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Leo: Vergebung ist Tugend der Gerechtigkeit

Zur Heilig-Jahr-Feier der Justiz spricht Papst Leo vor Juristen über die Gerechtigkeit, die sich die sich nicht auf die bloße Anwendung des Gesetzes reduzieren lasse. Mit der Witwe Kirks bekommen seine Aussagen ein konkretes Gesicht.
Papst Leo XIV. nennt Vergebugn eine Tugend der Gerechtigkeit
Foto: IMAGO/©Vatican Media/CPP / ipa-agency.net (www.imago-images.de) | Papst Leo XIV. bei der Audienz zum Jubiläum der Justizbeamten auf dem Petersplatz.

Vor Tausenden von Juristen, die sich zum Jubiläum der Mitarbeiter der Justiz in Rom versammelt haben, hat Papst Leo XIV. am Samstag über Vergebung als grundlegende Tugend der Gerechtigkeit gesprochen. In seiner Rede, die auf der offiziellen Internetseite des Vatikan veröffentlicht wurde, sprach er von der „Kraft der Vergebung, die dem Gebot der Liebe eigen ist, die als konstituierendes Element einer Gerechtigkeit hervortritt, die das Übernatürliche mit dem Menschlichen zu verbinden vermag“.

Gerade vor dem Hintergrund, dass die Witwe Charlie Kirks dem Mörder ihres Mannes vergeben hat, bekam dieser Satz am Sonntag ein konkretes Gesicht. Bei der Trauerfeier in Glendale im US-Bundesstaat Arizona rief Erika Kirk die USA zur Versöhnung auf. Wörtlich sagte sie: „Die Antwort auf Hass ist nicht Hass."

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Leo, der selber Kirchenrechtler ist, verwies in seiner Rede auf die evangeliumsgemäße Tugend der Gerechtigkeit, der die Vergebung zugrunde liege. Die biblische Tugend der Gerechtigkeit sei keine Ablenkung von der menschlichen Gerechtigkeit, sondern sie hinterfrage und gestalte neu. Sie fordere heraus, immer weiter zu gehen, „weil sie zur Suche nach Versöhnung antreibt. Das Böse muss nämlich nicht nur bestraft, sondern auch wiedergutgemacht werden“. Dies sei zwar eine schwierige Aufgabe, so der Papst, „aber keine unmögliche für diejenigen, die sich bewusst sind, dass sie einen anspruchsvolleren Dienst als andere leisten, und sich zu einem untadeligen Lebenswandel verpflichten“.

„Gerechtigkeit ist in erster Linie eine Tugend"

Weiter führte Leo aus, dass Gerechtigkeit in erster Linie eine Tugend sei, eine „feste und beständige Haltung, die unser Verhalten nach Vernunft und Glauben ordnet“. Konkret bedeute dies, „dem Nächsten das zu geben, was ihnen zusteht“, die Rechte eines Jeden zu achten und in den menschlichen Beziehungen eine Harmonie herzustellen, die die Gleichheit gegenüber den Menschen und das Gemeinwohl fördere sowie eine Ordnung zum Schutz der Schwachen zu garantieren.

Kritisch ging der Papst auf die „Verbreitung von Verhaltensweisen und Strategien“ ein, „die das menschliche Leben von Anfang an missachten, grundlegende Rechte für die persönliche Existenz verweigern und das Gewissen, aus dem die Freiheiten hervorgehen, nicht respektieren“. Gerade durch die Werte, die dem sozialen Leben zugrunde lägen, nehme die Justiz ihre zentrale Rolle für das Zusammenleben von Menschen und menschlichen Gemeinschaften ein. Den heiligen Augustinus zitierend, ergänzte Leo: „Gerechtigkeit ist nicht wahrhaftig, wenn sie nicht zugleich klug, stark und maßvoll ist.“

„Stets im Lichte der Wahrheit und der Weisheit“ denken

Dafür müsse man „stets im Lichte der Wahrheit und der Weisheit“ denken, erläuterte der Papst. Es gelte, das Gesetz tiefgreifend und über die rein formale Dimension hinaus zu interpretieren, „um den inneren Sinn der Wahrheit zu erfassen, der wir dienen“. Leo betonte dabei die Notwendigkeit der Hingabe, mit der sich die Gerechtigkeit „in den Dienst der Menschen, des Volkes und des Staates“ stelle.

Eine im Kleinen geübte Gerechtigkeit sei nicht weniger groß, lehrte Leo weiter. Im Gegenteil, sie komme immer dann zum Vorschein, „wenn sie getreu dem Recht und mit Respekt für den Menschen angewendet wird“. Dabei verwies er auf die vielen Menschen auf der Welt, die „hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit“.

Gerechtigkeit werde dann konkret, wenn sie sich auf andere beziehe und jeder das bekomme, was ihm zustehe, bis Gleichheit in Würde und Chancen unter den Menschen erreicht sei. Ein Staat, in dem es keine Gerechtigkeit gebe, sei kein Staat, sagte der Papst wiederum, Augustinus zitierend. „Denn Gerechtigkeit ist die Tugend, die jedem das Seine zuteilt. Folglich ist jene Gerechtigkeit, die den Menschen dem wahren Gott entzieht, keine Gerechtigkeit des Menschen.“  DT/dsc

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