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Alfred Delp: Advent zwischen Ernst und Segen

Erster Teil einer Adventsreflexion über die „Meditationen“ des Jesuitenpaters Alfred Delp. Der NS-Widerstandskämpfer schrieb sie 1944 mit gefesselten Händen in der Haftanstalt Berlin-Tegel.
Delp, Alfred, Pater SJ
Foto: (KNA) | In Alfred Delps Gedanken zum Advent geht es um die schonungslose Wahrnehmung der Wirklichkeit, die radikale Hoffnung der frohen Botschaft, die Freude und die Freiheit, die Gott ermöglicht.

Dies ist der erste Teil einer Adventsserie über die „Meditationen“von Alfred Delp. Der Jesuit schrieb sie 1944 mit gefesselten Händen in der Haftanstalt Berlin-Tegel. Er wurde von den Nazis zum Tod verurteilt und starb im Februar 1945. In seinen Gedanken zum Advent geht es um die schonungslose Wahrnehmung der Wirklichkeit, die radikale Hoffnung der frohen Botschaft, die Freude und die Freiheit, die Gott ermöglicht. Alle Zitate stammen aus der Sammlung seiner im Gefängnis entstandenen Gedanken, die unter dem Titel „Im Angesicht des Todes“ 1958 im Herderverlag erschienen ist. 


„Den innersten Sinn der Adventszeit wird nicht verstehen, wer nicht vorher zu Tode erschrocken ist über sich selbst und seine menschlichen Möglichkeiten und ebenso die im eigenen Selbst sich offenbarende Lage und Verfassung des Menschen überhaupt.“

Dieses Zitat stammt von Alfred Delp, dem leidenschaftlichen Jesuiten, wortgewandten Journalisten und mutigen Prediger. Geboren am 15. September 1907 in Mannheim, gestorben in Berlin am 02. Februar 1945, hingerichtet durch die Nazis.

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Als Sohn einer katholischen Mutter und eines evangelischen Vaters, war er biografisch in einer christlichen Breite geprägt: Katholisch getauft, evangelisch erzogen und konfirmiert, später dann doch der Gang zur Erstkommunion und Firmung. Mit 19 Jahren trat er in den Jesuitenorden ein, studierte Theologie und Philosophie, promovierte und unterrichtete später im Schwarzwald am dortigen Jesuitenkolleg. Mit 30 Jahren wurde er zum Priester geweiht und begann journalistisch zu arbeiten.

Bekannt für kritische Predigten zum Nationalsozialismus

Alfred Delp war bekannt für seine kritischen Predigten gegenüber dem Nationalsozialismus, die er in Bogenhausen, München, hielt. 1941 wurde er Mitglied im „Kreisauer Kreis“, der sich der Planung einer politischen Neuordnung nach dem Ende der Nazi-Diktatur widmete. Nach dem Stauffenberg-Attentat vom 20. Juli 1944 flog dieser auf, und Delp wurde nur acht Tage später festgenommen und in Berlin-Tegel inhaftiert. Ihm wurde das Angebot gemacht, dass er freikomme, sollte er aus dem Jesuitenorden austreten. Doch er ging die entgegengesetzte Richtung und legte am 08. Dezember 1944 in der Haftanstalt gegenüber einem Mitbruder seine ewigen Gelübde ab. Ungefähr ein halbes Jahr später wurde sein Todesurteil vollstreckt.

In der Haft brachte er zahlreiche Gedanken und Briefe zu Papier. Noch am Tag seines Todes schrieb er: „Wie lange ich nun hier warte, ob und wann ich getötet werde, weiß ich nicht. Der Weg hierher bis zum Galgen nach Plötzensee ist nur zehn Minuten Fahrt. Man erfährt es erst kurz vorher, dass man heute und zwar gleich ‚dran‘ ist. Nicht traurig sein. Gott hilft mir so wunderbar und spürbar bis jetzt.“ Noch am selben Tag wurde er zum Galgen geführt, wo er wohl zum Gefängnispfarrer sagte: „In wenigen Augenblicken weiß ich mehr als Sie.“ 

Seinen tiefen Glauben brachte Delp auch in seinen „Meditationen“ zum Advent in der Zeit der Gefangenschaft zu Papier. Alles, was er hier schrieb, gewinnt eine besonders existentielle Färbung, wenn man sich vorstellt, dass es aus den gefesselten Händen eines Mannes stammt, der die Qualen einer Inhaftierung und zahlreicher Folterungen erleidet, und weiß, dass er vermutlich nicht mehr lange zu leben hat. Es schreibt ein Mann über die weihnachtliche Ankunft des Herrn, der ahnend der persönlichen Begegnung mit ihm entgegenschreitet. 

Die Voraussetzung eines erfüllten Advents ist demnach die Erschütterung. Kein Vormachen, keine Beschönigung des Seins, sondern die radikale Annahme der Wirklichkeit: „Die Erschütterung, das Aufwachen: damit fängt das Leben ja erst an, des Advents fähig zu werden.“ Und gleichzeitig ein Moment der Hoffnung: In der Erschütterung „erreichen den Menschen die goldenen Fäden, die in diesen Zeiten zwischen Himmel und Erde gehen und der Welt eine Ahnung von der Fülle geben, zu der sie gerufen und fähig ist.“

Boten der Hoffnung

Eine frohe Botschaft der Fülle und des kommenden Heils wird von Delp in den Tagen im Gefängnis, die geprägt sind von Unsicherheit über sein Schicksal, noch mehr benötigt und gleichzeitig herausgefordert. Die Not, seine persönliche wie die der ganzen Welt, weiß er nur auszuhalten wegen einer größeren Verheißung: „Der Schrecken dieser Zeit wäre nicht auszuhalten …, wenn nicht dieses andere Wissen uns immer wieder ermunterte und aufrichtete, das Wissen von den Verheißungen, die mitten im Schrecken gesprochen werden und gelten.“

Die Figur der kündenden Engel in der Bibel sind für Delp die Hoffnungsboten in der Erschütterung. Sie bringen Verheißungen, die noch nicht gleich „ankommen“, aber eine „Saat des Segens“ ausstreuen, die später aufgehen wird. Wenn diese kündenden Engel fehlen, auch heute, dann sei es nach Delp um uns geschehen. Letztlich geht es ihm um Hoffnung. Die reine realistische Wahrnehmung der Wirklichkeit ohne Hoffnung sei aussichtslos und grausam.

Daraus ergibt sich für Delp ein zweifacher Auftrag an jeden Einzelnen: an die gute Botschaft, an Gottes Liebe und seine Verheißung zu glauben sowie „selbst als kündender Bote durch diese grauen Tage“ zu gehen. Bote der Hoffnung ist demnach nicht, wer auf sich selbst baut und erst recht nicht auf die Welt, sondern wer so nah am Herzen Gottes ist, dass er seiner Liebe glaubt und darauf vertraut, dass er seinen Segen auch in diesen Tagen schenkt. Ein solcher Bote Gottes nimmt seine Bedürfnisse gewissermaßen aus der Gleichung, weil er sie in Gottes Liebe gestillt weiß. Er kann ganz bei den anderen sein, dadurch, dass er selbst ganz bei Gott ist. So ist es möglich Hoffnung zu schenken, sowie Trost, Sinn und Liebe. „So viel Mut bedarf der Stärkung, so viel Verzweiflung der Tröstung, so viel Härte der milden Hand und der aufhellenden Deutung, so viel Einsamkeit schreit nach dem befreienden Wort, so viel Verlust und Schmerz such einen inneren Sinn.“

Schonungslose Wirklichkeit und radikale Hoffnung

Einen weiteren Blick richtet Delp in seinen Meditationen auf Maria. Sie ist „die gesegnete Frau“ und „die tröstlichste Gestalt des Advents“. Für ihn kommen hier die schonungslose Wahrnehmung der Wirklichkeit und das schonungslose Hineintreten in eine radikale Hoffnung zusammen. Das eine geht nicht ohne das andere: „Was hilft uns der Schrecken über Irrung und Wirrung, wenn kein Licht aufleuchtet, das dem Dunkel gewachsen und überlegen bleibt?“ Dieses Licht sei auch Maria, die in ihrem geduldigen Warten, dass Gottes Verheißung wahr werde, das „schon“ und „noch nicht“ verkörpert. Diese Spannung erlebte Delp, und sie gilt auch heute:

„Noch erfüllt der Lärm der Verwüstung und Vernichtung, das Geschrei der Selbstsicherheit und Anmaßung, das Weinen der Verzweiflung und Ohnmacht den Raum. Aber ringsherum am Horizont stehen schweigend die ewigen Dinge mit ihrer uralten Sehnsucht.“

Diese Spannung zwischen „schon“ und „noch nicht“ prägt die Adventszeit wie das ganze Leben. Auch wenn Ende Dezember Weihnachten gefeiert wird, als das Fest der wahrgewordenen Verheißung, bleibt die Verwüstung und das Graue dieser Welt Jahr für Jahr recht gleich. Das ganze Leben ist ein Advent, hin auf das letzte Wahrwerden unserer Hoffnung, wenn Jesus wiederkommt. In dieser Erwartung appelliert Delp an jeden Einzelnen, die Wirklichkeit zu sehen wie sie ist und umzukehren, Gottes Liebe zu glauben und Bote der Hoffnung zu sein in der frohen Erwartung der Verheißung.

 „Die Welt ist mehr als ihre Last und das Leben mehr als die Summe seiner grauen Tage. Die goldenen Fäden der echten Wirklichkeit schlagen schon überall durch. Lasst uns dies wissen und lasst uns selbst tröstender Bote sein. Durch den die Hoffnung wächst, der ist ein Mensch selbst der Hoffnung und der Verheißung.“

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