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Die entzauberte Kandidatin

Annalena Baerbock schien bis jetzt unter eine Art Welpenschutz gestellt. Das ist mit dem Grünen-Bundesparteitag nun endgültig anders geworden.
Baerbock beim Bundesparteitag der Grünen
Foto: Kay Nietfeld (dpa) | Die Lebenslauf-Affäre war nur der Anfang: Baerbock selbst ahnt wohl, dass sich der Wind langsam dreht.

Ob die Wahlstrategen der Grünen Kinderbücher lesen? Das Rollenmodell, welches sie bisher ihrer Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock zugedacht haben, zeigt nämlich starke Ähnlichkeiten zu zwei klassischen Kinderbuchcharakteren: Pippi Langstrumpf  und Fräulein Rottenmeier. "Ich mach mir die Welt wie sie mir gefällt" - wie selbstverständlich die Kanzlerkandidatin dieses Langstrumpf-Motto für sich in Anspruch nimmt, zeigt sich an ihrem Umgang mit ihrem Lebenslauf.

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Dieses anarchische Grundgefühl billigen aber die Grünen eben nur sich selbst zu, wenn der politische Gegner wagt, Kritik zu üben und dabei sogar die Positionen der Kandidatin satirisch aufspießt, dann fahren die Grünen ihre Krallen aus. Dann mutiert Annalena Baerbock zum Fräulein Rottenmeier, der strengen Gouvernante von Heidi. Da wird dann streng getadelt. Wahrscheinlich hätten die Grünen auch gerne die Vertreter der "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" ohne Abendbrot ins Bett geschickt. Diese hatten nämlich in den letzten Tagen in den großen Zeitungen eine Anzeige geschaltet, auf der Baerbock als eine Art Anti-Moses abgebildet war: Auf ihren Armen trug sie Gesetzestafeln mit zehn Verboten. Der Tenor: Die Grünen sind die Verbotspartei.

Die Reaktion der Grünen war eindeutig: Unerhört, Majestätsbeleidigung. Und es zeigt sich mal wieder, wie viele Journalisten es gibt, nicht nur bei den Öffentlich-Rechtlichen, aber vor allem dort, die dann sofort auch zu kleinen Fräulein Rottenmeiers mutierten und mit dem moralischen Zeigefinger wackelten, um "ihre" Kanzlerkandidatin vor dieser Kritik zu schützen.

Die Strategie der Grünen kommt an ihr Ende

Doch diese Strategie der Grünen, ja nach Lust und Laune mal die  Pippi Langstrumpf und mal die gestrenge Erzieherin der Nation zu geben, kommt an ihr Ende. Die schlechter werdenden Umfragedaten zeigen es: Die Menschen sind nicht länger bereit, dass die Grünen, sie sind mittlerweile 40 Jahre alt, als ewiger Polit-Teenager sozusagen dauerhaft unter Welpenschutz gestellt werden und die Öffentlichkeit deren Pubertätslaunen still ertragen muss. Wer Kanzler sein will, der muss sich anders präsentieren.

Die Lebenslauf-Affäre von Baerbock war nur der Anlass dafür, diese Zusammenhänge deutlich werden zu lassen. Wer den eigentlichen Ursachen näher kommen will, der wird nicht daran vorbeikommen zu fragen, warum ein Großteil der etablierten Medien bisher eigentlich nicht willens oder auch nicht fähig war, Annalena Baerbock kritisch ins Visier zu nehmen. Baerbock selbst ahnt, dass sich der Wind langsam dreht. So ist wohl auch der Kraftausdruck zu werten, der ihr nach ihrer Programmrede am Samstag plötzlich entfuhr. Fräulein Rottenmeier wäre das nicht passiert.

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