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„Trumps Nationalismus blendet die Widersprüche der amerikanischen Geschichte aus“

War die amerikanische Gründungsidee explizit eine christliche? Und was hätten die Gründerväter über Trump gedacht? Der Heidelberger Historiker Manfred Berg im Gespräch über 250 Jahre Unabhängigkeit.
Gemälde von Howard Chandler Christy: Unterzeichnung der US-Verfassung
Foto: IMAGO/John Parrot (www.imago-images.de) | Das Gemälde von Howard Chandler Christy aus dem Jahr 1940 zeigt die Unterzeichnung der amerikanischen Verfassung am 17. September 1787 in der „Independence Hall“ in Philadelphia.

Herr Professor Berg, die Vereinigten Staaten begehen in diesen Tagen das 250. Jubiläum ihrer Unabhängigkeit. Wie sehr ist den Amerikanern denn derzeit zum Feiern zumute?

Das hängt ganz davon ab, zu welchem politischen Lager sie sich zählen. Amerikanern im liberalen Lager ist sicher nicht zum Feiern zumute. Vor allem haben sie wenig Interesse daran, an den offiziellen Trump-Feierlichkeiten teilzunehmen. Andererseits sind sie natürlich stolz auf ihr Land und stolz auf ihre Geschichte – mit allen Makeln. Mein Eindruck aus Gesprächen mit amerikanischen Freunden ist, dass sie eher im privaten Kreis mit Gleichgesinnten feiern und sich den offiziellen, von der Trump-Administration initiierten Feierlichkeiten entziehen werden. 

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Gibt es denn einen besonderen „Trump-Faktor“ an den Feierlichkeiten? Was wäre anders verlaufen unter einem „konventionellen“ Präsidenten?

Eine gewisse nationale Selbstbeweihräucherung hätte es bei dem Anlass natürlich unter jedem Präsidenten gegeben. Man muss das auch nicht immer hyperkritisch sehen. Aber Trump hat sich schon sehr in den Mittelpunkt gestellt. Er ist der Fürsprecher eines xenophoben, triumphalen Nationalismus, der die Ambivalenzen, die Widersprüchlichkeiten der amerikanischen Geschichte, gerade auch der Unabhängigkeitserklärung, ausblendet. 

Worin bestehen denn diese Ambivalenzen und Widersprüche?

Die Unabhängigkeitserklärung ist einerseits ein sehr ambivalentes Dokument: Alle Menschen sind gleich geschaffen und haben ein Recht auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück – das betrifft, dem Verständnis des späten 18. Jahrhunderts entsprechend, zunächst einmal nur weiße Männer. Zugleich enthält das Dokument ein universales Versprechen für die Zukunft, und dieses Versprechen machen sich ausgeschlossene Gruppen – Frauen, Schwarze, andere Minderheiten – im Laufe der Geschichte immer wieder zu eigen. Insofern ist die amerikanische Geschichte natürlich auch eine Fortschrittserzählung, aber eben nicht ohne Brüche. Das ist etwas, was Donald Trump und seine Anhänger nicht wahrhaben wollen. Solche Konflikte um die Geschichte sind Teil der Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft.

Die von der Trump-Regierung orchestrierten Jubiläumsfeierlichkeiten haben schon vor einer Weile begonnen. Dabei fiel auf, dass regelmäßig die Botschaft platziert wurde, die USA seien explizit als christliche Nation gegründet worden. Ist das von der Historie gedeckt?

„Man kann gerade Leuten wie Jefferson oder Washington
ein eher deistisches Weltbild unterstellen. Die amerikanische
Unabhängigkeitserklärung beispielsweise spricht
vom Schöpfer, nicht einmal direkt von Gott"

Die Vorstellung, die amerikanische Revolution sei eine christliche Revolution gewesen, ist irreführend. Der Konflikt zwischen dem britischen Mutterland und den 13 Kolonien hatte mit Religion zunächst einmal nichts zu tun. Die Gründerväter der USA – Thomas Jefferson, der wichtigste Verfasser der Unabhängigkeitserklärung, aber auch George Washington oder James Madison, der bedeutendste Autor der amerikanischen Verfassung – sind Männer, die in der Tradition der Aufklärung stehen: Diese Männer verstehen sich zwar als Christen, aber man kann gerade Leuten wie Jefferson oder Washington ein eher deistisches Weltbild unterstellen. Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung beispielsweise spricht vom Schöpfer, nicht einmal direkt von Gott. In der ursprünglichen Version der amerikanischen Verfassung von 1787 kommt die Religion quasi nicht vor. Sie wird nur einmal negativ erwähnt, nämlich in dem Zusammenhang, dass kein öffentlicher Amtsträger zu einem religiösen Eid gezwungen werden darf. Und diese Tendenz zu einer Trennung von Religion und Politik, zu einer Ablehnung des Staatskirchentums, die manifestiert sich dann im ersten Verfassungszusatz, in dem die Religionsfreiheit und das Verbot, eine Staatsreligion zu errichten, festgeschrieben werden. 

Was hat es dann mit der bekannten Vorstellung der Amerikaner als „God’s chosen people“ und der Bestrebung, ein „neues Jerusalem“ zu errichten, eine „City upon a hill“, auf sich. Das ist doch Teil des Gründungsmythos.

Man muss differenzieren: Natürlich werden die Ereignisse der amerikanischen Revolution von Anfang an auch religiös gedeutet. Das ist nicht überraschend, denn die amerikanische Gesellschaft des späten 18. Jahrhunderts war keine säkulare, im Gegenteil. Wir haben es mit einer Gesellschaft zu tun, die von frommen calvinistischen Protestanten dominiert wird, Katholiken spielen zu Beginn nur eine ganz marginale Rolle. Schon während der Kolonialzeit existiert ein ungewöhnlich starker religiöser Pluralismus, die Denominationen sind vielfältig: Baptisten, Methodisten, Kongregationalisten, Presbyter, Anglikaner. Viele Kolonisten glauben schon an eine amerikanische Mission, daran, dass Amerika durchaus so etwas wie ein neues Jerusalem sein soll. Aber der Pluralismus religiöser Kirchen und Sekten unterscheidet die Kolonien vom Staatskirchenmodell, vom kontinentaleuropäischen Bündnis von Thron und Altar. Vieles spricht für die These, die Religion habe in den USA vor allem deshalb so starken Zulauf verzeichnet, da es von Anfang an keinen religiösen Zwang gab. In Europa sind die Emanzipationsbewegungen des 19. Jahrhunderts, etwa Liberalismus und Sozialismus, stark antiklerikal bis antireligiös. Das ist in den USA überhaupt nicht der Fall. Reformbewegungen wie der Abolitionismus gegen die Sklaverei sind religiös geprägt. Gerade die Trennung von Kirche und Staat hat dazu geführt, dass die Religion auf amerikanischem Boden besonders gut gedeihen konnte.

Die USA gelten als älteste moderne Demokratie und werden immer wieder als Vorbild herangezogen. Doch das Wort „Demokratie“ kommt in Verfassung und Unabhängigkeitserklärung gar nicht vor. Ist das nicht ein Widerspruch?

Der Historiker Manfred Berg
Foto: TOBIAS SCHWERDT | Manfred Berg ist seit 2005 Professor für Amerikanische Geschichte an der Universität Heidelberg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung, die Rassenbeziehungen in den USA, ...

Nein. Wir müssen schlicht und einfach die Vorstellung aufgeben, die USA seien von Anfang an eine Demokratie gewesen. Das Wort „Demokratie“ ist am Ende des 18. Jahrhunderts ziemlich verpönt, es wird weithin mit Pöbelherrschaft gleichgesetzt, mit der aus der Antike bekannten Versammlungsdemokratie. Die politischen Vorstellungen in den Kolonien sind vielleicht am besten mit dem Begriff „repräsentativer Republikanismus“ beschrieben: Gemeint damit ist die Selbstregierung des Volkes, indem freie Männer mit Besitz andere freie Männer mit Besitz wählen, die dann im Interesse des Gemeinwohls handeln. Demokratie im Sinne einer unmittelbaren plebiszitären Selbstregierung gilt dagegen als Tyrannei der Mehrheit oder auch als Einfallstor für Demagogen. Insofern könnte man durchaus mit einiger Berechtigung sagen: Eine Figur wie Donald Trump war genau das, was die Gründerväter der amerikanischen Republik fürchteten und verhindern wollten. 

Und wie entwickeln sich die USA dann zu einer Demokratie nach den uns heute vertrauten Vorstellungen?

Im Lauf des 19. Jahrhunderts vollzieht sich ein starker Demokratisierungsprozess: Es bilden sich um Macht konkurrierende Parteien heraus, ein breites Wahlrecht etabliert sich, verbunden mit dem Prinzip, dass öffentliche Ämter durch Wahlen besetzt werden, was auch die Möglichkeit einer Abwahl umfasst. Das sind einzigartige demokratisierende Elemente, die wir sonst nirgendwo finden auf der Welt. Es ist völlig richtig zu sagen, die USA entwickeln sich im 19. Jahrhundert zur ersten modernen Massendemokratie. Und die Gründerväter ebneten ihr mit den Institutionen republikanischer Selbstregierung und den Verfassungstexten, die sie schufen, den Weg, ohne dies gewollt zu haben.

Die Demokratisierung verlief, wie Sie sagen, nicht ohne Brüche. Inwieweit ist denn die heute viel zitierte Polarisierung unmittelbare Folge dieser historischen Brüche? 

Ganz allgemein formuliert sind ja alle Gesellschaften durch Konflikte gekennzeichnet, die USA stehen damit in keiner Weise historisch allein. Schon die Revolution und die Unabhängigkeitserklärung sind das Ergebnis eines gewaltsam ausgetragenen Konfliktes. Die Vorstellung, ein Demokratisierungsprozess laufe stets auf eine stabile Konsensdemokratie hinaus, ist ein Produkt der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch ist dieses Bild spätestens durch die Spaltung über den Vietnamkrieg, die Rassenunruhen und den Wertewandel der Kulturrevolution der Sixties beschädigt worden. Und man muss immer wieder daran erinnern: Die Demokratie hat den amerikanischen Bürgerkrieg nicht verhindert, obwohl sowohl der Norden wie auch der Süden nach den Maßstäben ihrer Zeit demokratische Gesellschaften waren.

Mount Rushmore Memorial In Keystone, South Dakota
Foto: IMAGO/Gage Skidmore (www.imago-images.de) | Mit dem Monument Mount Rushmore in South Dakota sind große Präsidenten der amerikanischen Geschichte verewigt: George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt und Abraham Lincoln.

Hat der Bürgerkrieg Wunden geschlagen, die bis heute nicht verheilt sind und gerade jetzt in der Ära Trump in besonderem Maße wieder aufbrechen?

Der Amerikanische Bürgerkrieg spaltet nach wie vor die amerikanische Gesellschaft. Er hat 700.000 Amerikaner das Leben gekostet und stellt bis heute ein nationales Trauma dar. In gewisser Weise hat der Süden zwar den Bürgerkrieg auf dem Schlachtfeld verloren, aber lange die Erinnerungskultur dominiert. Noch heute ist in großen Teilen des weißen Südens das Geschichtsbild verbreitet, es habe sich um einen tragischen Bruderkrieg gehandelt, keineswegs sei es um die Frage der Sklaverei gegangen, sondern um die Freiheit des Südens, für die man tapfer und nobel gefochten habe. Die Erinnerung an den Bürgerkrieg ist auch Teil der Kultur- und Geschichtskriege, die Trump befeuert und von denen er profitiert. Denn der weiße Süden bildet das Rückgrat seiner Wählerkoalition. 

Die Vorstellung, der Norden sei allein von der noblen Sache, die Sklaverei abzuschaffen, angetrieben gewesen, entspricht ja tatsächlich nicht der historischen Realität. 

Nein, es ging dem Norden zunächst einmal darum, die Union zu erhalten. Es war ein nationaler Einigungskrieg. Für den Süden wiederum war es ein Krieg um die eigene Freiheit und Unabhängigkeit: Man sah sich als die wahren Erben der Revolution von 1776, die das tun, was ihre Vorväter auch getan hatten: sich unabhängig erklären von einer tyrannischen Bundesregierung – in dem Fall von einer Bundesregierung, die die „besondere Institution“ der Sklaverei nicht mehr respektieren wollte.

Wie groß sehen Sie heute die Gefahr, dass die Polarisierung in einen neuen Bürgerkrieg ausartet?

„Niemand hat die Fairness und Integrität des Wahlprozesses
so sehr beschädigt wie Donald Trump"

Diese Frage wird in der amerikanischen Öffentlichkeit von Historikern und Politikwissenschaftlern seit Trumps erster Amtszeit diskutiert. Besonders groß waren die Befürchtungen 2024. Wie viele andere hielt auch ich es damals für möglich, wenn nicht sogar wahrscheinlich, dass Trump im Falle einer Niederlage bei den Präsidentschaftswahlen erneut seine Anhängerschaft mobilisieren und es zu gewaltsamen Ausschreitungen kommen würde. Den USA ist dieses Szenario erspart geblieben, weil die Demokraten sich an den demokratischen Konsens gehalten haben, dass der Wahlverlierer das Ergebnis einer freien und fairen Wahl akzeptiert. Aber Donald Trump hat das noch nie getan. Niemand hat die Fairness und Integrität des Wahlprozesses so sehr beschädigt wie er. Der Sturm auf das Kapitol vom 6. Januar 2021 war ein Putschversuch, das muss man so deutlich sagen. Damit ist ein demokratischer Grundkonsens aufgekündigt worden. Wer sich das schönredet und sagt, Donald Trump sei doch 2024 in einer fairen Wahl wiedergewählt worden, dem ist entgegenzuhalten: Das mag so sein. Dass er wiedergewählt werden konnte, sagt aber eine Menge über den Zustand der amerikanischen Demokratie, die sich gegenwärtig in einer Krise befindet. 

Dennoch hat sich die amerikanische Demokratie bewährt, oder nicht?

Was heißt bewährt? Zwar gab es in Deutschland immer auch eine starke Amerikakritik, von linker wie von rechter Seite. Dennoch nehme ich hierzulande, gerade im Milieu einer transatlantisch ausgebildeten und orientierten Elite, zu der auch ich gehöre, die Tendenz wahr, den Amerikanern immer eine Art Vertrauensvorschuss zu geben. Der verstellt den Blick darauf, dass die US-Demokratie sich in einer tiefen Krise befindet, dass die viel gerühmten „Checks and balances“ nicht funktioniert haben. Denn hätten sie funktioniert, wäre Donald Trump vor Gericht gestellt und verurteilt worden und hätte nicht noch einmal die Chance bekommen, ins Weiße Haus einzuziehen. Aus meiner Sicht stehen die USA jetzt am Scheideweg: Es wird darauf ankommen, ob wir bei den Zwischenwahlen im November faire und freie Wahlen erleben, ob ein potenzieller Wahlsieg der Opposition auch anerkannt würde. Dasselbe gilt für die Präsidentschaftswahlen 2028. Eine erneute Kandidatur Donald Trumps beispielsweise wäre ein Verfassungsbruch, für den sich hoffentlich der Supreme Court nicht hergeben wird. 

Sie schließen solch eine Kandidatur nicht aus?

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Wir leben im Zeitalter Donald Trumps, da kann man gar nichts mehr ausschließen. 

Nun haben viele Bürger Trump gerade deshalb gewählt, weil sie sich vorher nicht ausreichend von der herrschenden politischen Klasse repräsentiert fühlten und gehofft haben, dass sich das mit Trump ändert. Hat Trump da geliefert?

Das kommt darauf an, wen man als das Volk betrachtet. Für Donald Trump sind natürlich nur diejenigen echte Amerikaner, die ihn unterstützen und die Ideologie der MAGA-Bewegung teilen. Alle anderen sind Volksfeinde, werden als volksferne Eliten diffamiert. Das ist ein Muster in vielen Ländern. Wir sind von der Phase der liberalen Demokratie in eine neue historische Phase, nämlich die der polarisierten, populistisch dominierten Demokratie eingetreten. Trump und die MAGA-Bewegung sind die Vorreiter dieser Entwicklung. Doch wenn Trump einmal von der politischen Bühne abtritt, wird die Polarisierung nicht verschwinden, die radikale nationalistische Rechte in den USA wird eine starke politische Kraft bleiben – und auch tendenziell mehrheitsfähig sein. Dabei hätten viele Amerikaner, die Trump nur aus Unzufriedenheit mit der hohen Inflation unter Biden gewählt haben, allen Grund, ihn bei den Zwischenwahlen abzustrafen. Normalerweise müssten wir damit rechnen, dass die Republikaner furchtbar verprügelt werden.

Es klingt, als hätten Sie Ihre Zweifel, dass es so kommt.

„Die Demokraten repräsentierten einst unter
Franklin D. Roosevelt und Lyndon B. Johnson
die „working class“. Heute sind sie zur Partei
der gutverdienenden, liberalen Eliten geworden"

Die Demokraten sind leider nicht populärer. Und sie sind Teil eines größeren Problems: Die amerikanische Demokratie mit ihrem Zweiparteiensystem befindet sich in einer schweren Legitimationskrise. Die grundlegende Kritik am bestehenden System ist auch nicht völlig falsch. Beide Parteien, insbesondere aber die Demokraten, haben große Repräsentationslücken in ihrer ehemaligen Kernwählerschaft entstehen lassen. Die Demokraten repräsentierten einst unter Franklin D. Roosevelt und Lyndon B. Johnson die „working class“. Heute sind sie zur Partei der gutverdienenden, liberalen Eliten geworden. Und sie vertreten Positionen, etwa in der Einwanderungspolitik oder auch in sozialmoralischen Fragen, die viele ihrer ehemaligen Stammwähler entfremdet hat. Inzwischen laufen ihnen sogar die Minderheiten davon. 

Wo sehen Sie die Ursachen dieser Legitimationskrise?

Die Ursprünge reichen sehr viel weiter zurück als Donald Trump. Große Teile der US-Gesellschaft sehen sich zu Recht als Verlierer der Globalisierung, der amerikanische Traum vom Aufstieg durch harte Arbeit ist geplatzt. Da war es für Trump ein Leichtes, mit dem Versprechen einer glorreichen Rückkehr in die Vergangenheit die Massen zu mobilisieren. Das Credo lautet: Es soll alles wieder so werden, wie es einmal war. Das inszeniert Trump mit dem „Make America great again“ meisterhaft.

Trump sieht sich in der Tradition George Washingtons
Foto: IMAGO/Andrew Leyden (www.imago-images.de) | Sieht sich selbst in der Tradition George Washingtons: der amtierende US-Präsident Donald Trump.

Nüchtern betrachtet: Ist Trump also ein talentierter Politiker?

Er hat ein enormes demagogisches Talent und ein dämonisches Charisma. Trump ist lange unterschätzt worden. Man hat ihn für einen politischen Scharlatan ohne echte Agenda gehalten. Das liberale Lager in den USA hat einen großen Fehler begangen: Man glaubte, mit der zweimaligen Wahl Barack Obamas sei die Schwelle zu einer multiethnischen Demokratie überschritten und es gebe kein Zurück mehr. Es entsprach der Logik dieser Fortschrittserzählung, dass auf den ersten Schwarzen die erste Frau im Präsidentenamt folgen musste, und das musste Hillary Clinton sein, die kompetente Ex-Außenministerin. Was wir in Deutschland nicht gesehen haben: wie unpopulär Clinton war, wie sehr sie als Repräsentantin einer abgehobenen kulturellen und finanziellen Elite wahrgenommen wurde. Für viele der demokratischen Stammwähler war sie schlicht nicht wählbar.

Das „dämonische Charisma“ geht Trumps potenziellem Nachfolger J.D. Vance ab. Kann er ihn dennoch beerben?

Vance ist für mich ein politischer Opportunist. Es ist klar, dass er Präsident werden will. Er wäre gut beraten, wieder mehr auf die Mitte zuzugehen, auch wenn er stärker ideologiegetrieben ist als Trump. Ich glaube aber nicht, dass er mit seinem ostentativ zur Schau gestellten konservativen Katholizismus mehrheitsfähig wäre, allein schon aufgrund der scharfen konfessionellen Gegensätze.


Manfred Berg ist seit 2005 Professor für Amerikanische Geschichte an der Universität Heidelberg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung, die Rassenbeziehungen in den USA, Lynchjustiz und Mobgewalt sowie die Geschichte der US-Außenpolitik und die Politikgeschichte der USA. Im Verlag Klett-Cotta ist jüngst von ihm erschienen: „Amerikas Demokratie. Eine kurze Geschichte von der Unabhängigkeit bis Donald Trump“.

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