Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Interview mit Herbert Schneider

„Junge Leute treibt die Generationengerechtigkeit um"

Sie sollen sich trotzdem für die Gesellschaft engagieren, meint Herbert Schneider, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft katholischer Studentenverbände, dem Zusammenschluss der katholischen Korporationsverbände.
Herbert Schneider, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft katholischer Studentenverbände
| Herbert Schneider, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft katholischer Studentenverbände, der Zusammenschluss der katholischen Korporationsverbände. Er studiert katholische Theologie in Erfurt.

Herr Schneider, Armin Laschet beklagte vor einigen Wochen, dass zu den großen gesellschaftspolitischen Fragen von katholischen Laien kaum noch Position bezogen werde. Er habe den Eindruck, dass man sich lieber mit innerkirchlichen Problemen befasse. Dabei benötige die Gesellschaft gerade jetzt Orientierung. Laschet ist nicht nur Politiker, sondern auch Mitglied des Cartellverbandes. Sind die Verbände nicht das Feld, auf dem genau solche katholischen Laien sich entwickeln sollen? Wie sehen Sie die Lage?

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Katholische Stimmen werden zwar immer noch gehört, aber es stimmt schon, ihre Relevanz hat abgenommen. Das hängt auch mit der Mitgliederentwicklung der Verbände zusammen. Trotzdem: Immer wieder melden sich so geprägte Katholiken zu Wort und das wird dann auch besonders wahrgenommen. Gerade weil heute die Mitgliederzahlen stagnieren, sind diese Stimmen besonders wichtig. Denn sie unterstreichen: Auch wenn es heute nicht mehr selbstverständlich ist, sich in einem katholischen Verband zu engagieren, diejenigen, die es tun, die genügen sich nicht nur selbst. Für sie ist es auch selbstverständlich, in dieser Weise klar als Katholiken Position zu beziehen. Das gilt vor allem, wenn ich auf die katholischen Korporationsverbände schaue, die sich in der AGV zusammengeschlossen haben. Vor allem ein inhaltlicher Schwerpunkt, den jetzt auch Papst Leo XIII. in den Mittelpunkt gestellt hat, wird in den katholischen Verbindungen schon immer gepflegt: die katholische Soziallehre.

Wie sieht die praktische Arbeit der AGV aus?

Wir bilden den Zusammenschluss aus vier katholischen Korporationsverbänden: dem Cartellverband (CV), dem Kartellverband (KV), dem Unitas-Verband (UV) und dem Ring katholischer deutscher Burschenschafter (RKDB). Damit repräsentieren wir rund 10.000 katholische Studenten. Unsere Angebote richten sich vor allem an die Spitzen der Verbände, also die sogenannten Vororte, die sich aus den Aktiven, also den studentischen Mitgliedern, zusammensetzen. Zweimal im Jahr führen wir ein Dialogprogramm durch. Dann treffen unsere Mitglieder mit Vertretern aus Kirche, Politik und Wirtschaft zusammen. Die Themenpalette ist hier ganz vielseitig. Da kann es in einer Diskussion mit einem Bundestagsabgeordneten über den assistierten Suizid oder den Lebensschutz gehen. Oder im Gespräch mit einem Unternehmer darüber, was die katholische Soziallehre praktisch für seinen beruflichen Alltag bedeutet. Eines der Seminare findet jährlich wechselnd immer in Berlin oder Rom statt.

Zu den Gesprächspartnern gehören natürlich dann nicht nur Politiker, die selbst einen kirchlichen Hintergrund haben oder gläubig sind. Wie sehen hier Ihre Erfahrungen aus?

Ich stelle immer wieder fest: Hier gibt es eine große Neugier. Man ist interessiert daran, sich mit Gesprächspartnern auszutauschen, die so einen Hintergrund haben. Gerade auch dann, wenn die Politiker selbst nicht über so eine Prägung verfügen. Umso mehr interessieren sie sich dafür, warum und wie sich junge Katholiken engagieren.

Sie haben das Stichwort katholische Soziallehre genannt. Das hört sich erst einmal ziemlich trocken an. Können junge Leute damit überhaupt etwas anfangen?

„Fehlentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte
haben dazu geführt, dass es für junge Paare heute
nicht mehr selbstverständlich ist, einen Kinderwunsch
zu haben und den auch verwirklichen zu wollen"

Junge Leute treibt im Moment ein Thema besonders um: die Generationengerechtigkeit. Und gerade dazu gibt es aus Sicht der Soziallehre viel zu sagen. Hier geht es um ein Grundprinzip, die Solidarität. Das spielt eine Rolle, wenn man darüber nachdenkt, ob man später noch eine ordentliche Rente bekommen wird. Oder ob es etwa legitim ist, wenn der Staat verlangt, dass junge Leute ein soziales Pflichtjahr für die Gemeinschaft ableisten sollen. Ein Thema ist aber besonders wichtig: Familiengründung. Fehlentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte haben dazu geführt, dass es für junge Paare heute nicht mehr selbstverständlich ist, einen Kinderwunsch zu haben und den auch verwirklichen zu wollen.

Die AGV hat vor einigen Wochen ein Positionspapier zur Familienpolitik veröffentlicht. Was sind Ihre Forderungen?

Wir lehnen die ersatzlose Abschaffung des Ehegattensplittings ganz entschieden ab. Diese Idee war ja von Bundesfinanzminister Lars Klingbeil ins Spiel gebracht worden. Wir wollen ein Familiensplitting. Ehe und Familie sind nach unserem Verständnis keine bloßen Lebensgemeinschaften auf Abruf, sondern umfassende Verantwortungsgemeinschaften. In „Familiaris Consortio“ hat es Papst Johannes Paul II. für die Soziallehre grundlegend formuliert: Die eheliche Gemeinschaft lebt aus dem persönlichen Willen der Gatten, „ihr ganzes Leben zu teilen, das, was sie haben und das, was sie sind.“ Diese Totalität schließt die wirtschaftliche Dimension ausdrücklich ein. Wir sind daher der Auffassung: Wer Ehegatten steuerrechtlich als zwei voneinander unabhängige Individuen behandelt, verfehlt damit nicht nur die zivilrechtliche Realität der Ehe, er bricht auch mit dem Leitbild, das unserem Grundgesetz zugrunde liegt. Das Ehegattensplitting ist Ausdruck genau dieser Realität. Ehepartner sind gesetzlich verpflichtet, füreinander einzustehen, Unterhalt zu leisten und sich gegenseitig abzusichern. Wer nun die steuerlichen Vorteile dieser Solidargemeinschaft ersatzlos streicht, ohne auch diese Pflichten anzutasten, schafft kein gerechteres System. Vielmehr gerät das fein austarierte System von Rechten und Pflichten der Ehe aus dem Gleichgewicht.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass Sie nicht nur allein auf die Soziallehre Bezug nehmen, sondern auch mit der Verfassung argumentieren.

„Wenn Eheleute arbeitsteilig leben, weil einer
die Erwerbsarbeit, der andere die Care-Arbeit übernimmt,
ist das eine legitime Entscheidung, die der Staat
steuerrechtlich zu respektieren und nicht zu bestrafen hat"

Hier zeigt sich eben, wie stark die Bundesrepublik durch Prinzipien der Soziallehre von Beginn an geprägt worden ist. Das schlägt sich auch im Grundgesetz nieder. Das Bundesverfassungsgericht hat das Splitting ausdrücklich als verfassungsrechtlich gebotene, sachgerechte Besteuerung nach wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit qualifiziert. Es hat überdies klargestellt, dass der Staat Eheleute nicht durch steuerrechtliche Maßnahmen zu einer bestimmten Lebensgestaltung drängen darf. Eine Abschaffung, die faktisch eine Vollzeiterwerbstätigkeit beider Partner erzwingen soll, steht in unmittelbarem Widerspruch zu diesem Grundsatz. Das Subsidiaritätsprinzip der katholischen Soziallehre unterstreicht dies: Was eine kleinere Einheit - die Familie - in freier innerer Absprache selbst regelt, soll der Staat weder übernehmen noch verhindern. Wenn Eheleute arbeitsteilig leben, weil einer die Erwerbsarbeit, der andere die Care-Arbeit übernimmt, ist das eine legitime Entscheidung, die der Staat steuerrechtlich zu respektieren und nicht zu bestrafen hat.

Wie waren die Reaktionen auf Ihr Papier?

Es gab viele positive Reaktionen. Von einzelnen Politikern, aber natürlich auch von Mitgliedern unserer Verbände.

Die katholischen Korporationsverbände sind innerhalb des katholischen Verbändewesens ja noch einmal ein besonderer Farbtupfer. Wie wird die Arbeit der AGV in diesem Milieu aufgenommen?

Unsere Arbeit wird positiv gewürdigt. Wir sind im ZdK Mitglied und arbeiten dort konstruktiv und inhaltlich fundiert als Gesprächspartner auf Augenhöhe mit.

Auch beim Katholikentag ist die AGV präsent. Was erwartet Besucher da?

Wir haben einen eigenen Stand, er befindet sich hinter der Friedensbrücke. Dort informieren wir über unsere Arbeit. Unsere Besucher können Couleurkarten, etwas Typisches aus dem Korporationsleben, vom Katholikentag verschicken. Wir kümmern uns um den Versand. Am Donnerstagabend gibt es einen Empfang, bei dem der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU), er gehört auch dem CV an, sprechen wird. Am Freitagmorgen feiern die Mitglieder der Korporationen zusammen mit Bischof Franz Jung eine Heilige Messe in der Marienkapelle. Und am Abend findet ein Festkommers statt, bei dem der Würzburger Weihbischof Paul Reder (UV) die Festrede halten wird.

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Sebastian Sasse

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