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Das Phänomen Jesus

Um die zwölf Millionen Personen leben mit einer prinzipiellen Offenheit gegenüber dem Phänomen Jesus, finden aber offensichtlich keinen letzten Zugang zu ihm. Was bedeutet das für die Kirche? Ein Kommentar.
Glaube an Jesus Christus
Foto: Nicolas Armer (dpa) | Liegt darin nicht der ganze Sinn und Zweck der Institution Kirche? Menschen würdevoll mit Jesus Christus in Kontakt zu bringen?

Komponisten und Maler hat er inspiriert, Anhänger verschiedener Religionen und Kulte fühlen sich ihm trotz mancher Unterschiede verbunden: Jesus von Nazareth alias Jesus Christus, an dessen Auferstehung und erlösende Wirkung Millionen von Menschen glauben. Weltweit. Seit 2000 Jahren. In Deutschland könnten es derzeit sogar noch ein paar Millionen mehr sein, denn eine aktuelle INSA-Umfrage im Auftrag der "Tagespost" hat ermittelt, dass 15 Prozent der Deutschen  aktuell zwar nicht an Jesus Christus glauben, dies aber gerne tun würden. Um die zwölf Millionen Personen leben demnach also mit einer prinzipiellen Offenheit gegenüber dem Phänomen Jesus, finden aber offensichtlich keinen letzten Zugang zu ihm. Seinem Geheimnis, seinem Anspruch.

Geschieht rund um die Kirche viel Unwesentliches?

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Eine gewaltige Zahl, die Päpste, Bischöfe, Priester und Laien eigentlich zu Glücksgefühlen und Überstunden beim Glaubenszeugnis antreiben müsste. Denn: Liegt darin nicht der ganze Sinn und Zweck der Institution Kirche? Menschen würdevoll mit Jesus Christus in Kontakt zu bringen? Sie an Leib, Geist und Seele zu heilen, wie Er es tat? Sie auf dem spirituellen Weg zu stärken? Wenn mehr als zwölf Millionen Personen in Deutschland trotz kirchlicher Präsenz in den Städten, auf dem Land und in den Medien aber bisher noch keinen Zugang zur Mitte des Glaubens gefunden haben, dann könnte dies darauf hindeuten, dass rund um die Kirche viel Unwesentliches geschieht. Womit ausdrücklich nicht die Aufdeckung von Skandalen oder karitatives Wirken gemeint sind. 

Ist es vielleicht die Verwechslung von Ziel und Mittel, die der Anfang des Jahres verstorbene ungarische Jesuit Franz Jalics in seinem Klassiker "Kontemplative Exerzitien" als "beunruhigendes Problem in der Kirche" benannt hat, welche potentielle Gläubige fernhält? Der Blick wird oft "auf ein Mittel, das uns zu Gott führen soll" gelenkt, aber nicht auf Gott selbst. Tatsächlich wird links wie rechts viel über Lehr- und Liturgieunterschiede gestritten, Feindbilder werden kultiviert. Man praktiziert ein Empörungschristentum. Zwölf Millionen Sucher verdienen etwas Besseres.

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Stefan Meetschen

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