„Salve pater patriae! Bibas, princeps optime“ – Sei gegrüßt, Vater des Vaterlandes! Trinke, bester Fürst: Auch im 275. Jubiläumsjahr des Salvator-Bockbieranstichs gehörte heuer der erste Schluck dem Princeps, also Markus Söder als Ministerpräsident-Kini.
Das wird ihm vier Tage vor der wichtigen Kommunalwahl gefallen haben, Stephan Zinners Rede danach tat es sichtbar nicht. Söder saß am Kopf seines Tisches durchgehend mit der Miene eines mürrischen Nürnberger Taxifahrers nach einer Tour ohne Trinkgeld mit undankbaren Fahrgästen aus Oberbayern. Auf das Gewand von Bruder Barnabas (den legendären Brauer gab es im 18. Jahrhundert wirklich!) verzichtete der Schauspieler, Kabarettist und Musiker Zinner bei seiner Rollenpremiere. Im lässig-trachtigen Ausgeh-Look eines Schwabinger Bierabends kam er im offenen Hemd mit Lodenweste daher. Besser so: Als seine Fastenrede von einer Blitze schleudernden Jupiter-Frau als Gott unterbrochen wurde, wäre es der religiösen Friktionen dann doch zu viel gewesen.
Zuletzt häufig arg moralinsauer
Insgesamt agierte Zinner aber respektvoll im Habitus der Vorgänger, die zuletzt allerdings häufig arg moralinsauer daherredeten. Eine gewisse mahnend-grundsätzliche Tiefe wies seine Rede aber doch auf, gut so. Dass der Politik das „Augenmaß“ im Umgang der Akteure untereinander fehle, mögen viele gern bestätigen. Andererseits braucht es gerade die Unterscheidbarkeit politischer Richtungen, damit das Prinzip „Demokratie“ segensreich funktionieren kann.
Beim anschließenden Singspiel hellte sich Söders Miene nur dann auf, wenn es etwa Friedrich Merz an den Kragen ging. David Zimmerschied mimte den Sauerländer Kanzler chronisch sauertöpfisch im Gewand eines neuzeitlichen Don Quichote, der sich Windkraftanlagen und andere Konstrukte als imaginierte Drohmonster aussucht, um aktivistisch in den Kampf zu ziehen.
Bauernseufzer aus dem Brotzeitkorb
Gar nicht geschmeckt haben dürften Söder die Wurstattacken gegen ihn und seine resche Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber. Die 49-jährige Reichenhallerin wurde trefflich verkörpert durch Judith Todt, die immer eine neue Wurstvariante nach der anderen aus dem geflochtenen Brotzeitkorb zauberte. Ihrem Gegenpart Sina Reiß als Katharina Schulze von den bayerischen Grünen gehörte aber durchhörbar die Sympathie der Singspiel-Autoren.
Die Grüne als romantische, gleichwohl verzweifelt-leidenschaftliche Kämpferin für die Rettung des schönen Bayernlandes und seiner Natur, die schwarze CSU-Frau als fleischverrückte und Söder-hörige Landmetzgerin: Bewundernswert, wie Kaniber im Nachgang das musikalisch einfühlsame, aber politisch einseitige Couplet weglächelte.
Die Wärmepumpe als Energietabernakel
Irgendwie durchgängig als politischer Schatten über der Szene: Robert Habeck, für die Singspieler eine „Habrechtgehabt“-Figur. Denn die politischen Entwicklungen, daheim und global, haben nach seinem Abgang inzwischen dafür gesorgt, dass die Wärmepumpe plötzlich zu einer Art Energietabernakel aufgestiegen ist, über alle ideologischen Grenzen hinweg.
Für die CSU verheißt das für die Kommunalwahlen nichts Gutes. Derzeit liegt die Partei nur bei knapp 33 Prozent, noch unter dem schlechten Ergebnis der letzten Wahl 2020. Söders oft unsachlicher Anti-Grün-Kurs hat sich totgelaufen. Profitieren können die Grünen nicht: Nur zehn Prozent geben ihnen die Demoskopen, in Bayern fehlen ökologische Leitthemen, die die anderen Herausforderungen überlagern würden.
Dagegen scheint die AfD ihr letztes Ergebnis zu verdreifachen und würde mit 14 Prozent sogar die Freien Wähler mit elf Prozent toppen. Die SPD schrumpft weiter zu einer linken Kleinpartei von acht Prozent, bis gerade noch strahlte einzig Münchens OB Reiter am sozialdemokratischen Himmel über München. Doch selbst Reiter befindet sich inzwischen in Schwulitäten: Ein möglicherweise hoch dotierter Aufsichtsratsposten bei den Münchner Bayern könnte zum SPD-Eigentor des Jahres werden. Reiter hatte den prestigeträchtigen Job an der Säbener Straße nicht angemeldet und musste sich folgerichtig beim Paulaner-Anstich reichlich hilflos derblecken lassen.
Nicht nur wegen des insgesamt gelungenen Salvator-Anstichs ist plötzlich Musik im Wahlkampf-Finale. Der Wähler hat Sonntag das Wort: Gott mit Dir, Du Land der Bayern, und: Prost!
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