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Pflege in der Familie: Grenzen und Glücksmomente

Fünf Millionen Menschen werden in Deutschland zuhause von ihren Angehörigen gepflegt. Betroffene berichten von ihrem Pflegealltag voller Höhen und Tiefen.
Oma und Enkelin
Foto: IMAGO/Zoonar.com/ArTo (www.imago-images.de) | Herausforderungen und kleine Lichtblicke: Der Pflegealltag besteht aus beidem. Wichtig für die Pflegenden ist, auch auf sich selbst zu achten.

Fast fünf Millionen Menschen in Deutschland pflegen zu Hause ihre Liebsten: den betagten Vater, die demenzkranke Mutter oder das schwerkranke Kind. Tag für Tag, Nacht für Nacht, ein Jahr nach dem anderen. Mit welchen Fragen und Belastungen die Angehörigen dabei konfrontiert sind, davon hat selbst die nächste Umgebung oft keine Vorstellung.

Doch neben den alltäglichen Herausforderungen gibt es auch unerwartete Glücksmomente. Darüber berichten zwei Betroffene im Gespräch mit dieser Zeitung – und appellieren an Freunde, Bekannte und Nachbarn, weiterhin den Kontakt zu halten. „Der Freundeskreis meines Vaters hat sich seit der Erkrankung meiner Mutter halbiert“, erzählt Nicole Lindner (45). „Manche haben irgendwann nicht mehr angerufen. Sei es, weil sie unsicher waren, wie sie mit der Situation umgehen sollen, oder weil sie lieber Abstand zu Krankheit und Leiden halten.“ Lindners Mutter war 68 Jahre alt, als sie 2017 bei einer Operation einen Schlaganfall erlitt. Seitdem ist sie halbseitig gelähmt. Vom Krankenhaus erst in die Reha, dann nach einem erneuten Schlaganfall zurück ins Krankenhaus und wieder zur Reha, das waren die Stationen von Lindners Mutter vor der Rückkehr nach Hause – als Pflegefall.

„Wir hatten anfangs noch Hoffnung auf Besserung. Meine Mutter war ja noch nicht alt. Und dass mein Vater und ich sie aus einem Gefühl der familiären Verbundenheit pflegen wollen, war für uns gleich klar“, erinnert sich die Sozialpädagogin und Pflegeberaterin Lindner. So wurde vor der Entlassung aus der Reha das Bad umgebaut und das Wohnzimmer als Schlafzimmer hergerichtet: mit Pflegebett, Rollstuhl und einer Vielzahl anderer Hilfsmittel für die tägliche Pflege.

„24 Stunden parat stehen“

Pflege, das bedeutet vor allem „24 Stunden parat zu stehen“, schildert Lindner anhand eines ganz normalen Tags. Nach der zwanzigminütigen Anfahrt zum Elternhaus bereitet sie den Tisch und hebt ihre Mutter zum gemeinsamen Frühstück aus dem Bett in den Rollstuhl. Danach steht die Ganzkörperpflege an, ein Physio- oder Ergotherapeut kommt vorbei, und die nächste Mahlzeit ist vorzubereiten. Während des zweistündigen Mittagsschlafes der Mutter im Anschluss an das Mittagessen kümmert sich die Tochter um den Haushalt und führt ein Telefonat nach dem anderen: mit der Pflegekasse, dem Arzt oder dem Fahrdienst für die Arztbesuche. Der Vater übernimmt derweil die zahlreichen Botengänge zu Arzt, Apotheke und Sanitätshaus. Auch das Richten der Tabletten für die nächsten zwei Wochen braucht Zeit und einen klaren Kopf, geht es doch um 18 verschiedene Tabletten täglich.

Nach der gemeinsamen Kaffeepause und etwas Gartenarbeit fährt Nicole Lindner gegen 17 Uhr schließlich wieder zu sich nach Hause. Ihren Beruf gab sie nach einem Jahr Pflege auf, den Lebensunterhalt bestreitet sie seither vom Pflegegeld, einem Minijob und ihrer Autoren-Tätigkeit. Entlastung bieten die drei Tage, die die Mutter in einer Einrichtung der Tagespflege verbringt. Zusätzlich kommt zweimal täglich ein Pflegedienst. „Mein heute 77 Jahre alter Vater übernimmt immer die Nachtschicht. Das bedeutet, dass er seit Jahren nur noch einen unterbrochenen Schlaf hat. Denn meine Mutter möchte mehrfach in der Nacht zur Toilette“, erzählt sie. Schlafmangel und zunehmende Rückenbeschwerden durch das häufige Heben sind die körperlichen Herausforderungen der Pflege, Hoffnungslosigkeit und fehlende Geduld in manchen Situationen die psychischen. „Meine Mutter leidet an Depressionen wegen ihres Zustands. Als Angehörige ist es meine Aufgabe, ihr immer wieder gut zuzusprechen, egal wie es mir selbst gerade geht.“

Kostbare Glücksmomente

Aber auch kostbare Glücksmomente gehören zur Pflege: „beisammen sein, miteinander lachen, Fotos ansehen und über früher sprechen, das ist etwas Schönes. Vor allem aber tut man einen wertvollen Dienst“, sagt Lindner. In diesem Fall ging der Dienst fast sieben Jahre. Vor Kurzem zog Nicole Lindners Mutter in ein Seniorenheim.

Gerade in längeren Pflegesituationen kommt der Selbstfürsorge eine entscheidende Rolle zu, darauf weist Lindner aufgrund ihrer beruflichen Erfahrung in der ambulanten Seniorenarbeit sowie der eigenen Pflegetätigkeit hin. Wie Körper, Geist und Seele gestärkt werden können, hat sie mit einer Fülle wertvoller Tipps in dem Buch „Gute Pflege braucht Kraft“ zusammengefasst. „Was sind meine Kraftquellen? Und was hat mir in früheren Krisen geholfen: ein Gespräch mit Freunden, einem Therapeuten oder ein Hobby?“ Auch Tagebuchschreiben helfe beim Reflektieren.

Karin Bohlender blickt ihrerseits auf 30 Jahre Pflege zurück. Ihr zweites Kind kam körperlich und geistig behindert zur Welt, parallel pflegte sie einige Jahre ihre Schwiegereltern. „Es ist wichtig, sich Hilfe zu suchen, auch mal für eine Stunde“, meint die heute Sechzigjährige. „Außerdem habe ich versucht, mich gedanklich für die nächste Stufe vorzubereiten. Was kann ich tun, wenn es schlimmer wird?“ Dabei habe sie gesehen, selbst dann bleibe sie handlungsfähig, denn „es gibt immer Lösungen.“ Viel Halt gab ihr auch eine Müttergruppe.

Intensiver Einsatz kann fruchten

Typisch für die bei ihrem Sohn diagnostizierte Zerebralparese ist ein hoher Muskeltonus, der verschiedene Fehlhaltungen verursachen kann. Krankengymnastik bewirkt oft gute Ergebnisse, so dass die Eltern zu Hause jahrelang dreimal täglich spezielle Turnübungen mit dem Kind durchführten. „Wir haben uns für die Therapie statt für die lebenslange Pflege entschieden. Dieses Maß an Therapie kann keine Einrichtung leisten“, erläutert Bohlender, deren Mann als Sonderpädagoge in einem Förderzentrum auch beruflich mit körperbehinderten Kindern arbeitet.  Der intensive Einsatz fruchtete: Der Sohn lernte laufen, sprechen, lesen und schreiben. Im barrierefreien Erdgeschoss des Elternhauses kann er sich frei bewegen, außer Haus benötigt er einen Rollstuhl. Davon hat die Familie inzwischen zwei, einen Elektrorollstuhl und einen Schieberollstuhl. Der Elektrorollstuhl erleichtert das Schieben, „denn unser Sohn ist ja ein ausgewachsener Mann mit einem Gewicht von 70 Kilo. Das macht sich bei den Bordsteinkanten oder auf Kopfsteinpflaster bemerkbar.“

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Eltern behinderter Kinder kennen den Spagat, die gesunden Geschwisterkinder im Blick zu behalten. Auch für die Ehen stellt diese Situation eine Herausforderung dar, die Scheidungsraten sind hoch. Die Verhinderungspflege, die pflegende Angehörige heutzutage in Anspruch nehmen können, gab es damals noch nicht. Die Familie war auf sich allein gestellt. In den Schwiegereltern aber hatten die Bohlenders eine große Hilfe: Einmal im Monat kamen sie für zehn Tage zu Besuch. „Sie haben dann die Pflege unseres Sohnes übernommen, und wir konnten mit unserer Tochter in den Tierpark gehen. Oder wir frühstückten zu zweit als Ehepaar in aller Ruhe in einem Café, ohne ständig aufpassen zu müssen, ob ein Glas oder ein Teller herunterfällt“, sagt Karin Bohlender dankerfüllt. Aus dieser Dankbarkeit heraus habe sie sich schließlich für die Pflege der Schwiegereltern entschieden, die nach einem Umzug der Familie später in der Nähe wohnten. Als der Schwiegervater gestorben war, nahm die Familie die Schwiegermutter zu sich. Nur das letzte Lebensjahr verbrachte sie in einem Heim.

Zusammenhalt als Schlüssel

Für die Zukunft des mittlerweile erwachsenen Sohns ist inzwischen gesorgt. Vor zehn Jahren begann die Suche nach einer passenden Einrichtung. Seit einigen Monaten lebt Bohlender junior in einer Wohnanlage für Behinderte und kommt gerne an den Wochenenden nach Hause, auch im Urlaub oder im Krankheitsfall. Das Zimmer wurde nach seinen Wünschen mit einer Fototapete von New York und einem gelb gestrichenen Bett eingerichtet. „Es geht nun um die Loslösung von der Familie. Wir begleiten unseren Sohn dabei, immer selbstständiger zu werden“, sagt Karin Bohlender. Sie freut sich auf mehr Zeit mit ihrem Mann, der inzwischen im Ruhestand ist.

„Es ist wichtig, dass man nicht verbittert“, sagt Bohlender abschließend. „Ich bin froh, wie wir alles gemeinsam gemeistert haben. Zwei, die zusammenhalten, das ist mehr als eins plus eins! Unser Johannes ist ein Sonnenscheinkind, er macht gute Stimmung und ist ein Brückenbauer zu anderen. Viele Menschen würde ich ohne ihn nicht kennen. Und er kann so vieles – es hat sich gelohnt.“

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Cornelia Huber

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