstbücher aus dem Lager zum Remittenden-Versandhändler „Medimops“ wandern. Der große Kunstbuch-Verleger gilt als weltweit bester Drucker, berühmt für seine Editionen von Beuys oder Lagerfeld und die Bücher von Günter Grass. Der Konkurs ist bereits angemeldet, doch Gerhard Steidl selbst wiegelt trotzig ab: „In Wirklichkeit alles gar nicht so schlimm!“ 

Wie bei Berenberg hat auch bei Steidl die Kostenfalle zugeschnappt: Papier und Druck sind seit 2021 um 60 Prozent teurer geworden. Die Inflation verbrennt ihre Bücher.

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