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Berechenbar und eindeutig

Der Arabist und Islamwissenschaftler Thomas Bauer sieht in Natur und Kultur einen sukzessiven Verlust an Vielfalt. Von Felix Dirsch

Der große Schlachtruf aller liberalen und linken Kräfte Europas lautet: diversity! Es soll Vielfalt herrschen, das Leben bunt und tolerant sein, jeder soll sich wohlfühlen. Doch stimmt dieses Vielfaltspostulat mit den tatsächlichen Entwicklungen der gegenwärtigen Welt überein? Der Arabist und Islamwissenschaftler Thomas Bauer wirft in einem schmalen, aber außerordentlich gehaltvollen Buch einen Blick auf Bereiche wie Religion, Kunst, Musik und Politik. Ein Schlüsselbegriff ist der der Ambiguitätstoleranz. Im Deutschen weniger gebräuchlich als im angelsächsischen Raum spielt der Ausdruck auf die Vagheit und Vieldeutigkeit eines Zeichens an. Eine Sache kann demnach diverse Interpretationen nach sich ziehen. Dies bedeutet vor allem Mehrdeutigkeit, nicht Eindeutigkeit.

Die Vielfaltsforderung ist im Grunde genommen nicht aufregend, erhoben doch die seit Jahrzehnten diskutierten, selbst sehr vielfältigen Strömungen der Postmoderne die „Vergötzung der Vielfalt“ zum Programm. In der Untersuchung der Wirklichkeit kann man bezüglich des Themas zur Schlussfolgerung einer „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ kommen. Während natürliche Pflanzen- und Tierarten, etwa Apfelsorten und Bienen, in der Gegenwart teilweise einem massiven Schwund unterliegen, ist im gesellschaftlichen Bereich eine Zunahme der Akzeptanz von traditionell marginalisierten Lebensformen zu konstatieren. Bauer sieht die Welt jedoch anscheinend noch pessimistischer.

Ein hervorragendes Analyseobjekt sind Religionen. Sie verändern im Laufe ihrer langen Geschichte regelmäßig ihre Einstellung zur Ambiguitätstoleranz. Die spätmittelalterliche Grundausrichtung des katholischen Glaubenslebens war relativ offen. Erst nach der Reformation kann man, im Zeichen der Gegenreformation, eine gewisse Verengung feststellen. In anderen Epochen gewann ebenfalls der Trend zur dogmatischen Eindeutigkeit die Oberhand, etwa im Verlauf des 19. Jahrhunderts. Die vermehrten Attacken von Liberalen und Nationalisten auf die Kirche erforderten eine Antwort, die durchaus dezidiert ausfiel: 1864 erschien der Syllabus errorum, der zentrale Aspekte der Moderne in Frage stellte. Auch in der unmittelbaren Gegenwart monieren Kritiker fundamentalistische Tendenzen, die alle Mehrdeutigkeiten ausschließen – schwerpunktartig im protestantischen Raum. Kann man die Bibel überhaupt verbindlich und eindeutig auslegen? Ohne lehramtliche Tradition wohl nicht. Folglich sind Verfechter von Mehrdeutigkeit nie Freunde der Orthodoxie.

Ebenso kennt die islamische Glaubensgemeinschaft unterschiedliche Akzente in dieser Richtung. Über weite Strecken in der neuzeitlichen Geschichte zeigte der Islam, so Bauers Argumentation, mehr Facetten der Toleranz, als man heute meist annimmt. In der Gegenwart jedoch treten vermehrt Fanatiker ihren Siegeszug an. Ob man sie noch stoppen kann? Ein aktuelles Spannungfeld ist etwa die Türkei: Dem Staat, einst ein für die islamische Welt beinahe laizistischer Solitär, droht eine forcierte Islamisierung, die schon eine Zeit lang im Gang ist. Dass der Euroislam (was immer man sich darunter vorzustellen vermag) ein Gegengewicht dazu schaffen kann, ist aus heutiger Sicht eher unwahrscheinlich. Dieser Problematik von „Ambiguitätstoleranz und Islam“ hat Bauer eine umfangreiche Monographie gewidmet.

Eine weitere ambivalente Interpretation, die im religionstheoretischen Kapitel eine ausgedehntere Erörterung verdient hätte, ist mit der bis heute ungeklärten Frage umschrieben: Wer ist ein Jude? Üblicherweise gilt die Geburt durch eine jüdische Mutter als entscheidendes Kriterium. Wenn die Abstammung nicht vorhanden ist, ist in Ausnahmefällen jedoch auch ein Übertritt möglich. Im Detail existieren dabei viele Uneindeutigkeiten.

Viele weitere Bereiche werden thematisiert, nicht zuletzt Kunst und Musik. Ein Beispiel aus diesen Bereichen ist der Gegensatz von abstraktem Expressionismus und sozialistischem Realismus während der Zeit des Kalten Krieges. Die vielschichtigen Deutungsmöglichkeiten bei Werken von Jackson Pollock und Mark Rothko galten als Ausdruck von Freiheit. Diese relative Offenheit fehlte dem sozialistischen Realismus, er war für die östlichen Machthaber wohl zuallererst eine Form der Propaganda. Überhaupt gilt für die meisten Arten von moderner Kunst: Die sekundäre Interpretation, die George Steiner vor gut einem Vierteljahrhundert wirkmächtig gescholten hat, ist konstitutiv für künstlerisches Schaffen, auch in der Musik. John Cage steht hier exemplarisch.

Bauer geht auch auf die offenkundigen Feinde von Ambiguität ein, die in letzter Zeit über Konjunktur nicht klagen können: Authentizität und Identität sind hier die Schlagwörter. Denen, die die beiden in Gegenwartsdebatten zentralen Begriffe schlüssig in ihrem Leben umsetzen wollen, liegt zumeist Eindeutigkeit am Herzen; sie scheuen im Regelfall jedwede Mehrdeutigkeit. Die Vertreter der „Identitären Bewegung“ etwa wollen klar bestimmen können, wer dem Volk angehört oder wer nicht dazugehört.

Nicht nur in der Natur, sondern auch in der Kultur sieht Bauer also eine klare Tendenz zur Reduzierung von Vielfalt. Technik und omnipräsente Bürokratisierung tendieren sowieso dorthin. Hier muss alles klar, unzweideutig, berechenbar sein. Der Mensch im informationstechnischen Zeitalter wirkt unfrei wie nie zuvor in seiner Geschichte. Schritt für Schritt ist er irgendwo festgehalten. Das Smartphone weiß, in welches Restaurant der Einzelne geht. Irrtümer sind ausgeschlossen. Algorithmen arbeiten alles andere als mehrdeutig, wenn ihnen auch die duale Differenz von „Null“ und „Eins“ zugrunde liegt. Im „Maschinenmenschen“ ist für Bauer die Negation von Ambiguitätstoleranz in hohem Maße verwirklicht. Ein eher düsterer Blick in eine vielleicht allzu eindeutige Zukunft.

Thomas Bauer: Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. Reclam-Verlag, Stuttgart 2018, 104 Seiten,

ISBN 978-3-15-019492-8, EUR 12,–

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