MINT für Mädchen

Marienschule in Vallendar: Schülerinnen lebensfähig machen

Die Schönstätter Marienschwester Christamaria Brück begeistert ihre Schülerinnen für die digitale Welt.
Christamaria Brück
Foto: Privat | Schwester Christamaria Brück mit dem „Klaus-von-Klitzing-Preis 2020“.

Ich bin eine unkaputtbare Optimistin. Man kann das Leben vorbeiziehen lassen und Trübsal blasen oder es gestalten. Meine Berufung ist es, Schülerinnen lebensfähig zu machen. Problemorientiert denken, Lösungen finden.“ Schwester Christamaria Brück ISSM, 44 Jahre, ist mit ganzem Einsatz Lehrerin an der Schönstätter Marienschule in Vallendar, einer privaten Mädchenschule, die aus einem gymnasialen und einem Realschulzweig besteht. Und sie ist eine Grenzgängerin: Einerseits ist sie begeisterte MINT-Lehrerin (so die Kurzform für die Schulfächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik), andererseits als Religionslehrerin mit den jungen Mädchen auch in Glaubensdingen unterwegs.

Als MINT-Lehrerin erhielt sie im November nach sechs Männern wieder als erste Frau und als erste Ordensschwester überhaupt die Auszeichnung „Klaus-von-Klitzing-Preis 2020“ als beste deutsche MINT-Lehrerin. Der mit 15 000 Euro dotierte Preis wird von der Universität Oldenburg und der EWE AG gemeinsam ausgeschrieben. Sein Namensgeber, Klaus von Klitzing (geb. 1943), ist ein deutscher Physiker, der unter anderem in München und Stuttgart forschte und lehrte. Er entdeckte den Quanten-Hall-Effekt, für den er 1985 den Nobelpreis erhielt.

Selbstvertrauen vermitteln

Der Informatik-Unterricht ist für sie eine großartige Gelegenheit, den Mädchen Selbstvertrauen in ihre digitalen Fähigkeiten zu vermitteln. Aus diesem Grund engagiert sie sich auch weit über den Unterricht hinaus. Sie gründete die AG „Digi-Docs“, in der ältere Schülerinnen die jüngeren zu einer mobilen Einsatztruppe bei technischen Problemen mit den digitalen Geräten im Schulalltag ausbilden. Für die kleineren Mädchen gibt es eine Roboter-AG, in der sie spielerisch an die Technik herangeführt werden. Und sie hat gute Kontakte in die Wirtschaft – gemeinsam mit einer Firma, Schülerinnen, Eltern und Lehrern entwickelte sie die App „Cocoon“ weiter. Das schulinterne Kommunikationssystem war zu Beginn des Lockdowns stabiler als die Lernplattform „Moodle“.

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Wie unterrichtet Schwester Christamaria? Karolin aus der elften Klasse erzählt: „Bei Problemen hilft sie gerne, gibt Denkanstöße, verrät aber nie die eigentliche Lösung. Sie lässt uns immer alles ausprobieren und, wenn mal etwas nicht funktioniert, macht sie uns Mut, dass sich schnell eine Lösung finden wird. Mit ihrem unermüdlichen Einsatz überzeugt sie einfach jeden. Ihre positive Art überträgt sich auf uns Schülerinnen. Für uns hat sie immer ein offenes Ohr und nimmt sich die nötige Zeit, um sich unserer Sorgen und Nöte anzunehmen. Dabei spürt man die tolle Verbindung, die sie zu uns Schülerinnen aufbaut.“ Und eine Fünftklässlerin ergänzt: „Sie ist lustig!“

Pilgernde Powerfrau

Die Schulleiterin nennt sie eine „Powerfrau“. Und Hans Michael Piper, Präsident der Universität Oldenburg, meint: „Es beeindruckt mich, wie sehr Schwester Christamaria ihre Schülerinnen für Informatik und das Zukunftsthema Digitalisierung begeistert. Sie vermittelt ihnen dabei weit mehr als Fachwissen. Ebenso wichtig ist es, dass sie die Eigenverantwortung, das Selbstbewusstsein und die positive Grundeinstellung ihrer Schülerinnen stärkt und somit viel zu deren Persönlichkeitsentwicklung beiträgt. Das sind beste Voraussetzungen für qualifizierten und motivierten wissenschaftlichen Nachwuchs, der interdisziplinär denkt und Freude am Forschen hat.“

„Die Mädchen sollen Zeit für sich selber haben, um zu überlegen, was sie mit ihrem Leben anfangen wollen.“ Christamaria Brück

Darüber hinaus gestaltet Schwester Christamaria jedes Jahr unter dem Motto „Ich bin dann mal weg“ ein Pilgerwochenende für ältere Schülerinnen, bei dem es viel Raum, Zeit, Stille und kreative Angebote für die Jugendlichen gibt: „Die Mädchen sollen Zeit für sich selber haben, um zu überlegen, was sie mit ihrem Leben anfangen wollen.“ Und wenn am Weg eine verwahrloste Hütte steht, dann fragt sie schon mal bei der Behörde nach, ob sie diese verschönern darf, und die jugendlichen Pilger greifen unterwegs zu Pinsel und Farbe und gestalten diese Hütte wieder neu.

Unterwegs in Schwesterntracht

Beim Pilgern zeltet sie dann auch selbstverständlich genauso wie die Mädchen. „Ich gehe in meiner Schwesterntracht überall hin. In Tracht kann man auch auf Bäume klettern, Fußball spielen und im Hard-Rock-Cafe in Barcelona mit dem Rocker am Tresen verhandeln“, meint sie. In Informatikerkreisen ist es üblich, sich zu duzen. Kein Problem für Schwester Christamaria. „Wenn das so üblich ist, habe ich kein Problem damit“, sagt sie. „Informatiker sind offen. Theologen sind voreingenommen. In Mathe und Informatik sagen die Leute an der Uni: Eine Schwester, cool, die müssen wir uns gut halten, die ist ein seltenes Objekt.“ Eine Grundlage für Gespräche, die auch tiefergehen können, nach dem biblischen Motto: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt“ (1 Petrus 3, 15).

Highlights im schulischen Leben sind für sie vor allem die Situationen, in denen sich die Schülerinnen mehr als erwartet einbringen. „Im Informatikkurs haben wir nach dem ersten Lockdown Algorithmen erarbeitet. Daraus haben wir in Gruppen coronakonforme Spiele entwickelt, den Schulhof bemalt und die Spielregeln in laminierten Anleitungen daneben positioniert. Am Freitagnachmittag sind wir nicht fertig geworden. Die Schülerinnen sind sogar noch am Sonntag wiedergekommen, um die Spiele fertigzustellen“, erzählt Schwester Christamaria. „Wir lassen uns unsere Freude nicht nehmen!“

Gebetszeiten strukturieren den Tag

Wie erholt sie sich von ihren vielfältigen Aufgaben und Projekten, zu denen auch noch die Mensaleitung samt Personalverantwortung gehört? Für Schwester Christamaria ist es klar: „Durch mein Leben als Schönstätter Marienschwester. Die Gebetszeiten strukturieren den Tag, ich stehe um fünf Uhr auf und hatte zu Schulbeginn dann schon die heilige Messe und eine Gebetszeit. Man räumt ja damit sein Leben ständig auf. Man verarbeitet die Dinge, die kommen, man ist offen dafür. Wenn ich eine Freistunde habe, dann gehe ich in die Kapelle und mache eine halbe Stunde Gebetszeit. Das sind für mich Inseln, um zur Ruhe zu kommen.“

Mit dem Preisgeld möchte sie nach der Corona-Zeit neue Projekte für die Mädchen finanzieren. Der Preis ist für sie eine Ermutigung: „Das, was wir hier tun, das lohnt sich.“

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