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Individuelle Selbstbestimmung oder Ausbeutung?

Von Straßenprostitution bis OnlyFans: Wie Nachfrage, digitale Geschäftsmodelle und Abhängigkeiten den Markt prägen.
Frau mit 50 Dollar Schein
Foto: Imago/Zoonar | Pornografie wie auch die Plattform „OnlyFans“ haben dieselbe Logik wie Prostitution: die Herabwürdigung des menschlichen Körpers zum reinen Konsumobjekt.

Das älteste Gewerbe der Welt, aber auch Pornografie und deren gesellschaftliche Auswirkungen waren unter anderem Themen auf der Schönblick-Veranstaltung „Freiheit 2026 – Kongress gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung“ vom 26. bis 29. April in Schwäbisch Gmünd. Dabei richtete sich der Blick auf Entwicklungen in der Bundesrepublik sowie in anderen europäischen Ländern wie Österreich, der Schweiz, den Niederlanden und Belgien.

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Belgien mit seiner Entkriminalisierung von Prostitution wurde eine eigene Podiumsdiskussion gewidmet. Teilnehmerinnen waren Héma Sibi, Juristin und Direktorin der Organisation „CAP International“ (CAP), einer Koalition, die sich für die Abschaffung des „Prostitutionssystems“ einsetzt und auf deren Webseite sie lächelnd mit erhobener Faust abgebildet ist, sowie Johanneke van Slooten, Gründerin der belgischen Organisation „Cherut“, die laut Webseite Unterstützung für „Mädchen, Frauen und Transpersonen in Situationen der Prostitution, Ausbeutung und Menschenhandel“ anbietet.

Sibi führte aus, dass die vielfach als „fortschrittlich“ dargestellte Gesetzgebung in Belgien in Wirklichkeit dem Regulierungsmodell, das bereits seit 20 Jahren existiere, sehr ähnlich sei. Die vollständige Entkriminalisierung von Prostitution beruhe auf der „ultra-liberalen Illusion, dass ein Markt, der Frauen und Mädchen verkauft, sich selbst reguliert“. Am Beispiel Deutschlands verwies sie darauf, dass ein junger Mann hier wisse, dass er mit Erreichen der Volljährigkeit „eine Frau kaufen“ könne. In Ländern wie Schweden oder Frankreich hingegen werde vermittelt, dass der menschliche Körper keine Ware sei.

Socken, die erinnern

Als Gegenmodell plädierte die Juristin für den sogenannten schwedischen Ansatz, bei dem der Kauf sogenannter sexueller Dienstleistungen strafbar ist. Ziel sei es, die Nachfrage zu reduzieren und die gesellschaftliche Verantwortung auf die Käufer zu verlagern. Das abolitionistische Modell sei, so Sibi, „im Kern ein Kampf für die Gleichstellung von Frauen und Männern“, zugleich aber auch Teil eines „Kampfes gegen Rassismus“ sowie eines umfassenderen Einsatzes für „soziale Gerechtigkeit“.
Van Slooten schilderte, dass die vollständige Entkriminalisierung in Belgien nur begrenzte Auswirkungen auf die Lebenssituation der betroffenen Frauen habe. Viele seien weiterhin „im reinen Überlebensmodus gefangen“, während nur eine kleine Gruppe die gesetzlichen Rahmenbedingungen tatsächlich nutze.

Den Teilnehmern wurden während dieser Tage nicht nur Redebeiträge geboten. Auch diverse Vereine und Nichtregierungsorganisationen stellten Infostände auf. Darunter die „Mission Freedom“. Auf deren Tisch lag ein Stapel Karten mit der Aufschrift: „Kleiner Reminder: Du bist wertvoll und geliebt.“ Im Hintergrund ist ein aus der Ich-Perspektive aufgenommenes Foto von Füßen in rosafarbenen Socken zu sehen, die in Weiß die Aufschrift „geliebt“ tragen. Sie erinnern ihren Träger nicht nur an seinen Wert, der Kauf unterstützt laut der Webseite des Vereins auch deren Arbeit „im Einsatz gegen Ausbeutung und Menschenhandel“.

Über die Plattform „OnlyFans“ referierte die Lehrerin und Psychotherapeutin Felicitas Vogt in einem der parallel stattfindenden Seminare. Neben ihrer Tätigkeit im Schulbetrieb ist sie Teil des „Wild Women Kollektivs“ sowie Gründerin und Leiterin des „Emma Club Aalen“. Im feministischen Magazin „Emma“ hat sie bereits publiziert, damals noch unter dem Doppelnamen Vogt-Herr.

Im Seminar erklärte Vogt die Funktionsweise der Plattform: Anbieter – auch als „Creators“ bezeichnet – könnten von Nutzern abonniert werden. Laut Angaben der Referentin setze sich der auf „OnlyFans“ generierte Umsatz der meist weiblichen „Creators“ zu 40 Prozent aus Abonnements und zu 60 Prozent aus sogenannten „Zusatzleistungen“ zusammen. Gemeint sind damit individuell abrufbare Bilder oder Videos, die über das eigentliche Abonnement hinausgehen und gegen Aufpreis freigeschaltet werden können.

„OnlyFans“ verfüge über keinen klassischen Suchalgorithmus. Nutzer müssten gezielt nach einzelnen Anbietern suchen, während diese ihre Reichweite über andere soziale Netzwerke aufbauen. Um auf der Plattform nennenswerte Einnahmen zu erzielen, reiche es laut Vogt nicht aus, lediglich Inhalte bereitzustellen. Wer „nicht so richtig erfolgreich ist oder es noch auf die Spitze treiben“ wolle, müsse sich „etwas Besonderes“ überlegen, sagte sie und verwies dabei auf die aus den Medien bekannten Anbieterinnen Bonnie Blue und Lily Phillips. In zugespitzter Form beschrieb Vogt die Entwicklung hin zu immer extremeren Inhalten und führte als Beispiel an, Bonnie Blue habe bereits „mehrere Weltrekorde in Rudelbumsen aufgestellt“.

Chatter und Loverboys

Die Vorstellung individueller Selbstbestimmung, die manche Frauen vorbringen, die sich auf „OnlyFans“ vermarkten, bezeichnete Vogt als „Quatsch“. Vielmehr würden bestehende Machtverhältnisse reproduziert. Die vermeintliche Selbstermächtigung sei häufig Ausdruck struktureller Zwänge und könne auch als Reaktion auf zuvor erlebte Grenzverletzungen verstanden werden.

Vogt verwies auf ein Netzwerk aus Agenturen und sogenannten „Chattern“, die im Hintergrund die Kommunikation mit Nutzern übernähmen und gezielt auf deren Wünsche eingingen. Diese würden häufig aus Niedriglohnländern stammen.
„Loverboys“ bauten gezielt emotionale Abhängigkeiten auf, um Frauen in entsprechende Tätigkeiten zu drängen.

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Diese Mechanismen seien nicht nur aus der klassischen Prostitution bekannt, sondern fänden auch im digitalen Raum Anwendung. Der Einstieg über Plattformen wie „OnlyFans“ erscheine dabei niedrigschwelliger, führe aus ihrer Sicht jedoch in vergleichbare Abhängigkeitsstrukturen.

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