Cem Özdemir wird gefeiert. Und man muss jenseits aller unterschiedlichen, politischen Perspektiven hinzufügen: aus vielen Gründen zu Recht. Sein politischer Instinkt für Themen, seine Fähigkeit, dem Volk aufs schwäbische Maul zu schauen, sein Charisma, das sich im persönlichen Umgang wie im medialen Diskurs mitteilt: Der Grünen-Politiker und künftige baden-württembergische Ministerpräsident ist durch und durch ein homo politicus, ein Naturtalent.
Dazu verfügt er über eine besondere Fähigkeit, die ihn für eine längere Karriere im Amt nach Maßstäben des Vorgängers Kretschmann prädestiniert erscheinen lässt: Özdemir ist skandalresilient und verfügt über erhebliche Wiederauferstehungskräfte. Nur wenige hätten damals nach dem Lufthansa-Miles&More-Skandal geglaubt, dass sich der alerte Öko-Politiker von diesem Sündenfall erholt. Dienstlich erworbenes Meilendepot für ein First-Class-Upgrade bei einer privaten Fernreise: Unmoralischer ging es in den Augen der ökologischen Fly-Shaming-Community kaum.
Özdemir ist wieder da, und wie
Özdemir ist also wieder da, und wie. So weit, so gut, sollte man meinen. Doch es gibt Kräfte im Land, die das ganz anders sehen. Für die ist Özdemirs Aufstieg und seine Präsenz in der Mustererzählung einer deutschen Einwanderergeschichte wenig bewunderungswürdig, sondern eher peinlich. Die Rede ist von türkisch-nationalkonservativen Einwandererkreisen, die den in Deutschland geborenen Sohn türkischer Gastarbeiter nicht als einen der Ihren betrachten mögen. Für sie ist er höchstens eine, wie man in sozialen Netzwerken liest, „deutsche Bockwurst“. Angesichts des fehlenden Fundaments mögen ihm die Bekenntnistürken, oft mit zwei Pässen und beträchtlichem Lebensstandard gesegnet, keine Zugehörigkeit einräumen: Er ist keiner von ihnen.
Zum Dank des Aufstiegs und Wahlsiegs Özdemirs sind die türkischstämmigen Mitbürger unseres Landes nun gefordert, sich zu bekennen. Wollen sie weiter „Integrierten-Bashing“ betreiben und erfolgreiche Zuwanderung als Kulturverrat diskreditieren, oder geben sie doch einem Gesellschaftsmodell den Vorzug, wo die Bevölkerung an einem Strang zieht, anstatt sich in konfliktträchtigen Konstellationen verschiedener Parallelgesellschaften einzurichten?
Allen Bürgern die Hand ausstrecken
Manchen käme dieser Konflikt gerade recht. Denen von Linksaußen, weil ihnen vieles recht ist, was unsere staatliche Ordnung an bestimmten Stellen der Leitkultur ins Wanken bringt. Und denen von Rechtsaußen, weil ihnen das Schießpulver für Hass und Missgunst gegenüber allen Zugewanderten so nie ausgeht.
Es wäre zu begrüßen, wenn Cem Özdemir nach seiner Ernennung zum Ministerpräsidenten zwei Dinge leisten würde. Zum einen sicher die ausgestreckte Hand gegenüber allen Bürgern seines Landes, auch den vielen, die ihn nicht gewählt haben. Und zum anderen die Aufforderung an die türkischstämmigen Zuwanderer: Entscheidet euch für dieses Land – für Deutschland.
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