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Projekt: Offline

In Osnabrück starten smartphonefreie fünfte Klassen und erleben riesigen Andrang. Ein österreichisches Großexperiment zeigt bereits, was Schüler ohne Handy gewinnen können.
Junge und Mädchen
Foto: Imago/Westend61 | Der direkte Draht – ganz analog. Weniger Zeit am Smartphone bedeutet mehr Raum für Spiel und Kreativität. Manche Schüler des österreichischen Großexperiments bedauerten, zuvor mehr Zeit mit dem Handy als mit ihren ...

Kein WhatsApp, kein TikTok, keine Spiele auf dem Smartphone – weder auf dem Schulhof noch zu Hause. In mehreren fünften Klassen in Osnabrück hat vor wenigen Tagen ein Projekt begonnen, das für viele ziemlich radikal klingen dürfte: Die Kinder verzichten vollständig auf das Smartphone.

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Angestoßen hat das Projekt Charlotte Metreveli-Wiese. Die niedergelassene Hausärztin in Osnabrück und Mutter von vier Kindern im Alter zwischen sieben und 14 Jahren erlebte in ihrer Praxis, dass immer mehr junge Menschen unter Angststörungen, Depressionen und selbstverletzendem Verhalten litten und wollte daher Kinder vor verstörenden Bildern schützen.

Inspiriert wurde sie durch die Hamburger Elterninitiative „Smarter Start“. Deren Vision: Kindern bis zum 14. Lebensjahr ein unbeschwertes, aktives und selbstbestimmtes Leben ohne Smartphone zu ermöglichen. Lokale Elterngruppen unterstützen sich gegenseitig und versuchen, vor Ort smartphonefreie Schulen oder Schulklassen zu initiieren, ohne dabei die Digitalisierung grundsätzlich abzulehnen. Ihre Vernetzung erfolgt mithilfe einer Webseite, die auch die Probleme kindlicher Smartphonenutzung beschreibt, wissenschaftliche Befunde erklärt und Tipps gibt, wie sich Schulen überzeugen lassen, ein smartphonefreies Experiment zu wagen. Dem gemeinschaftlichen Ansatz der Initiative liegt die Erfahrung zugrunde, dass Eltern zwar oft von der Sinnhaftigkeit der Sache überzeugt sind, jedoch befürchten, ihre Kinder zu isolieren. Eine interaktive Karte mit lokalen Elterngruppen zeigt, dass die Initiative wächst.

Charlotte Metreveli-Wiese trug zusammen mit anderen Eltern die Idee smartphonefreier fünfter Klassen an mehrere Osnabrücker Schulen heran. „Drei Schulen haben sofort zugesagt“, sagt sie im Gespräch mit dieser Zeitung. Zu Schuljahresbeginn starteten also an zwei katholischen Schulen, der Domschule und der Ursulaschule, und am staatlichen Ratsgymnasium smartphonefreie fünfte Klassen – bei Letzterem aufgrund des „riesigen Andrangs“, wie die Schule der „Tagespost“ gegenüber erklärt, sogar zwei solche Klassen. War es schwierig, die Fünftklässler davon zu überzeugen, auf ein Smartphone zu verzichten? „Die Kinder sind nicht das Problem“, sagt die Ärztin. Doch die Eltern müssten dahinterstehen. Wenn man Kindern die Probleme erkläre, seien diese meist einverstanden. Ihre 14-jährige Tochter begleite sie mittlerweile zu schulischen Informationsveranstaltungen, um dort über ihren eigenen Smartphoneverzicht zu berichten – was Eltern sehr beeindrucke.

Kinderschutz im Netz schwer umzusetzen

Kinder und Jugendliche vor exzessivem Social-Media-Gebrauch und altersunangemessenen Inhalten im Netz zu schützen, ist eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. Smartphonefreie Räume können dabei einen besseren Schutz bieten als lediglich Altersgrenzen für die Social-Media-Nutzung, ist doch Kinderschutz im Internet mithilfe technischer Mittel nur schwer zu realisieren: KI, deren Nutzung keiner Altersgrenze unterworfen ist, kann Minderjährigen Informationen bereitstellen, um solche Verbote zu umgehen.

Infolge gerichtlicher Auseinandersetzungen signalisieren mittlerweile auch die Plattformen Kooperationsbereitschaft beim Kinderschutz. Zwei US-amerikanische Elterninitiativen – Parents Together Action und Heat Initiative – wollten wissen, ob dieser Schutz funktioniert. Sie beauftragten Forscher für einen Selbstversuch. Diese erstellten drei neue Konten bei Snapchat auf Geräten ohne gespeicherte Kontakte und registrierten sie für 13-jährige Nutzer. Anschließend sahen sie sich, jeweils sechs Stunden lang, die Videos an, die der Snapchat-Algorithmus ihnen empfahl, ohne selbst aktiv nach Inhalten zu suchen oder auf Kontaktanfragen zu reagieren.
Die Ergebnisse dieser aktuellen Studie aus 2026 sind unter dem Titel „Everybody Got Demons, I Use Drugs To Quiet Mine.

One Week on Snapchat as a 7th Grader“ im Internet abrufbar: Der Algorithmus empfahl 419 Fremde als Freunde. Bei knapp einem Viertel war das Gesicht erkennbar: Es handelte sich durchweg um Erwachsene. Sechs von ihnen wurden als Ersteller sexueller Inhalte identifiziert. Die 13-jährigen Avatare konnten ihren genauen Standort in Echtzeit mit all ihren Freunden teilen, ein Heranzoomen ermöglichte die detaillierte Identifizierung von Orten und Gegenständen. Snapchat empfahl außerdem Videos mit sexualisierenden Kommentaren, in denen kleine Kinder tanzten, turnten oder sangen.

Die Avatare erhielten, ohne vorherige Altersprüfung, Einladungen zu privaten Gruppen für Minderjährige. Snapchat empfahl 256 Videos zum Thema Drogen und Alkohol, inklusive Anleitungen zum Anbau von Marihuana und zur Herstellung von Methamphetamin. 244 Videos zeigten sexuelle Inhalte, davon 32 mit Inzest, Stalking oder sexueller Gewalt. 95 Videos verherrlichten Gewalt, Bandenkriminalität, klärten über Erwerb und Gebrauch von Schusswaffen auf oder zeigten Techniken, um diese gefährlicher zu machen. 50 Videos zeigten Kampfszenen. 63 vermittelten extreme Magerkeit, ein negatives Körperbild, Essstörungen oder die Vorzüge plastischer Chirurgie. 53 Videos verbreiteten Inhalte zu Depressionen, Selbstverletzung und Suizid.

Snapchat kritisierte die Studie aufgrund mangelnder Repräsentativität. Eine ebenfalls im Jahr 2026, von denselben und zwei weiteren US-Kinderschutzorganisationen durchgeführte repräsentative Befragung von 10–17-Jährigen mit dem Titel „The Hidden Dangers of Snapchat for Kids“ kam jedoch zu ähnlichen Ergebnissen. Beide Studien verdeutlichen, wie schwierig Kinderschutz mithilfe von Technologie ist – und wie zukunftsweisend Initiativen wie „Smarter Start“ sind.

Was Kinder gewinnen können, wenn wieder mehr Raum für die analoge Welt entsteht, zeigt ein Experiment aus Österreich, das Fabian Scheck, Lehrer am Konrad-Lorenz-Gymnasium im niederösterreichischen Gänserndorf, im Frühjahr 2025 initiierte: 60 Schüler verzichteten drei Wochen lang freiwillig auf ihr Smartphone. Der am Anton-Proksch-Institut, einer Suchtklinik, und an der Sigmund-Freud-Universität in Wien tätige klinische Psychologe Oliver Scheibenbogen übernahm die wissenschaftliche Begleitung.

Eine Dokumentation des Experimentes durch den öffentlich-rechtlichen Österreichischen Rundfunk (ORF) erregte anschließend international Aufsehen. Schulen aus deutschsprachigen Ländern und sogar aus Brasilien wollten sich dem Experiment anschließen. Schüler fragten an, warum sie selbst nicht an einem solchen Experiment teilnehmen dürften. „Ich interpretiere das auch als Hilferuf der Generationen Z und Alpha an die ältere Generation“, sagt Scheibenbogen im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Jugendlichen bäten um Hilfe: „Wir brauchen mehr Struktur, mehr klare Vorgaben, mehr Regelungen im Umgang mit dem Smartphone, weil wir es selbst nicht mehr unter Kontrolle haben.“

Verbesserung von Schlaf und Wohlbefinden

Aus dem einmaligen Versuch einer Schule in Niederösterreich wurde ein Großexperiment mit knapp 72 000 über zehnjährigen Schülern aus fast 600 Schulen in Österreich. Die Teilnahme erfolgte klassenweise. Eine Gruppe verzichtete vollständig auf ihr Smartphone, eine zweite Gruppe schränkte lediglich den Konsum sozialer Medien auf weniger als eine Stunde pro Tag ein, eine dritte Kontrollgruppe nutzte es wie gewohnt weiter. Für alle Teilnehmer erlaubt waren weiterhin Tastentelefone, PCs, Tablets und Laptops. Mithilfe von Fragebögen vor Beginn, am Ende und fünf Wochen nach Beendigung des Experiments wurden bei knapp 42 000 Teilnehmern Stimmung, Schlaf, Wohlbefinden und der Umgang mit dem Smartphone abgefragt.

Kurz zusammengefasst hätten sich, berichtet Scheibenbogen im Gespräch mit der „Tagespost“, innerhalb von nur drei Wochen die Schlafqualität der Schüler und ihr allgemeines psychisches Wohlbefinden um etwa 25 Prozent, depressive Symptomatiken sogar um fast 30 Prozent verbessert. Am Gefühl der Schüler, sozial integriert zu sein, habe sich hingegen nichts geändert. Die Schüler hätten einfach ihre digitalen Kontakte durch face-to-face-Kontakte ersetzt.

Der ORF dokumentierte, wie die Schüler ihre neugewonnene Zeit nutzten: Sport, kreative Tätigkeiten, Lesen, Tagebuchschreiben, Spaziergänge, Begegnungen mit Freunden, Eltern und Verwandten. Lehrkräfte boten smartphonefreie Projekte an, etwa Musikunterricht mit Grammophon, einen Buchclub oder Gartenarbeit. Für die Pausen wurden Kicker und Gesellschaftsspiele angeschafft, der Schulhof wurde zum Fußballplatz. Schüler schenkten Senioren des örtlichen Pflegeheims ihre Zeit. Eltern organisierten einen „Dorftratsch“ mit Dorfbewohnern, ein Großvater baute mit Jungen eine Gartenhütte – kurz: Die Jugendlichen machten das, was frühere Generationen auch getan hatten.

Bei manchen gab es auch Langeweile und Fiebern auf das Ende des Experiments. Ganz überwiegend aber beurteilten die Schüler ihre Erfahrungen in Videos, die sie der ORF-Redaktionsleiterin Lisa Gadenstätter-Hörtnagl schickten, positiv. Sie waren stolz, es geschafft zu haben, fühlten sich glücklicher, hatten mehr Energie, freuten sich über besseren Schlaf und die neuen Erfahrungen und Begegnungen. Manche bedauerten, dass sie vor dem Experiment den Geschwistern so wenig, dem Handy aber so viel Zeit geschenkt hatten. Viele wollten ihr Smartphone ab sofort bewusster nutzen. Ihre ständige Online-Präsenz sei der Angst geschuldet gewesen, etwas zu verpassen, Fans zu verlieren oder nicht erreichbar zu sein. Einige beschrieben ihr Verhalten als Besessenheit oder Sucht.

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Doch auch Eltern sollten ihr Verhalten überdenken, meinten manche Schüler, etwa die Forderung ständiger Erreichbarkeit. Lehrer bemerkten selbstkritisch, dass in Schulen viel übers Handy kommuniziert werde, etwa Stundenpläne und wichtige Informationen. Ein Lehrer formulierte im ORF die Herausforderung so: „Wir haben ihnen das Handy ins Kinderzimmer gelegt, jetzt müssen wir es ihnen wieder rausnehmen.“


Die Autorin ist Sozialwissenschaftlerin, Sozialpädagogin und freie Journalistin.

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Susanne Hartfiel

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