Nachdem Dom Geoffroy Kemlin, Abt von Saint-Pierre de Solesmes und Vorsitzender der dortigen Benediktinerkongregation, in einem Brief an Papst Leo XIV. vorgeschlagen hatte, den überlieferten Vetus Ordo in das heutige Missale Romanum zu integrieren, regt sich Widerspruch. In einem Interview mit „L’Homme Nouveau“ meldet sich Philippe Darantière, Vorsitzender von Notre-Dame de Chrétienté, dem Trägerverein der Pfingstwallfahrt von Paris nach Chartres, zu Wort.
Darantière räumt ein, Kemlins Vorstoß erinnere zunächst an die Absicht Papst Benedikts XVI., „als er die Lehre von einem einzigen römischen Ritus mit zwei Formen definierte: einer ordentlichen und einer außerordentlichen Form“. Allerdings seien die Elemente, mit denen der Abt von Solesmes den Vetus Ordo an das Zweite Vatikanische Konzil angleichen wolle, nicht in „Sacrosanctum Concilium“ selbst enthalten, sondern erst später hinzugekommen. „Durch die Überarbeitung des alten Ordo wird dieser also vom Geist der Reform durchdrungen, jenem Geist der Neuheit, der nicht der seine ist.“
Zwei liturgische Logiken
Zwei liturgische Logiken stünden sich hier gegenüber. Im „reformierten Ritus“ herrsche „Fülle“: Lesungen, eucharistische Gebete, Optionen für den Zelebranten. Der alte Ritus folge dem entgegengesetzten Prinzip: „Es ist eine Pädagogik der Regelmäßigkeit, der Wiederholung, eine Form, die uns auferlegt wird, die Priester und Gläubige nicht wählen, die im Dienst der Gottesverehrung steht.“ Beides sei nicht miteinander vereinbar.
Auch Dom Kemlins These, den beiden Riten lägen unterschiedliche Menschenbilder zugrunde, weist Darantière zurück. Das suggeriere, der Mensch habe sich in 60 Jahren verändert – was er bestreitet: „Sicher ist jedenfalls, dass die junge Generation die traditionelle Liturgie ohne Widerrede annimmt, wenn man sie ihr anbietet. Manche Neugetauften finden sogar direkt über den alten Ritus zum katholischen Glauben, ohne den neuen kennengelernt zu haben – was seit 60 Jahren nicht mehr vorgekommen ist. Ich glaube also nicht, dass sich der Mensch wirklich verändert hat!“
Ebenso deutlich lehnt er die Übernahme des neuen Kalenders und Lektionars in den alten Ritus ab. Gerade der neue Kalender habe Gläubige verwirrt und zum Weggang gebracht: „Damals wurde ein Bruch herbeigeführt, alle Bezugspunkte, auf denen die Weitergabe der Tradition beruhte, wurden durcheinandergebracht.“ Feste wie das des Kostbaren Blutes oder des Heiligen Namens Jesu seien verschwunden. Auch das häufig vorgebrachte Argument, das neue Lektionar bereichere die Kenntnis des Wortes Gottes, überzeugt ihn nicht. Im alten Messbuch finden sich über 1.000 Schriftzitate. „Das Wort Gottes wird uns nicht ‚vorenthalten‘."
Darantìere: Breite Zustimmung zu Dom Kemlins Vorschlag wenig wahrscheinlich
Darantière hält es denn auch für wenig wahrscheinlich, dass Dom Kemlins Vorschlag breite Zustimmung findet. Viele Gläubige des neuen Ritus hätten keinerlei Wunsch, ihre Liturgie zu verändern. „Es stimmt zwar, dass einige von ihnen völlig umschwenken, wenn sie die alte Liturgie entdecken, aber viele leben ihren Glauben in ihrem gewohnten Rahmen sehr gut.“ Umgekehrt würden die der traditionellen Liturgie verbundenen Gläubigen „unter dem Vorwand einer angeblichen Annäherung“ Änderungen hinnehmen. „Sie verlangen lediglich Anerkennung ihrer liturgischen Besonderheiten, ohne Gegenleistung.“
Papst Leo XIV. habe mit seinem Brief an die Französische Bischofskonferenz bereits erkennen lassen, dass er der Lage besondere Aufmerksamkeit widme. Vor allem der Schlussteil des Schreibens verfolge „eine sowohl pastorale als auch liturgische Perspektive“. Er erwarte deshalb vom Papst keinen Weg „in Richtung eines Flickwerks“, das ausgerechnet jene Gemeinschaften schwächen könnte, „die dem Vetus Ordo verbunden sind – deren Wachstum er hervorhebt – und die lediglich darum bitten, anerkannt zu werden, wie es die Kirche 1988 versprochen hatte.“
Besondere Bedeutung misst er dem Konsistorium zur Liturgie im Juni zu. Kardinal Aveline habe in seiner Eröffnungsrede zur Vollversammlung der Französischen Bischofskonferenz sowohl auf dieses Konsistorium als auch auf den päpstlichen Brief verwiesen. „Ich denke, dass sich alles um dieses künftige Konsistorium herum entwickeln wird.“ Kemlins Initiative sei vor diesem Hintergrund zu lesen.
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