Noelia Castillo Ramos ist tot. Die 25-jährige Spanierin, seit einem gescheiterten Suizidversuch im Jahr 2022 querschnittsgelähmt, verstarb gestern Abend im Saint-Camil-Krankenhaus in Barcelona an den Folgen einer tödlichen Infusion. Auf vermeintlich eigenen Wunsch und entgegen dem Willen ihrer Eltern.
Noelia, „Weihnacht“, leitet sich vom lateinischen „natalis dies“ ab und wird in Spanien nicht selten an Mädchen vergeben, die während der Weihnachtszeit geboren werden. Doch statt in eine heilige Familie wurde die 25-Jährige, die ihrem Leben gestern mit der Hilfe von Medizinern ein Ende setzte, in eine prekäre geboren. Im Alter von 13 Jahren trennten sich ihre zeitweise obdachlosen Eltern. Noelia wuchs in der „Obhut“ von Sozialbehörden auf, konsumierte Drogen und wurde mehrfach psychiatrisch behandelt. 2022 wurde sie Opfer einer Gruppenvergewaltigung.
Es gibt keine guten Gründe, nicht mehr leben zu wollen. Es gibt nur schlechte
Fest steht: Falls es gute Gründe geben kann, nicht mehr leben zu wollen, dann hat Noelia Castillo Ramos mehr als einen davon gehabt: eine früh verkorkste, trostlose Kindheit. Die entsetzlichen Erinnerungen an das bestialische Verbrechen, das drei Männer an ihr begangen. Die Folgen des verzweifelten Sprungs aus dem Fenster des 5. Stocks, mit dem sie diese zum Erliegen bringen wollte.
Doch die Wahrheit ist: Es gibt überhaupt keine guten Gründe, nicht mehr leben zu wollen. Es gibt nur schlechte. Der Überlebenswille ist dem Menschen angeboren. Ihn zu brechen, ist daher keine Kleinigkeit. Nichts, das sich einfach mal ereignet. Und daher auch nichts, das eine humane Gesellschaft hinnehmen müsste. Und vor allem nichts, das sie schuldlos zurückließe. Denn allein die fortgesetzte, völlige Perspektivlosigkeit vermag den Überlebenswillen in Menschen zu brechen.
Selbstbetrug der übelsten Art
Fakt ist: Noelia Castillo Ramos wollte gar nicht sterben. Noelia Castillo Ramos wollte nur nicht weiterleben unter den Bedingungen, die sie vorgefunden hat. Wer die Beihilfe zu ihrem Suizid als „Akt der Barmherzigkeit“ glorifiziert, betreibt daher puren Selbstbetrug. Noch dazu einen der übelsten Art.
Denn die Wahrheit: Wir haben Noelia Castillo Ramos im Stich gelassen. Wir haben eine Welt erschaffen, in der Menschen wie sie keine liebe- und respektvolle Zuwendung erfahren. Eine Welt, die sich einbildet, die besonderen Bedarfe von Familien ließen sich mit der flächendeckenden Schaffung von Kitaplätzen stillen. Eine, in der die zeitintensive und individuell angepasste Erziehungsarbeit von Eltern genauso gut von Erzieherinnen und Lehrern in Gruppen- und Klassenverbänden wahrgenommen werden könne.
Beeindruckende Gesten, nur leider zu spät
Wir haben eine völlig übersexualisierte Welt erschaffen. Eine, in der der Geschlechtsakt zu einem Konsumgut verkommen ist, statt die Krönung der liebevollen Vereinigung zweier Menschen zu symbolisieren. Eine, in der der Leib eines anderen keine Ehrfurcht gebietende, absolute Grenze mehr darstellt. Wir haben eine Welt erschaffen, in der wir existenziellen psychischen Problemen im Dreiviertelstundentakt zu begegnen können glauben. Eine, in der wir uns nicht verpflichtet fühlen, anderen Gründe liefern zu sollen, weiterleben zu wollen. So beeindruckend die mitfühlenden Gesten von Christen waren, die sich betend vor dem Krankenhaus einfanden, für Noelia Castillo Ramos kamen sie zu spät.
Kurz: Wir haben Noelia Castillo Ramos‘ Lebenswillen gebrochen. Und alles, was wir ihr danach angeboten haben, war eine Spritze. Daher: Wir sind schuld am Tod von Noelia Castillo Ramos. Wir alle. Was nach Abscheu, Entsetzen und Trauer übrig bleibt, sind Wünsche: Möge Noelia Castillo Ramos, nach dem so liebe- wie trostlosen Leben, das wir ihr zugemutet haben, nun in Frieden ruhen. Und gebe Gott, dass ihr Tod uns aufrüttelt und an einer besseren Welt bauen lässt.
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