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Vom Arzt zum Seligen

Aegidius von Santarém überschritt die Grenze zwischen medizinischer Praxis und schwarzer Magie, bis eine Bekehrung sein Leben veränderte.
Aegidius Santarem
Foto: OP | Historische Darstellung des seligen Aegidius von Santarém in Portugal

In allen Kulturen der Welt spielt magisches Denken eine Rolle. Es ist, wie der italienische Anthropologe Ernesto de Martino feststellte, ein aus dem Unterbewusstsein kommender Reflex, durch den Menschen versuchen, ihre Zukunft positiv zu beeinflussen. Je geringer die Gestaltungsmöglichkeiten sind, die ein Mensch oder eine Gesellschaft hat – etwa aufgrund mangelnder Bildungschancen oder materieller Mittel –, desto stärker treten magische Bräuche in den Vordergrund.

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Sobald dagegen die Voraussetzungen dafür gegeben sind, nehmen Menschen durch rationales Handeln ihre Zukunft selbst in die Hand. Die Kirche – in deren Lehre der Mensch als Abbild Gottes erschaffen und dazu bestimmt ist, die Schöpfung aktiv mitzugestalten – stand magischen Bräuchen von Anfang an kritisch gegenüber, auch wenn sie es nicht verhindern konnte, dass sich in der Volksfrömmigkeit Glaube und magische Elemente vermischten.

Im Hochmittelalter wurde begonnen, zwischen weißer und schwarzer Magie zu unterscheiden. Während die „weiße Magie“ – etwa bestimmte Formeln, die beim Auftragen von Salben und Tinkturen gesprochen wurden, um deren medizinische Wirkung zu stärken – geduldet wurde, lehnte die Kirche die „schwarze Magie“, die Schaden herbeiführen oder versuchen sollte, mit Hilfe der Geisterwelt dem Willen Gottes entgegenzuwirken, rigoros ab. Im Bann der schwarzen Magie gefangen war für einige Zeit der Arzt Aegidius von Santarém, der nach seiner Bekehrung in den Dominikanerorden eintrat und heute als Seliger verehrt wird; sein Gedenktag ist der 14. Mai.

Medizinstudium in Paris

Aegidius wurde 1184 oder 1190 im portugiesischen Vouzela geboren. Sein Vater war Präfekt von Coimbra, damals Hauptstadt des Königreichs Portugal. Als Berater am Königshof hatte er großen gesellschaftlichen Einfluss und konnte seinen Sohn schon in jungen Jahren auf kirchlichen Posten unterbringen, mit denen reiche Pfründe verbunden waren. Aegidius sträubte sich jedoch gegen die kirchliche Laufbahn, die über seinen Kopf hinweg für ihn bestimmt worden war, nahm die Einnahmen aus den Pfründen und ging nach Paris, um dort Medizin zu studieren.

In der französischen Hauptstadt führte er einen ausschweifenden Lebenswandel, war aber im Studium sehr erfolgreich. Bald hatte er einen guten Ruf als Mediziner. Vom Drang nach Bewunderung und Berühmtheit getrieben, überschritt er dann die Linie zwischen der „weißen Magie“, die zum medizinischen Repertoire seiner Zeit gehörte, und der „schwarzen Magie“, indem er sich der Totenbeschwörung zuwandte und mit Hilfe der „schwarzen Künste“ Kontakte zur Geisterwelt suchte. Späteren Biografen zufolge soll er sogar dem katholischen Glauben abgeschworen und einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben, den er mit seinem eigenen Blut unterzeichnete.

Schließlich erkannte Aegidius jedoch, dass der Ruhm, den er erlangte, ihm kein Glück und keinen Frieden brachte. Er kam zu einer tiefen inneren Umkehr und bereute den falschen Weg, den er eingeschlagen hatte. 1220 oder 1225 verschenkte er sein Vermögen und trat im spanischen Palencia oder in Paris in den Dominikanerorden ein, der wenige Jahre zuvor gegründet worden war.

Während der Ordensausbildung und der philosophischen und theologischen Studien in Paris lernte er den gleichaltrigen Jordan von Sachsen kennen, der 1222, nach dem Tod des heiligen Dominikus, die Generalleitung des Ordens übernommen hatte. Mit dem später ebenfalls seliggesprochenen Ordensmeister verband ihn eine lebenslange Freundschaft, die durch einen bis heute erhaltenen Brief Aegidius’ an Jordan belegt ist.

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1229 kehrte Aegidius nach Portugal zurück; um 1233 wurde er Provinzial der spanischen Provinz der Dominikaner; dieses Amt bekleidete er später noch ein zweites Mal. Von Aegidius’ Biografen ist überliefert, dass er nach seiner Umkehr ein tugendhaftes Leben führte und in den Ruf großer Gelehrtheit und Heiligkeit kam. Als er krank wurde, bat er darum, auf einem eisernen Bußgürtel liegen zu dürfen. Aegidius starb am 14. Mai 1265, dem Hochfest Christi Himmelfahrt, im Dominikanerkloster des portugiesischen Santarém. Er wurde 1748 von Papst Benedikt XIV. seliggesprochen.

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