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Heimkehr, wenn alles anders ist 

Lehrstück „Odyssee“: Erneuerte Beziehungen in erneuerter Rolle.
Homers „Odyssee“ als Menschheitserfahrung: Die Herkunft bleibt im Bewusstsein, aber Mensch und Heimat verändern sich.
Foto: Brinkermedia | Homers „Odyssee“ als Menschheitserfahrung: Die Herkunft bleibt im Bewusstsein, aber Mensch und Heimat verändern sich.

Seit fast 3.000 Jahren hält ihre Wirkmacht an: Homers „Odyssee“. Monströse Ungeheuer, göttliche Eingriffe, Gefahren auf See: Im Mittelpunkt steht ein Mann, der nach langen Jahren der Abwesenheit zu Hause wieder seinen Platz finden muss. 

Der Name des Odysseus ist längst zur Chiffre geworden, zu einer vielschichtigen Metapher. Im Deutschen bezeichnet eine „Odyssee“ jede lange und beschwerliche Reise, deren Verlauf sich kaum überblicken lässt. Das Wort fällt häufig, wenn Menschen von einer Flucht über gefährliche Routen berichten, an Grenzen festgehalten werden oder über Jahre in provisorischen Unterkünften leben. Odysseus selbst ist kein Migrant im heutigen politischen oder rechtlichen Sinne. Er kehrt als König aus einem Krieg in seinen angestammten Herrschaftsbereich zurück. Seine Geschichte erfasst dennoch eine Erfahrung, die viele Formen erzwungener Mobilität begleitet: Der Herkunftsort bleibt als Ziel im Bewusstsein, während die Möglichkeit einer wirklichen Rückkehr immer unsicherer wird. 

Die Rückeroberung des Zuhauses 

Odysseus hat zehn Jahre vor Troja gekämpft und weitere zehn Jahre auf dem Meer verbracht. Als er Ithaka erreicht, endet seine Reise aber nicht an der Küste. Er betritt die Insel als unbekannter, unerkannter Bettler. In seinem Haus haben sich die Freier Penelopes eingerichtet, sein Sohn Telemach ist ohne ihn erwachsen geworden, und seine Herrschaft besteht zunächst nur noch in der Erinnerung. Der Heimkehrer muss also seinen Platz zurückgewinnen und als Herrscher erkannt werden. Homer gestaltet dies in einprägsamen Szenen. Der alte Hund Argos bemerkt seinen Herrn und stirbt kurz darauf, die Amme Eurykleia erkennt Odysseus an einer Narbe an der Fessel. Penelope verlangt einen Beweis aus dem gemeinsamen Leben: Nur Odysseus kennt das Geheimnis des Ehebettes, das um den Stamm eines Ölbaums gebaut wurde und sich deshalb nicht verrücken lässt. Diese geteilte Erinnerung kann keiner der Freier nachahmen. Und den alten Bogen kann niemand spannen – außer einem. 

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Heimat entsteht bei Homer daher aus Beziehungen und gemeinsamen Erfahrungen, die von anderen anerkannt werden – ein Ort allein kann diese Zugehörigkeit nicht sichern. Wer nach langer Abwesenheit zurückkehrt, begegnet Menschen, deren Leben ohne ihn weitergegangen ist. Zugleich bringt der Rückkehrer Erlebnisse mit, die sich den Daheimgebliebenen kaum vermitteln lassen. Diese Spannung prägt viele vergangene und gegenwärtige Lebensgeschichten – mit Krieg, Flucht und Neuanfang. Selbst wenn eine Rückkehr geografisch möglich wird: Es wurden Häuser zerstört, Familien zerrissen und die politisch-soziale Ordnung umgewälzt. Die Ankunft führt dann in eine nur scheinbar vertraute Landschaft, die dem Heimkehrer in Wirklichkeit fremd geworden ist. 

Auch die vielzitierte Reise zu sich selbst erhält bei Homer einen besonderen Sinn. Odysseus sucht keine beliebige neue Identität. Er hält an seinem Namen und an Ithaka fest, obwohl er beides zeitweise verbergen muss. Beim Zyklopen nennt er sich „Niemand“, auf der Heimatinsel verbirgt er Gesicht und Herkunft. Das schützt ihn, löst aber seine Identität nicht auf. Wer Odysseus wirklich ist, entscheidet sich an seinen Bindungen zu Familie und Herrschaft, für die er Verantwortung übernimmt. Selbstfindung bedeutet unter diesen Bedingungen, nach Jahren im Ausnahmezustand wieder zu einem Leben mit anderen fähig zu werden. 

Gemeinschaft als Schutzraum 

Die Abwesenheit verändert ebenso die Menschen, die zurückbleiben. Penelope bewahrt den Haushalt gegen den Zugriff der Freier, während Telemach ohne Vater in seine gesellschaftliche Rolle hineinwächst. Beide warten, doch ihr Leben steht keineswegs still, und Odysseus kann die Vergangenheit nach seiner Rückkehr nicht einfach fortsetzen, sondern muss sich zu einer neuen Gegenwart verhalten, die ohne ihn entstanden ist. 

Zur Erfahrung des Fremden gehört im Epos außerdem die Frage, wie eine Gemeinschaft mit einem schutzbedürftigen Ankömmling umgeht. Die Gastfreundschaft besitzt bei Homer religiöses Gewicht, weil der Fremde unter dem Schutz des Zeus steht. Die Phaiaken nehmen Odysseus auf, hören seine Erzählung und bringen ihn nach Ithaka. Der Zyklop Polyphem missachtet jedes Gastrecht und behandelt die Besucher als Beute. An solchen Begegnungen entscheidet sich, ob menschliche Ordnung auch gegenüber dem Unbekannten gilt. 

Die schwierige Kunst der Heimkehr besteht darin, die Veränderungen der Heimat anzuerkennen, ohne die eigene Herkunft und die gemachten Erfahrungen preiszugeben. Homers „Odyssee“ bleibt gegenwärtig, weil sie diesen Vorgang mit großer Genauigkeit beschreibt: Der Heimkehrer begegnet seinem alten Leben – doch sowohl der Mensch als auch sein Lebensraum haben ihre Gestalt verändert. Heimat ist kein Status, sondern eine Aufgabe. 

Der Autor ist Germanist und als Professor und Publizist tätig. 

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Patrick Peters

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