Kolumne: Christlicher Wahlkompass

Foto: KNA | Professor Elmar Nass.
Foto: KNA | Professor Elmar Nass.

Zur Bundestagswahl 1980 wurde uns noch in Hirtenworten nahegelegt, für „Frieden und Freiheit“ die Stimme abzugeben. Und es war klar, dass damit die „C“-Parteien mit gleichlautendem Slogan gemeint waren. Heute scheint sich das Blatt gewendet zu haben. Wohl manche Kirchenvertreter wünschten sich heute, wenn es noch solche Worte vom alten Schlag gäbe, darin die Empfehlung zu „mehr Gerechtigkeit“. Klar, in welches Parteienspektrum dann das Kreuz am besten hinpasste. Selbst in der „Tagespost“ fanden sich jüngst Leserbriefe mit Mutmaßungen, dass linke Politik doch wohl im Sinne Jesu sei. Was hieße das? Reichen- und Vermögenssteuer sollen her. Ungebremste Solidarität mit Griechenland ist Pflicht. Inklusion an allen Fronten, Schulausbildung weniger differenzieren, offene Familienbilder und Anderes: Das scheint doch alles gut zur Nächstenliebe zu passen. Doch muss ein Kompass für eine christlich verantwortete Wahl anders aussehen. All diese Positionen kann man politisch vertreten, sie sind aber keine Christenpflicht.

Im Gegenteil: Manche davon widersprechen sogar christlichen Werten. Die „Ehe für alle“ konkurriert mit unserem Familienbild. Neiddebatten stacheln sozialen Unfrieden an. Solidarität darf nicht ohne Subsidiarität gedacht werden. Inklusion macht den Autisten und Anderen davon paternalistisch Beglückten das Leben schwer. Gleichmacherei der Schulsysteme stuft handwerkliche Talente als minderwertig ab, was eine Entwürdigung bedeutet und so weiter. So leicht ist es also nicht mit dem Herz-Jesu-Sozialismus als Wahlkompass.

Christliches Profil in Reinform werden wir in keiner Partei finden. In der Politik geht es ja zuerst um Macht. Da werden Kompromisse geschlossen und eigene Wertvorstellungen verwässert. Im christlichen Glauben geht es dagegen um Wahrheit, um die befreiende Botschaft Jesu und unser Bekenntnis dazu. Macht und Wahrheit sind leider oft keine Freunde. Und deshalb machen wir uns nichts vor: Wir müssen bei der Stimmabgabe also abwägen. Hierfür schlage ich drei Gewissensfragen als Kompass vor: Inwieweit sind vertretene Positionen christlich akzeptabel? Sind die entsprechenden Politiker menschlich integer? Sind sie glaubwürdige Christen?

1.) Positionen: Neben vielen politischen Fragen zweiter Ordnung, über die sich auch aus christlicher Sicht trefflich streiten lässt, sollten wir zunächst die Positionen erster Ordnung als Messlatte anlegen, die für Christen ein Muss sind. Dazu gehören ein grundsätzlich positives Verhältnis zur Kirche, die nachhaltige Bekämpfung aller Kampfideologien, das Eintreten für das Leben vom Anfang bis zum Ende, das Bekenntnis zur christlichen Familie mit ihren Kindern und deren Förderung, eine rechte Balance von Eigen- und Sozialverantwortung, die notwendige Unterstützung Hilfebedürftiger, Kranker und behinderter Menschen, die Förderung christlicher Wertevermittlung im Bildungssystem und der verantwortliche Umgang mit unserer Schöpfung.

2.) Persönliche Integrität: Schauen wir nun auf diejenigen, die die Positionen politisch vertreten. Vertrauenswürdigkeit hat keinen Raum für Arroganz, Narzissmus, Nepotismus und Intrigen. Sie zeigt sich etwa an einer fairen Streitkultur mit Andersdenkenden in der eigenen Partei oder im Umgang mit dem politischen Gegner. Auch die Umsetzung von Werten im privaten Leben ist nicht unerheblich. Rückgrat, Prinzipientreue und Opferbereitschaft sind christlicher als Fahnen im Wind. Und für welche politischen und Lebenswerte brennen die Politiker?

3.) Christsein: Christliche Politik geht nicht ohne Christen, selbst wenn es sicher manche andere charakterstarke Menschen gibt. Es braucht aber Politiker, die auch christlich begründet christliche Positionen vertreten. Schauen wir also auf die Volksvertreter und fragen: Wer von diesen glaubt wohl daran, dass Jesus Gottes Sohn und für uns auferstanden ist? Wer von ihnen besucht Gottesdienste nicht allein aus strategischen Gründen? Wer orientiert sich in seinem Tun an den sieben Werken der Barmherzigkeit? Wem traue ich zu, dass er vor seinen Entscheidungen betet? Und wer bekennt sich auch öffentlich zu unserem Glauben, selbst bei öffentlichem Gegenwind?

Vielleicht bringt uns ein solcher Kompass zunächst manche Ernüchterung. Doch ist demokratische Wahl Christenpflicht. Wir sollten die Politiker beziehungsweise Partei wählen, bei denen uns das Wirken des Heiligen Geistes am meisten willkommen erscheint.

Der Autor ist katholischer Priester und lehrt Wirtschafts- und Sozialethik an der Wilhelm Löhe-Hochschule in Fürth.

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