Dolly Parton ist tot, sie starb mit achtzig Jahren nach kurzer Krankheit. Die Country-Sängerin steht seit Jahrzehnten für die große Kraft und den unbezwingbaren Spirit der populären Musikkultur in den Vereinigten Staaten. Ihr Ruhm wird bleiben und ist auch dank gelungener Filme weiterhin sichtbar und erlebbar. Viel wichtiger: In bedeutenden Musikalben sind Songs und Lyrics verewigt, die zur Country-Heritage des riesigen Landes zwischen Atlantik und Pazifik gehören. Amerikas einschlägige Radiostationen spielen sie derzeit rauf und runter, „from coast to coast“. Es scheint bisweilen einzig noch diese Musik zu sein, die ein vielfach gespaltenes Land immer wieder zusammenführt und die kostbaren Gefühle von Gemeinschaft und Zusammenhalt bewahrt hat.
Dolly Parton war eine der strahlkräftigsten Tempeldienerinnen einer Musikrichtung, die so etwas wie veredeltes „Country“ darstellt. Dazu gehörte aber weiterhin die leicht nasale „Twangy“-Klangfarbe, der charakteristische „shuffle“ und vor allem und speziell bei ihr das wichtige „Story-Telling“. Dolly Parton erzählt Geschichten vom Leben, von den Menschen und der Liebe, von der Arbeit auf dem Land und in der Stadt – und von Gott. Am Anfang stand auch bei ihr, aufgewachsen als Tochter in einer armen Pfingstler-Familie, der Gospel-Gesang, ein musikalischer Lobpreis als Form des Gebets. Die blonde Musikerin, die eine grandiose Liedkomponistin und zugleich Sängerin mit ganz eigenem stimmlichen Ausdruck war, hat zeitlebens ihren Glauben nie verloren. Das tägliche Gebet gab ihr bis zuletzt Halt, Trost und Hoffnung, auch wenn sie keiner Kirche angehörte und eher, wie viele andere Amerikaner auch, einen individuellen Zugang zu Gott pflegte.
Erschreckend authentisch
Schaut man auf ihre größten Hits, so ist man sofort berührt durch den melodischen Erfindungsreichtum und die rückhaltlose, beinahe peinlich direkte Authentizität der Texte. Bei „Jolene“ aus dem Jahr 1973, einem ihrer bekanntesten Songs, geht es um die Angst, den Geliebten an eine schönere, selbstbewusstere Rivalin zu verlieren. Die Sängerin fleht eine Frau namens Jolene an, ihr um Himmels willen den Mann zu lassen. „I Will Always Love You“ von 1974, das später durch Whitney Houston weltberühmt wurde, ist ein hymnischer Abgesang, den Parton schrieb, als sie sich von ihrem langjährigen Mentor und Duettpartner Porter Wagoner trennte. „9 to 5“ schließlich ist ein Volldampf-Song über Alltagsfrust und Job-Unlust: unterbezahlte Angestellte, die ohne Wertschätzung ihrer Arbeit im Nine-to-Five-Alltag stecken. Wer will, kann da Gesellschaftskritik und sogar einen feministischen Unterton heraushören, tatsächlich aber ist es ein Stück voller einfacher, menschlicher Empathie aus eigenem Erleben und wirklicher Betroffenheit. Der Rahmen von Politik und Wirtschaft wird nicht explizit benannt. Jeder weiß auch so, worum es geht.
Präsident Donald Trump hat inzwischen eine einwöchige Trauerbeflaggung an allen öffentlichen Gebäuden angeordnet. So vereinnahmt er für sein MAGA-Projekt eine große Künstlerin, die es zeitlebens vermieden hat, sich parteipolitisch einzulassen oder agitatorisch aufzutreten. Ihr Plädoyer für Toleranz und Mitmenschlichkeit auch queeren Menschen gegenüber war getrieben vom Rhythmus eines großen Herzens und der Empfindsamkeit einer guten Seele. Dolly Parton liebte das Leben und hasste das Alter. Angst vor dem Tod kannte sie nicht. Äußerlich wurden zwar ihr Gesicht und ihr Körper über die Jahre zum Experimentierfeld mehr oder weniger gelungener Operationen der plastischen Chirurgie. Es spricht jedoch für den Charakter dieser Frau, dass ihr Innerstes von solchen Eingriffen unberührt blieb.
Im März vergangenen Jahres starb ihr geliebter Ehemann, der durch und durch bodenständige Straßenbauunternehmer Carl Dean. Sechzig Jahre lang waren die beiden miteinander verheiratet, sozusagen ein „Showbiz-Wedding-Wonder“.
Der Tod führt sie jetzt im Himmel wieder zusammen.
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