Kommentar um "5 vor 12"

Verwirrung um AstraZeneca

Warum sich der Umgang mit dem Vakzin nun richtigerweise ändert.

Impfstopp mit Astrazeneca
Dass derart schwerwiegenden Komplikationen, von denen neun tödlich endeten und die bis auf zwei Fälle allesamt Frauen unter 55 Jahre betrafen, viele Menschen nun verunsichern, ist verständlich. Foto: Jens Büttner (dpa-Zentralbild)

Dass neue Daten auch zu neuen Bewertungen in der Wissenschaft führen, ist kein Sonder-, sondern der Normalfall. Selbstverständlich ist jede einzelne der nach einer Impfung mit dem Vakzin des schwedisch-britischen Herstellers AstraZeneca beobachteten Hirnvenenthrombosen tragisch. Das ändert allerdings nichts daran, dass die bisher festgestellten 31 thromboembolischen Ereignisse (es ging nicht nur um Hirnvenenthrombosen) angesichts von 2,7 Millionen Erst- und 767 Zweitdosen, die von diesem Vakzin bis Anfang dieser Woche in Deutschland verimpft wurden, in die Kategorie „sehr selten auftretender Nebenwirkungen“ fallen. Statistisch betrachtet betrafen sie 1,15 von 100.000 Personen. Und auch dies nur, wenn sie – was zwar überaus wahrscheinlich, aber auch noch keinesfalls bewiesen ist – ursächlich mit der Impfung zusammenhängen.

Das Impf-Monitoring funktioniert

Dass derart schwerwiegende Komplikationen, von denen neun tödlich endeten und die bis auf zwei Fälle allesamt Frauen unter 55 Jahre betrafen, viele Menschen nun verunsichern, ist verständlich. Sie zeigen aber auch, dass das Impf-Monitoring in Deutschland funktioniert und bisher transparent gehandhabt wird. Niemand muss also fürchten, dass hierzulande unliebsame Fakten unter den Teppich gekehrt würden.

Und noch etwas lässt sich aus den Komplikationen lernen: Es ist unverantwortlich, Impfstoffe oder andere Medizinprodukte bereits aufgrund von klinischen Studien (bei AstraZeneca waren es rund 32.000 Probanden) medial in den Himmel zu loben – und jene, die vor möglichen Risiken und selten auftretenden Nebenwirkungen warnen, als radikale Impfgegner zu „markieren“. Der nachvollziehbare und überdies durchaus begründete Wunsch, die Impfstoffe mögen sich in der Pandemie als echte „Gamechanger“ erweisen, darf nicht dazu führen, voreilige und unseriöse Urteile abzugeben.

Schlechtes Timing bei üblicher Namensänderung

Es ist noch keine 14 Tage her, da wurde die Bundesregierung von Teilen der Medien schwer gescholten, weil sie die Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin vorübergehend aussetzte. Die Ständige Impfkommission hat nun angesichts der neuen und – verglichen mit der Zulassungsstudie – sehr viel größeren Datenbasis, ihre Empfehlung geändert und empfiehlt eine Impfung mit AstraZeneca grundsätzlich nur noch für Menschen ab 60 Jahren.

Unglücklicherweise fallen die beobachteten schweren Komplikationen bei Impfungen mit dem AstraZeneca-Vakzin nun auch noch mit einer Namensänderung des Impfstoffs zusammen. Dabei ist es durchaus üblich, dass die ursprüngliche Produktbezeichnung nach der erfolgten Zulassung eines Impfstoffes einem dauerhaften Markennamen weicht. Im Falle von „AZD1222“, wie das Vakzin bisher hieß, dürfte die Umstellung auf „Vaxzeveria“ aber nicht zu mehr Vertrauen führen. Das Timing des Herstellers ist also denkbar schlecht. Aber vielleicht hat ein Impfstoff, der mit Zelllinien hergestellt wurde, die aus dem Gewebe eines abgetriebenen Kindes gewonnen wurde, auch nichts anderes verdient.

 

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