Würzburg

Pornografie: Ein Massenphänomen

Markt und Konsum einer gesellschaftsverändernden Industrie: Zahlen, Fakten, Folgen und Prävention.

Zahlen zur Pornosucht
Mehr als neun von zehn Männern und mehr als sechs von zehn Frauen waren in der Jugendzeit aktive oder passive Konsumenten von Pornografie. Foto: Paulus N. Rusyanto (285947385)

Die Zahlen sind ernüchternd: Pornhub, das größte Pornographieportal der Welt, verzeichnet einen Anstieg der Besuche um knapp 30 Prozent im letzten Jahr. 42 Milliarden Mal sei die Website 2019 besucht worden, 39 Milliarden Mal hätten die Besucher nach speziellen Filmen gesucht. Über fünf Milliarden Stunden wurde Porno konsumiert und das nur auf einer Seite. Es gibt aber mehrere hundert Millionen Internet-Seiten.

Konsum von Pornos in verschiedenen Ländern

Der Konsum variiert von Land zu Land und von Untersuchung zu Studie. Beispiele: In Schweden konsumieren 10,5 Prozent der 18-jährigen Männer täglich Pornografie. Von diesen 10,5 Prozent wiederum gab mehr als die Hälfte der Männer an, dass sie die gesehenen pornografischen Praktiken in der Wirklichkeit ausprobierten. Das Land gehört nicht zu den Top-Ten des weltweiten Pornokonsums. In der Schweiz, die auch nicht zu den Top-Ten gehört, gaben bei einer wissenschaftlichen Umfrage knapp drei Prozent der Befragten an, sie würden Pornografie  mehrmals täglich  konsumieren, 14 Prozent tun es  drei- bis siebenmal pro Woche , 23 Prozent  ein- bis zweimal  pro Woche, die restlichen 60 Prozent  weniger als wöchentlich . In den USA, Spitzenreiter der Top-Ten vor Großbritannien, Indien, Japan, Kanada, Frankreich und Deutschland, liegt das durchschnittliche Einstiegsalter bei elf Jahren, 92 Prozent der Jungen und 63 Prozent der Mädchen konsumieren Porno in der Jugendzeit, 46 Prozent der erwachsenen Männer sind regelmäßig dabei. In Spanien nutzen 46 Prozent der Jungen zwischen 14 und 17 Jahren regelmäßig pornografisches Material, ein gutes Drittel von ihnen mindestens einmal die Woche, 14 Prozent täglich.

In Deutschland, Nummer sieben weltweit, haben 28 Prozent der 14 bis 17-jährigen Jungen zwischen zehn und zwölf Jahren angefangen Porno-Filme zu sehen. Nach einer Untersuchung des Bayerischen Landeszentrale für Medien aus dem Jahr 2016 rufen rund 23 Prozent der aktiven Internet-Nutzerinnen und -Nutzer mindestens einmal im Monat pornografische Inhalte auf   das entspricht 12,2 Millionen Usern. Heute, vier Jahre später dürften es bei der Dynamik des Phänomens einige Millionen mehr sein.

Betroffen sind besonders die jungen Generationen

Betroffen sind besonders die jungen Generationen. Die Universitäten Hohenheim und Münster haben 2018 für eine Studie über "Jugend, Internet und Pornografie" 1048 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 20 Jahren befragt. 46 Prozent aller befragten Jugendlichen gab an, schon einmal mit pornografischen Inhalten in Kontakt gewesen zu sein. Bei den 14- bis 15-Jährigen sind es bereits 32 Prozent. Im Schnitt schauen die Kinder das erste Mal mit 12,7 Jahren harte Pornos im Internet. Der erste Kontakt mit harter Pornografie fand mehrheitlich zu Hause statt. Zentrale Kanäle hierbei waren der Computer und das Smartphone. Bei der Hälfte aller Befragten war der Erstkontakt gewollt, allerdings mit typischen Geschlechterdifferenzen: Mehr männliche als weibliche Jugendliche berichteten, dass der Erstkontakt mit Pornografie gewollt war. In vier von zehn Fällen waren die Jugendlichen beim ersten Kontakt mit Pornografie nicht allein.

Stark gefährdet weltweit ist die Generation Z, also die jungen Leute die nach 2000 geboren sind. Bei ihr führen die Folgen des Konsums schon zu aktivem Verhalten. So sind vor allem Livesex-Angebote vor der Webcam gefragt. Das Web-Portal "Stripchat" berichtet, daß diese Nutzer-Generation auch bereit ist, Geld für ihren Pornografiekonsum auszugeben. Fast 8 Prozent der unter 24-jährigen hatten in einer dementsprechenden Umfrage angegeben, über 1000 Euro im Monat dafür auszugeben. Da stellt sich schon die Suchtfrage.

Pornokonsum: Einstiegsalter bei elf bis zwölf Jahren

Allgemein gilt: Gut jeder zweite Jugendliche heute hatte bis zu seinem 13. Geburtstag bereits einmal persönlich Kontakt mit sexuell expliziten Medieninhalten. Die Statistiken und Studien in den meisten Ländern, die sich damit befassen, lassen sich quantitativ so zusammenfassen:  

  • Das Einstiegsalter liegt bei elf bis zwölf Jahren und verringert sich zusehends. Jedes dritte Kind zwischen zehn und 14 Jahren konsumiert heute öfter und regelmäßig solche Seiten.
  • Vier von fünf Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren hält Pornografie-Konsum für "normal".
  • Mehr als neun von Zehn Männern und mehr als sechs von zehn Frauen waren in der Jugendzeit aktive oder passive Konsumenten von Pornografie.

Wir haben es mit einem "Massenphänomen" (Neue Zürcher Zeitung) zu tun. Das gilt auf jeden Fall für die Gesellschaften in Europa, Amerika, Australien und Asien, für Afrika nur teilweise. Das Phänomen hat durch Internet und Smartphone vor allem in den letzten 15 Jahren ein globales Ausmass erreicht. Pornografie ist jederzeit und überall zugänglich, wo es Strom und Wlan gibt. Aber es geht nicht nur um den Konsum. Pornografie verändert die Beziehungen unzähliger Menschen und auch ihre Beziehungsfähigkeit. Sie ändert die natürliche Vorstellung von der Frau, dem Mann und der Sexualität. Sie verändert die Anschauung der Liebe. Jede vierte gescheiterte Ehe in den USA hat als Hauptgrund des Scheiterns den Pornografiekonsum, bei zwei der drei anderen Fälle spielt Pornografie ebenfalls eine bedeutsame Rolle. Exzessiver Pornokonsum kann schon bei jungen Männern zu Impotenz führen. Und er verändert auch die Hirnstrukturen. Das stellten Forscher des Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und der Charit  schon 2014 fest. So verkleinere sich bei Vielkonsumenten von Pornografie der sogenannte Schweifkern (nucleus caudatus), der für die Wahrnehmung von Belohnungen und für die Motivation zuständig ist. Das mache nicht nur anfällig für Sexsucht, sondern auch für Alkoholismus und Depressionen.

Warum ist Porno-Konsum so attraktiv? Man kann es sich leisten, man bleibt anonym

Warum Porno-Konsum heute überhaupt attraktiv ist, wird in Expertenkreisen erklärt mit dreimal A: accessibility affordability, anonymity - leichter Zugang, man kann es sich leisten, man bleibt anonym. Ein Bestreben, den reinen Lustaspekt von Sexualität (neben den Aspekten Beziehung und Fruchtbarkeit) zu erleben, hat es schon immer gegeben, zum Beispiel in Form von Prostitution. Dieses Bestreben ist aber noch nie so einfach (accessibility) und kostengünstig (affordabilty) und zu so geringen sozialen Risiken (anonymity) zu befriedigen gewesen wie durch Pornografie auf einem mobilen Endgerät.

Seit 2012, dem Jahr, in dem das Smartphone technisch so weit war, daß es im Konsumverhalten den Computer ablöste und weltweit zum "handlichen Artikel", also auch in Kinder-und Jugendhand wurde, erlebt die Porno-Industrie einen nahezu unkontrollierten Aufschwung. Die erste Welle war mit dem Aufkommen des Internet schon Anfang der neunziger Jahre spürbar, aber mit dem internetfähigen Handy erfolgte ein Quantensprung, der sich in den Zahlen oben niederschlägt. Das Datenvolumen, das hier weltweit bewegt wird, ist nach Schätzungen von Experten bereits größer als das von Google, weil es so viele Fotos und Filme umfasse. Allein bei Pornhub werden pro Minute 13 Filme hochgeladen. Die sich explosionsartig vergrößernde Industrie reicht in Deutschland mit ihren Umsätzen an die Dimension der Autoindustrie heran, in den USA schätzt man den Umsatz der Porno-Industrie auf einen hohen zweistelligen Milliardenbereich, also zwischen 70 und 100 Milliarden Dollar. Angesichts solch enormer Gewinne und der allgemeinen Verharmlosung sowie dem Interesse medial mächtiger und pädophilen Kreisen nahestehender Gruppen ist nicht damit zu rechnen, daß sich hier in baldiger Zukunft politisch und gesellschaftlich etwas ändert. Die werte-bewußten Familien und Institutionen, die sich der Natur des Menschen verpflichtet wissen, sind, wie so oft, auf sich selbst gestellt. Aber hier geht es auch um die Stabilität der Gesellschaft. Patrick Fagan, ein bekannter Familienforscher in den USA, schreibt: "Pornografie verändert und verfälscht die Vorstellung des Betrachters von der Natur der ehelichen Beziehung und von dem Verhalten auf sexuellem Gebiet. Sie ist eine erhebliche Bedrohung für Ehe, Familie, Kinder und persönliches Glück. Indem sie die Ehe gefährdet, ist sie eine der Hauptgefährdungen für die Stabilität der Gesellschaft".

Der Porno-Sucht-Test: Wann ist man süchtig? 

Der Unterschied zwischen gelegentlichem Konsum, Gewohnheit und Sucht ist messbar. Der amerikanische Sexforscher David L. Delmonico von der Dusquesne University in Pittsburgh hat dafür einen Test in 25 Fragen ausgearbeitet, der zwar schon knapp 20 Jahre alt ist, aber immer noch als Referenz-Kriterium gilt, um selbst das Risiko der Porno-Sucht zu ermitteln (Internet Sex Screening Test   2000 - David L. Delmonico, PhD, NCC - Duquesne University, Pittsburgh, PA). Die Fragen und Aussagen sind kurz. Eine Auswahl:

Habe ich Sex-Seiten im Netz als Favoriten gespeichert? Verbringe ich mehr als fünf Stunden pro Woche vor dem Schirm mit solchen Seiten? Habe ich online Sexprodukte gekauft? Gebe ich dafür mehr Geld aus als ich vorhatte? Nehme ich an Sex-chats im Netz teil? Gebrauche ich ein sexistisches Pseudonym für meine Internet-Zeiten? Masturbiere ich, während ich Sex-Seiten sehe? Beeinflusst der Internet-Sex manchmal mein Alltagsleben? Niemand weiß, daß ich sexuelle Interessen im Internet verfolge. Ich versuche, dies vor anderen zu verbergen. Ich bleibe bis nach Mitternacht wach, um live Zugang im Netz zu sexuellem Material zu haben. Ich habe einen eigenen Ordner im Rechner mit Sex-Material. Ich habe mir selber schon versprochen, das Internet zu meiden, wenn ich es mit sexueller Absicht aufsuche. Benutze ich das Internet für Experimente mit sexuellem Inhalt, etwa Analsex oder Bondage. Manchmal belohne ich mich mit Cybersex, wenn ich einen stressigen Tag oder Erfolg im Beruf hatte. Habe ich das Online-Risiko vergrößert, indem ich meinen Klarnamen und die Telefonnummer gegeben oder mich persönlich mit Leuten aus dieser Szene getroffen habe? Gebrauche ich sexistische Witze oder Andeutungen, wenn ich online bin? Ich glaube, daß ich internet-sexsüchtig bin.

Wer bei der Beantwortung aller 25 Fragen weniger als achtmal Ja sagt, gehört zur Gruppe mit geringerem Risiko, sollte aber bei mehreren affirmativen Antworten vorsichtshalber professionelle Hilfe zu Rate ziehen. Bei neun bis 18 Ja-Antworten befindet man sich in der mittleren Risiko-Gruppe, für die das sexuelle Verhalten den Alltag schon mitbestimmt. Wer zu dieser Gruppe gehört braucht dringend professionelle Hilfe. Mehr als 18 Ja-Antworten bedeuten, daß man bereits wichtige Bereiche des Lebens (Familie, Ehe, Beruf, Schule) aufs Spiel setzt und ohne professionelle Hilfe nicht mehr aus der Suchtfalle herauskommt.

Professionelle Hilfe, Rat und weiterführende Tipps sind zum Beispiel zu bekommen bei:
  Return - Fachstelle Mediensucht, info@return-hannover.de, www.fit-for-love-org
  Stiftung für Familienwerte www.stiftung-familienwerte.de
  TeenStar, www.teen-star.de
  Safersurfing e.V., www.safersurfing.org
  Weisses Kreuz   Internet-Sexsucht, www.weisses-kreuz.de

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