Eine nackte Frau wälzt sich in Urin und Fäkalien, düstere Plattenbau-Projektionen erinnern an die untergegangene DDR, und dazwischen erstrahlen plötzlich Botschaften der heiligen Hildegard von Bingen – die Signale der gerade eröffneten Biennale von Venedig schockieren, verstören, faszinieren. Und wieder stellen sich viele wie bei fast jedem großen, zeitgenössischen Kulturspektakel von Documenta bis zu den Wiener Festwochen die Frage: Ist das noch Kunst? Um die Antwort vorwegzunehmen: Wahrscheinlich ja, auch wenn es weh tut.
Kunst will der Welt etwas entgegensetzen. Nicht immer ist es Schönheit, manchmal auch das Gegenteil, etwa als Verweis auf ein verloren gegangenes Paradies, auf ein gegenwärtiges, aber uns verborgenes – oder auf ein zukünftiges: das Kunstwerk als Verheißung. Bei der Biennale von Venedig war zur Eröffnung wenig Verheißungsvolles zu spüren: keine ästhetische Schönheit, selbst wohlkalkulierte Hässlichkeit suchte man zunächst vergebens. Stattdessen ging es zu Beginn vor allem um Politik – oder doch eher um das Gegenteil?
Das hohe Kulturgut des fruchtbaren Streits aufgegeben
Denn wenn man unter „Politik“ im Groben den gesellschaftlichen Ausgleich von Meinungen versteht, dann war davon zunächst wenig zu spüren. 28 Länder haben durch demonstrative Verweigerung die Eröffnung boykottiert – wegen Israel und seiner Gaza-Politik. „Politisch“ ist gerade das nicht: denn dann vollzöge sich in einem formalen Rahmen aus Recht und Gesetz ein Prozess der Auseinandersetzung, der dann in Erkenntnis und Inhalt mündet. Was man hier aber erlebte, war die große Verweigerung. Ein Menetekel für den Zustand einer Welt, die den gnadenlosen Konflikt zelebriert, weil sie das hohe Kulturgut des fruchtbaren Streits aufgegeben hat.
Die große Biennale-Show selbst hatte dann doch einiges an Kunst zu bieten, an Schönheit, an gezielter Negation – und an ästhetischer Transzendenz. Denn die ist es, die die Kunst über das Alltägliche erhebt und Werk und Betrachter in andere Sphären überführt. Das Geheimnisvolle und Rätselhafte, das auf etwas Höheres verweist, vieldeutig und veränderlich, es fasziniert uns – und bleibt letztlich unerklärlich.
Die österreichische Aktionskünstlerin Florentina Holzinger legt sich einen Eisengürtel um den nackten Körper und bildet so den lebendigen, hin- und herschwingenden Schlegel einer Glocke mit der Inschrift: O tempora, O mores. Ganz neu ist das nicht – aber das Publikum giert nach wirkmächtigen Zeichen für den Augenblick, hier ist es eine „laute“ Nacktheit, mehr Entertainment als Performance. Das gilt auch für ein Fäkalbad, die Kläranlage und den im engen Wasserbassin kreisenden Jet-Ski: Alles ist äußerst plakativ und wahrnehmungsstark – aber besitzt es auch Tiefe? Die Aktionen wirken wie Agitationspropaganda, der aufdringliche Wille zur politischen Öko-Kunstbotschaft.
Eine Gegenwelt zum tobenden Zeitgeist
Auch der deutsche Pavillon gab sich zur Eröffnung performativ: Die venezianische Vertikaltanzgruppe „Il Posto“ bespielte an Seilen gefesselt eine Art Marterpfahl und schuf die bewegte Wahrnehmung für das raumgreifende Relief der gerade verstorbenen Künstlerin Henrike Naumann. Die hatte Versatzstücke des DDR-Lebens zu einem Panorama der Alltagsvergänglichkeit arrangiert. Draußen zieren Ausschnitte von DDR-Plattenbauten den neoklassizistischen, deutschen Pavillon, eine Idee der vietnamesisch-deutschen Künstlerin Sung Tieu aus Berlin.
Für eine Gegenwelt zum tobenden Zeitgeist sorgt der Vatikan mit seinem Projekt in einem Karmelitenkloster, ein Garten aus Klängen, Stimmen und Musik, inspiriert von der Mystikerin Hildegard von Bingen. Es ist das große, christliche Versöhnungsangebot auf dieser Biennale. Und es ist Kunst.
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