Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung ZEITENWENDE

Medien brauchen Vielfalt, nicht PR

Die Medien-Kampagne „#Zusammenland“ führt die Idee der freien Presse ad absurdum.
Freie Meinungsbildung
Foto: picture alliance/dpa | Helmut Fricke | In der freien Presse ist jeder Versuch einer autoritären Begrenzung des öffentlichen Diskurses absurd.

Für besorgte Patrioten, die sich zu den Abonnenten der „Süddeutschen Zeitung“, des „Tagesspiegels“, oder auch der „ZEIT“ zählen dürfen, hielt die vergangene Woche einen Lichtblick parat: großformatig auf einer ganzen Doppelseite abgedruckt, konnten die Leser sich der Anzeige der Kampagne „#Zusammenland – Vielfalt macht uns stark“ erfreuen. Gemeinsam warben die Zeitungen mit 500 großen Unternehmen und Organisationen für ein Zusammenstehen gegen Faschismus, rechte Propaganda, „Hass und Spaltung“. Gut so! Fühlen wir nicht alle, dass es um die Einigkeit des Vaterlands schlecht bestellt ist?

Lesen Sie auch:

Spaß beiseite. Wo auf Einigkeit gepocht wird, ist es oft mit Recht und Freiheit nicht allzu weit her. Für letztere ist zum Glück nicht die vierte Gewalt verantwortlich. Wobei von der Exekutive auch nicht unbedingt ein Bekenntnis zur freiheitlichen Demokratie zu erwarten ist (vgl. Seite 5). Doch dass ausgerechnet sogenannte Leitmedien eine Doppelseite Werbung für die richtige Haltung machen, ist traurig. Haltung ersetzt Argumente, PR den Journalismus.

Die Kampagne appelliert an den Herdentrieb

Denn was drückt eine große weiße Fläche mit unzähligen Firmenlogos, einem großen Slogan und einem kleinen Textfeld aus? Letztlich handelt es sich dabei um eine Variation des bekannten Mottos „Wir sind mehr“. Der Adressat der Anzeige möge sich im berauschenden Gefühl sonnen, sich mit seiner politischen Einstellung auf der guten, der Gewinnerseite zu befinden, und sich damit noch inniger an diese binden.

Oder, überwältigt von der Erkenntnis, in der Minderheit zu sein, die Seiten wechseln, oder sich wenigstens verschüchtert zurückziehen. Die Kampagne appelliert an den Herdentrieb, und verzichtet dafür auf inhaltliche Überzeugungsarbeit. Wenn aber die Sachdebatte eingestellt wird, ist der demokratische Diskurs, dem die Medien zuerst verpflichtet sein sollten, tot. Der Leser ist in dieser Vorstellungswelt nicht zuerst vernunftbegabter Bürger, der zur eigenen Meinungsbildung imstande ist, sondern nur noch ein soziales Tier – und muss als solches fest im richtigen Stall angebunden werden, um nicht etwa „Rattenfängern“ zum Opfer zu fallen.

Presse muss Forum zur Meinungsbildung bieten 

Moment. „Wenn die Demokratie angegriffen wird“ (Mitinitiator Rainer Esser), dann muss doch alles erlaubt sein, oder? Mit Antidemokraten, die gleichsam die Geschäftsgrundlage der freiheitlich-demokratischen Grundordnung angreifen würden, so die Logik, könne man halt nicht diskutieren. Das mag für Katholiken sogar irgendwie einleuchtend klingen. Wer alle Wahrheiten zur Disposition stellt, steht am Ende mit leeren Händen da.

Analog zu den römischen Autoritäten, so könnte man argumentieren, wacht die Justiz, insbesondere das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, über die Achtung von Demokratie und Menschenwürde, über den Erhalt der unverzichtbaren Elemente unserer politischen Ordnung.

In der freien Presse ist hingegen jeder Versuch einer autoritären Begrenzung des öffentlichen Diskurses völlig absurd. Deren Aufgabe ist das genaue Gegenteil: Forum zur freien Bildung der öffentlichen Meinung zu sein, statt diese vorzugeben. Schließlich soll der Leser nicht darüber informiert werden, welche Vorstellungen erlaubt sind, sondern als Bürger und Souverän befähigt werden, einen eigenen Standpunkt zu entwickeln. Wenn dieser Anspruch nicht mehr verfolgt wird, ist es um „Vielfalt“ und die beworbene offene Gesellschaft schlecht bestellt.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Jakob Ranke Demokratie Zeitenwende

Weitere Artikel

Die „Kölnische Rundschau“ gehört jetzt zur DuMont Mediengruppe. Und die Medien der Westfälischen Medien Holding will die Rheinische Post Mediengruppe übernehmen.
17.04.2026, 11 Uhr
Patrick Peters
Napoleon soll ihn die „fünfte Macht“ genannt haben: Publizist Joseph Görres machte das Katholische politisch. Sein Erbe fordert er uns heraus: Wem gehört die Öffentlichkeit heute?
24.01.2026, 19 Uhr
Patrick Peters

Kirche

Der Papst sieht den Moment gekommen, die Künstliche Intelligenz zu „entwaffnen“. Eigentlich geht es in „Magnifica humanitas“ aber eher um das „technokratische Paradigma“.
27.05.2026, 17 Uhr
Guido Horst
Auch die Entwickler selbst fürchten, dass sich eine Superintelligenz einmal gegen den Menschen richten könnte: Die KI-Enzyklika Papst Leos geht auf reale Sorgen ein.
27.05.2026, 19 Uhr
Guido Horst
Kommt die Seligsprechung? Wie Erzbischof Georg Gänswein bestätigt, sammelt das Dikasterium für die Heiligsprechung Schreiben aus aller Welt, die Gebetserhörungen dokumentieren.
27.05.2026, 14 Uhr
Regina Einig
Trotz Warnungen aus Rom: Die FSSPX gibt die Namen der Kandidaten für die geplanten Bischofsweihen bekannt. Auch dem Papst sollen sie bereits vorgestellt worden sein.
27.05.2026, 11 Uhr
Meldung
Neuer Teilnehmerrekord, Durchschnittsalter bei 21 und die Abschlussmesse mit Kardinal Burke: Chartres versammelte wieder Zehntausende. Was sagt das über die junge Generation?
27.05.2026, 10 Uhr
Elisabeth Hüffer