Mit tiefer, ruhiger Stimme begrüßt Assistenzroboter Lio die Heimbewohner, dann beginnt die Gymnastikrunde: Arme heben, Schultern lockern, Hände kreisen. Anschließend öffnet er Wasserflaschen, hebt heruntergefallene Gegenstände auf und plaudert mit den Bewohnern – auf Wunsch sogar im vertrauten Dialekt. Als die Runde beendet ist, fährt Lio selbstständig mit dem Aufzug in die zweite Etage, erinnert Heimbewohner Rudi an seinen bevorstehenden Arzttermin und macht sich dann auf den Weg zu Anni, die auf eine Massage wartet. Doch auf dem Flur entdeckt er Wolfgang am Boden liegen. Sofort schlägt der Roboter Alarm und verständigt Hilfe.
Eine Szene aus dem Pflegeheim der Zukunft? Keineswegs. In manchen Pflegeeinrichtungen gehören Roboter bereits zur Realität, wie auch der kleine Navel, ein 75 Zentimeter hoher Roboter mit Wollmütze, der an eine Comicfigur erinnert und mit seinen großen Kulleraugen seine Gesprächspartner treuherzig anschaut. Während Lio als Assistenzroboter auch physische Aufgaben übernehmen kann, ist Navel ein sozialer Roboter, der Heimbewohner aktivieren und unterhalten soll. „Ich bin der Überzeugung, dass Pflege Schwerstarbeit ist und dass Technologie bei schwerer Arbeit den Menschen entlasten soll“, erklärt der Entwickler von Navel, Claude Toussaint, gegenüber der „Tagespost“. „Das System von Mensch und Technologie ist stärker als der Mensch allein.“ Der Mensch sei einem Roboter – nicht zuletzt aufgrund seiner Fähigkeit zu echter Empathie und seinem Feingefühl – in sozialer Hinsicht weit überlegen. Doch nehme seine Empathiebereitschaft unter Stress stark ab. So könne Navel ein kontinuierlich gutes Niveau an sozialer Interaktion anbieten – etwa, wenn ein Demenzkranker einen Wutanfall bekäme. „Sich fünf Minuten lang Schimpfattacken anzuhören und dabei freundlich zu bleiben, ist schwer zu ertragen“, so Toussaint. „Dem Roboter fällt so etwas leicht.“
Aufgrund der steigenden Lebenserwartung wächst die Zahl der Pflegebedürftigen ständig, während der Fachkräftemangel auch vor Pflegeeinrichtungen nicht Halt macht. Bis 2049 werden laut Statistischem Bundesamt in Deutschland zwischen 280.000 und 690.000 Pflegekräfte fehlen.
Den wachsenden Lücken im Pflegesystem begegnen
Kein Wunder, dass mit Künstlicher Intelligenz ausgestattete Roboter als Chance gesehen werden, um den wachsenden Lücken im Pflegesystem zu begegnen. Zugleich werfen die rasanten technischen Entwicklungen Bedenken auf. „Wie wollen wir KI und Robotik in der Pflege so gestalten, dass wir als Gesellschaft sagen können: Das ist eine Versorgung, die wir verantworten können und für uns selber wollen?“, fragt Arne Manzeschke, Professor für Ethik und Anthropologie an der Evangelischen Hochschule Nürnberg, der das Projekt Navel zu Beginn seiner Konzeption im Jahr 2019 begleitet hat. „Wir haben noch keine Langzeitstudien dazu, wie sich jahrelange Interaktionen mit sozialen Robotern auf Menschen auswirken. Für manche ist das vielleicht nur ein Spiel, andere entwickeln starke emotionale Bindungen“, so Manzeschke gegenüber dieser Zeitung.

Der Sozial- und Wirtschaftsethiker Elmar Nass sieht den Einsatz von KI und Robotik als Mittel gegen die Einsamkeit kritisch. „Ein Roboter kann nicht lieben, er simuliert lediglich Empathie. Es ist eine gefakte Beziehung: Da ist kein anderer Mensch mit Gefühl auf der anderen Seite.“
Dem schließt sich Markus Langer, Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Freiburg, an: „Auf Einsamkeitsgefühle kann ich mal kurz ein Pflaster kleben, indem ich mit der KI spreche. Aber sie löst das Problem der Einsamkeit nicht – ich bin weiterhin allein. Im Gegenteil: Sie kann Einsamkeit verstärken, denn jede Minute, die ich mit der KI spreche, unterhalte ich mich nicht mit einem Menschen.“
Ruhiggestellt durch Roboter?
Dass wir jedoch schnell den Eindruck haben, in der KI ein echtes Gegenüber zu haben, ist nicht verwunderlich. Wir Menschen anthropomorphisierten Autos, Naturphänomene oder eben auch KI und schrieben ihnen menschliche Eigenschaften oder Gefühle zu, betont Oliver Bendel, Experte für Informations- und Roboterethik. Im Falle von KI, die sich zudem noch mit uns unterhält, in „Ich-Form“ von sich spricht und Interesse simuliert, säßen wir „in der Falle“. Was spricht, so denken wir, muss doch ein Bewusstsein haben. Wird nun diese KI in Roboter eingesetzt, die zunehmend humanoide – also menschenähnliche – Formen annehmen, könnten wir uns fast nicht mehr des Eindrucks erwehren, es mit einem personalen Gegenüber zu tun zu haben, so Bendel.
Sie sollen nicht zu menschenähnlich wirken
Die Navel-Roboter sind bewusst so konzipiert, dass sie nicht zu menschenähnlich wirken. Seit Ende 2024 wird Navel unter dem Namen „Steffi“ im Stephanushaus der Rummelsberger Diakonie im Nürnberger Land eingesetzt. Nach anfänglicher Skepsis sei „sie“ von den Bewohnern gut angenommen worden, erklärt Einrichtungsleiterin Elisabeth Hilbel gegenüber der „Tagespost“. Bislang habe jedoch niemand den Roboter für eine „Freundin“ gehalten; allen sei klar: Das ist Technik. Da Gespräche mit Steffi bislang nur einmal pro Woche stattfinden, droht bei den Bewohnern auch keine Abhängigkeit.
Langer warnt jedoch: „Bei Menschen, die KI häufig nutzen, besteht aufgrund ihres Wohlwollens und der ständigen Präsenz durchaus Suchtgefahr.“ Auch Bendel bestätigt: Seit der Vorstellung des ersten Roboters auf der Weltausstellung 1939 in New York galten die Maschinen – ihrem Namen nach (tschechisch „robota“ für Zwangsarbeit) – lange nur als künstliche „Sklaven“ ohne Suchtpotenzial. Nun, da sie durch Sprachmodelle zu „Beziehungsmaschinen“ geworden seien, sehe das anders aus.
Eine weitere Problematik sieht der Technikphilosoph beim Einsatz von sozialen Robotern bei demenzkranken Personen. Bendel ist überzeugt, dass im Zuge der Ökonomisierung Menschen in Pflegeheimen mit sozialen Robotern ruhiggestellt würden. „Man drückt heute schon ab und zu die Roboterrobbe Paro in die Hand von Demenzkranken und lässt sie dann eine Stunde allein. Natürlich kann man sagen: ‚Kein Problem, wenn es ihnen doch guttut.‘ Aber man darf alte Menschen nicht abspeisen. Ich möchte mich nicht als alten Mann dasitzen sehen, selig lächelnd, mit dieser Attrappe auf dem Schoß.“ Sollte der Fachkräftemangel nicht behoben werden, sei es ihm lieber, alleine zu sein – oder ein echtes Tier auf dem Arm zu haben. Gleichwohl erkennt er die positive Wirkung von sozialen Robotern wie Paro an: Menschen wirkten im Umgang mit ihnen „extrem glücklich und entspannt“.
Was der Ethikrat sagt
Der Deutsche Ethikrat schreibt 2020 in der Stellungnahme „Robotik für gute Pflege“, Roboter wie Paro können bei Menschen mit Demenz positive Wirkungen haben: Studien zeigten eine Stimmungsaufhellung, Stressreduktion und Verringerung von Einsamkeitsgefühlen, wodurch die Lebensqualität steigen könne. Zugleich verweist der Ethikrat darauf, dass der Vorwurf der Täuschung oder Infantilisierung nicht pauschal zutreffe, da Untersuchungen auch einen selbstbestimmten Umgang von Menschen mit Demenz mit solchen Robotern zeigen. Entscheidend sei jedoch, dass Roboter in zwischenmenschliche Kommunikation eingebettet werden und diese nicht ersetzen, sondern lediglich ergänzen.
Um eine Entmenschlichung von Pflegeeinrichtungen zu verhindern, so Nass, könne man sich überlegen, einen bestimmten Prozentsatz menschlicher Nähe auch in Routineaufgaben festzulegen. Dazu müssten Pflegekräfte selber miteingebunden werden, die am besten sagen könnten, was ihren Beruf ausmacht, „was das Schöne und Menschliche daran ist“. Genau diese Bereiche müssten weiterhin in der Hand von Menschen bleiben.
Auch Manzeschke hebt den unerlässlichen Aspekt der menschlichen Zuwendung hervor: „Es geht nicht nur um Verbandswechseln oder Essenreichen, sondern auch darum, dass im Pflegehandeln immer eine Dimension des Trostes enthalten ist, die man nicht unterschätzen sollte.“
Hinzu kommt noch eine ganz andere Frage – die des Datenschutzes. Viele Roboter erfassen ihre Umgebung permanent mit Kameras, Mikrofonen und Sensoren. Navel soll sich beispielsweise seine Gesprächspartner per Gesichtserkennung „merken“ und so an vorherige Gespräche anknüpfen können. Toussaint versichert: Sein Münchner Start-up nehme den Datenschutz sehr ernst. Deshalb blieben die Daten auf dem Router gespeichert – für die KI-Spracherkennung nutzten sie Server in Europa. Manche Ängste hält er für übertrieben – und nicht für konsequent: Jeder habe sein Smartphone, das mithört, in der Tasche. Aber im Pflegeheim müssten Einverständniserklärungen unterschrieben werden, die alles komplizierter machten.
Auch wenn ethische Fragen bei der Entwicklung von Navel berücksichtigt wurden – dies ist nicht überall so. „Europa hat viele Roboterfirmen nach Asien verkauft. Ein Riesenproblem ist, dass China hochsubventioniert Roboter zu Dumpingpreisen anbieten kann, sodass fast jedes Forschungslabor hierzulande chinesische Roboter hat“, stellt Bendel fest. Die meisten hätten keine CE-Kennzeichnung und dürften nicht ohne Weiteres betrieben werden. Die Sicherheitsrisiken seien erheblich – physisch, weil die Geräte leicht umfallen könnten, aber auch datentechnisch: „In diese Roboter kann man sich leicht einhacken. Auch kann China die Kamera auslösen oder den Roboter physisch steuern.“ Schätzungsweise Hunderttausende Geräte weltweit würden aus China ferngesteuert oder überwacht.
Man sehe ja, wohin es führe, wenn jeder die billigsten Produkte kaufe, bemerkt Nass: „China möchte die westlichen Produkte vom Markt drängen. Aber da stellt sich die Frage: Lassen wir uns das gefallen?“ Er regt an, Handelsbeschränkungen für ethisch problematische oder wettbewerbsverzerrend produzierte Waren zu prüfen. Denkbar seien zudem Gütesiegel für ethisch approbierte Technologien sowie Sanktionen gegen diejenigen, die vereinbarte Regeln missachteten. Dafür brauche es allerdings eine Instanz mit entsprechender Durchsetzungskraft. Nass verweist auf den Ende 2025 veröffentlichten Sammelband „Artificial Intelligence and Care of Our Common Home“ der päpstlichen Stiftung Centesimus Annus Pro Pontifice und katholischer Universitäten. Darin werde eine globale Regulierung samt weltweiter Behörde vorgeschlagen.
Noch keine Entlastung in Sicht
Bendel zweifelt an der Umsetzbarkeit internationaler KI-Regeln. Zumindest wünscht er sich aber einen engeren Austausch zwischen Experten und Politik auf nationaler Ebene in Deutschland und Österreich. Da dieser in den letzten zehn Jahren nachgelassen habe, drohe die Politik bei den Themen KI und Robotik „hinterherzuhinken“.
Auf EU-Ebene existiert mit der KI-Verordnung von 2024 bereits das weltweit erste umfassende KI-Gesetz. Sein Grundprinzip: Je höher das Risiko einer Anwendung, desto strenger die Anforderungen. Für Hochrisiko-Systeme ist menschliche Aufsicht vorgeschrieben. Langer arbeitet derzeit an einem Beitrag für die EU-Kommission, die diese Vorgabe für Entwickler konkretisieren soll. Menschen müssten KI-Systeme verstehen, kontrollieren und notfalls stoppen können, sagt er.
Roboter wie Lio und Navel sind keine Hochrisiko-Systeme und fallen daher nicht unter diese Vorschriften. Doch auch hier sei menschliche Aufsicht nötig, betont Hilbel. Gerade bei Themen wie dem Tod eines Ehepartners könne es retraumatisierend wirken, wenn Steffi immer wieder nachfrage. „Dann drücken wir auch mal den Knopf da hinten, und dann ist auch mal Schluss.“
Navel wird zwar nicht mehr wachsen, steckt aber noch in den Kinderschuhen. Vieles muss optimiert werden und Toussaint hat noch Einiges mit ihm vor. In Zukunft soll Navel je nach Demenzgrad seines Gegenübers unterschiedliche Dialogstrategien anwenden und in 90 Sprachen sprechen. Bei wachsender Zahl von Heimbewohnern und Pflegekräften aus dem Ausland eine wichtige Fähigkeit, zumal Demenzkranke zunehmend in ihre Muttersprache zurückfallen. Hier soll Navel dann vermitteln können.
Die technische Entwicklung ist rasant
Die technische Entwicklung ist rasant. Künftig soll Navel neben Gesprächsinhalten auch Mimik und Stimmlage auswerten, um Rückschlüsse auf die emotionale Verfassung seines Gegenübers zu ziehen. Zudem soll er selbstständig auf Bewohner zugehen und Gespräche initiieren können. Für Bendel ist es eine Frage von maximal zehn Jahren, bis frei programmierbare Allzweckroboter auf dem Markt seien, die alles könnten: vom Spülmaschine-Ausräumen über Gartenarbeiten bis zur Unterhaltung. Der „Tagespost“ erklärte er, Roboter könnten Senioren ein längeres Leben zu Hause ermöglichen. Aktuell scheitere dies jedoch noch an der unstrukturierten Umgebung von Privatwohnungen. Bendel gibt zu bedenken, dass die Gefahr des Verlusts von Arbeitsplätzen im Pflegebereich durchaus bestehe, sobald solche Allzweckroboter „in Perfektion“ funktionierten. Doch so weit sei es noch nicht.
Selbst die ersehnte Entlastung der Pflegekräfte finde derzeit noch nicht statt, betont Hilbel. Der Roboter sei ein zusätzliches Unterhaltungsangebot – vor allem für kognitiv fittere Bewohner. Autonom sei Steffi noch nicht und müsse stets von einer Pflegekraft begleitet werden.
Studien kommen bislang zu einem ähnlichen Ergebnis. So stellte das wissenschaftliche Begleitprojekt zur Förderlinie „Begründungs- und Bewertungsmaßstäbe von Robotik für die Pflege“ 2023 fest: Roboter können zwar punktuell Aufgaben übernehmen, binden dabei aber oft wertvolle Ressourcen. Eine spürbare Entlastung der Pflegekräfte sei noch nicht in Sicht. Eine Frucht des Projekts ist das Handbuch „READY?“, das Pflegeeinrichtungen als Entscheidungshilfe dienen soll, ob die Anschaffung eines Roboters sinnvoll ist.
Assistenzroboter wie Lio, die in einigen Pflegeheimen in Deutschland und der Schweiz eingesetzt werden, sind zwar zukunftsweisend, doch beherrschten auch sie laut Bendel gerade die Tätigkeiten, die als zentral in der Pflege gelten, wie Waschen, An- und Ausziehen sowie Nahrungreichen, noch nicht. Außerdem würden sie in Kleinserien hergestellt; es gebe sie noch nicht „en masse“.
Fehlende Refinanzierung durch die Pflegekassen
Ein Grund dafür, dass Roboter in der Pflege bislang noch nicht so weit verbreitet sind, ist wohl auch die fehlende Refinanzierung durch die Pflegekassen. Steffi aus Rummelsberg ist gesponsert worden. Ohne einen Geldgeber, so Hilbel, wäre die Anschaffung des 28.000 Euro teuren Navel nicht möglich gewesen.
Alena Buyx, ehemalige Vorsitzende des Deutschen Ethikrats und Professorin für Ethik der Medizin und Gesundheitstechnologien an der Technischen Universität München, betont im Gespräch mit der „Tagespost“, die potenziell größte Entlastung für Pflegekräfte stellten nicht humanoide Roboter dar, sondern digitale Assistenzsysteme, da Pflegekräfte bis zu 40 Prozent ihrer Arbeitszeit mit Dokumentation verbrächten. Intelligente Dokumentationssysteme und „smarte Pflegestationen“ könnten einen Teil des Papierkrams übernehmen und Pflegekräfte von Bildschirmen zurück zu den Patienten bringen.
Übersteigerte Erwartungen an Pflegeroboter sieht sie kritisch. Roboter würden immer eine Assistenztechnologie bleiben. Denn „es geht nicht nur darum, was sie können, sondern vor allem auch, ob sie es in der realen chaotischen Praxis des Pflegealltags auf eine Art und Weise können, die empathisch und zugleich verlässlich gut genug ist, dass man ihnen große Teile der Pflege überlassen kann.“
Buyx warnt vor einem „Technokratiefehler“: der Vorstellung, dass man eine technische Lösung für ein multifaktorielles soziokulturelles Geschehen finden könne. Technik sei hilfreich und solle weiterentwickelt werden, doch dürfe man keine „Heilserwartungen“ in sie haben. „Man soll das eine tun, ohne das andere zu lassen.“ Denn die Gefahr sei, mit Scheuklappen auf die vermeintliche Lösung zu starren und nicht mehr darüber nachzudenken, wie man den Personalmangel in der Pflege beheben könnte. Der Beruf müsse attraktiver werden – durch bessere Bezahlung, mehr gesellschaftliche Anerkennung und bessere Arbeitsbedingungen in den Einrichtungen. Nur so lasse sich das Pflegesystem in einer alternden Gesellschaft langfristig sichern.
Der Geist ist aus der Flasche
Dennoch: Die Entwicklung von KI-ausgestatteten Robotern ist nicht mehr rückgängig zu machen. „Der Geist ist aus der Flasche“, so Manzeschke. „Was wir aber nun tun können und müssen, ist, den breiten Diskurs zu fördern und zu schauen, dass wir an viel mehr Stellen informierte Diskussionen darüber haben, was diese Entwicklung für uns bedeutet.“ Denn, so ist Manzeschke überzeugt, es ist weder in der Politik noch in der Gesellschaft angekommen, welch tiefgreifende und wesentliche Veränderungen KI und Robotik für uns bedeuten. „Digitale Technik, besonders dort, wo sie selber soziale Signale sendet, ist eine völlig neue Ebene. Sie wirft unsere bisherigen Vorstellungen von Miteinander, Arbeit, Kommunikation in so grundlegender Weise über den Haufen, dass wir noch mal ganz anders über diese Dinge nachdenken müssen.“ Ansonsten würden wir an uns selbst scheitern – aufgrund unserer Gedankenfaulheit und Kritikunfähigkeit.
Dass es sich nicht nur um eine weitere technische Innovation unter vielen handelt, sondern um eine Entwicklung mit weitreichenden Folgen, macht auch Papst Leo XIV. in seiner Enzyklika „Magnifica humanitas“ deutlich. In Nummer 17 schreibt er, KI sei „nicht als ein thematischer Anhang oder als zu bewältigender Notfall zu verstehen, sondern als eine Veränderung, die die Kategorien der Soziallehre wesentlich herausfordert“ und daher „nach einer Weiterentwicklung verlangt“.
Indem Leo aufzeigt, dass die Zukunft in einem „Humanismus“ liege, den er christlich begründe, habe er die „Tür zu einem breiten Konsens“ begründet, über alle Weltanschauungen hinweg, erklärt Nass. Langer sieht es als „gute Message“, dass die Kirche sich positioniere und den Wert der Menschlichkeit verteidige. Menschenzentrierte KI bedeutet seiner Meinung nach zweierlei: Sie soll Menschen vor Risiken schützen und zugleich ihre Fähigkeiten erweitern.
„Hervorragend“, betitelt Alena Buyx das Schreiben des Papstes. Es sei essenziell, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und der Vorstellung entgegenzutreten, man müsse überwinden, was uns zum Menschen macht. Die Experten sind sich einig: Die letzte Verantwortung beim Einsatz von KI und Robotik muss immer beim Menschen bleiben. Auch teilen sie die Auffassung, die Buyx bereits 2023 formulierte: „Der Einsatz von KI muss menschliche Entfaltung erweitern und darf sie nicht vermindern.“
Wie das – auch im Bereich der Pflege – in der Praxis umgesetzt wird, bleibt eine fortlaufende Herausforderung. Nass bringt es auf den Punkt: „Der KI-bestückte Roboter wird zum Spiegel des Menschen, in dem wir uns erkennen und fragen: ‚Wer wollen wir eigentlich sein und wie wollen wir zusammenleben?‘“
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