Christliches Forum: Ein neues Netzwerk knüpfen

Wie das „Christliche Forum“ Impulse für eine christliche Politik aussenden will. Von Oliver Gierens

Christliches Forum: Auch Birgit Kelle referierte.
Auch Birgit Kelle referierte. Foto: dpa

Nicht erst der Ausgang der Bayern-Wahl hat gezeigt: alte Gewissheiten gelten in der Politik nicht mehr. Wählerbindungen, die früher als zementiert galten, lösen sich immer mehr in Luft auf. Das betrifft auch die praktizierenden Christen und ihre politische „Lobby“. Es ist noch gar nicht lange her, da galten die Parteien mit dem „C“ als ihre natürlichen Partner. Doch das hat sich gründlich geändert. Christliche und konservative Wähler wenden sich teilweise von der Merkel-CDU ab. Das betrifft auch prominente Politiker. Werner Münch, früherer Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, trat vor neun Jahren aus der Union aus. Seitdem wird er in unzähligen Büchern, Interviews und Vorträgen nicht müde, seine frühere Partei kritisieren. Er ist bei weitem nicht der einzige, der das „C“ in der Union vermisst. Rund 80 von ihnen haben sich nun im Kloster Frauenberg hoch über Fulda zu einem „Christlichen Forum“ getroffen. Unweit vom Grab des „Apostels der Deutschen“, des hl. Bonifatius, haben sie über Strategien für eine neue christliche Politik in Europa beraten.

Sorgen um unsere europäische Lebensart

Initiator des Treffens war Michael Ragg, christlicher Publizist und Vortragsredner. Er verwies auf das christliche Fundament des Grundgesetzes, das – nach einem Zitat des früheren Berliner Bürgermeisters Heinrich Albertz – „im Schatten des Kölner Doms entstanden“ sei. Doch gerade Deutschlands höchste Kathedrale wurde vor drei Jahren zum Symbol einer gesellschaftlichen Wende. In der berüchtigten Silvesternacht 2015/16 haben hunderte Migranten aus muslimischen Ländern nicht nur junge Frauen sexuell belästigt, sondern auch – was in vielen Medien häufig unterging – den Kölner Dom während der Silvestermesse mit Feuerwerk beschossen. Mittlerweile, so Michael Ragg, müsse man sich nicht nur Sorgen um die europäischen Institutionen, sondern um unsere europäische Lebensart machen.

Doch überzeugte und praktizierende Christen haben es heute schwerer denn je, ihre Agenda politisch durchzusetzen. Denn ihnen fehlt die Verankerung in den Parteien, insbesondere in der Union. Deshalb sollte auf diesem „Christlichen Forum“ in Fulda die Grundlage für eine enge Vernetzung christlicher Kräfte in Politik und Gesellschaft gelegt werden. Es war das erste Treffen dieser Art, und weitere sollen folgen. Michael Ragg freute sich über den Zuspruch, den seine Einladung erfahren hat: Eine „kreative Minderheit“ habe sich in Fulda zusammengefunden.

Christliches Forum: Eine größere politische Bewegung als Ziel

Der Zuspruch sei groß, die freien Plätze schnell belegt gewesen. Das Publikum war handverlesen: Nur wer eine persönliche Einladung erhalten hatte, konnte hier teilnehmen. Ragg wollte offenbar einen elitären Kreis zusammenstellen, aus dem dann eine größere politische Bewegung hervorgehen soll. Denn, so Initiator Ragg, fünf Prozent würden bereits reichen, um einen öffentlichen Meinungsumschwung auszulösen. So hat es einst die bekannte Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann prognostiziert. Und Minderheiten wie Homo-Lobbys belegten, dass die These stimme.

Das Podium war durchaus prominent besetzt. Michael Ragg kommt an fast alle Personen heran, die in christlichen Kreisen Rang und Namen haben: Birgit Kelle, die sich seit Jahren mit Feminismus und Genderismus kritisch befasst, war ebenso dabei wie der schon erwähnte Werner Münch, einer der prominentesten CDU-„Dissidenten“.

Europa braucht eine neue Art von Christentum

Sogar aus Indien holte sich Ragg Verstärkung: Dr. Vishal Mangalwadi gilt laut Einladung als der führende christliche Intellektuelle des Subkontinents. In seinem Werk „Das Buch der Mitte“ bezeichnet er die Bibel als Herzstück der europäischen Kultur und beklagt zugleich den Verfall christlicher Werte in der europäischen Politik. Europa sei einst der christliche Kontinent gewesen, und nach seiner Überzeugung kann er es wieder werden.

Dazu brauche der Kontinent eine neue Art von Christentum – eine Mischung aus der protestantischen Idee vom Nationalstaat mit der katholischen Vorstellung vom Christentum. Es gehe – um mit Konrad Adenauer zu sprechen – um die Frage, ob wir das Reich Gottes oder ein Reich von Menschen haben wollten, wie es der Kommunismus gewesen sei. Das Reich Gottes, so der indische Theologe, sei dabei das nationenübergreifende Licht.

Christen müssten Netzwerke in der Politik bilden

Praktischer wurde es, als Gudrun Kugler das Podium betrat. Die österreichische Politikerin sitzt seit letztem Jahr für die christdemokratische Volkspartei im Wiener Nationalrat – trotz oder gerade wegen ihres dezidierten christlichen Engagements. So engagiert sie sich im Lebensschutz gegen Abtreibung und gründete das katholische Heiratsportal kathtreff. Kugler machte den Konferenzteilnehmern Mut, nicht in Resignation zu verfallen. Arbeiten, arbeiten, arbeiten – und nicht auf die hören, die sagen, es gehe nicht – dieses Motto von Hollywood-Star und Ex-Gouverneur Arnold Schwarzenegger schärfte sie den Zuhörern ein.

„Bestraft die Parteien nicht durch Euren Austritt, sondern durch Euren Eintritt“

Und sie wurde konkret: Christen müssten Netzwerke in der Politik bilden, sich einbringen und für ihre Positionen kämpfen. „Bestraft die Parteien nicht durch Euren Austritt, sondern durch Euren Eintritt“, rief sie dem applaudierenden Publikum zu. Die christliche Szene in Deutschland brauche noch Entwicklungshilfe, bemerkte sie ironisch. Dass sie entschlossen ist, diese zu geben, daran ließ sie keinen Zweifel. Neben einer immer engeren und größeren Vernetzung müssten vor allem junge Menschen fit für die Parlamentsarbeit gemacht werden.

Auch Ragg stimmte dieser Idee sofort zu: „Wir werden auf jeden Fall weitermachen“, versprach er. So soll es im Frühjahr 2019 ein Folgetreffen geben. Dann soll die Vernetzung zu einer Bewegung wachsen, die hoffentlich das Land verändere.