Kunst

Ute van der Mâer: Katholische Powerfrau

Die Tiefe, die Weite und die Fülle des Lebens erkunden: Die Musikerin und Künstlerin Ute van der Mâer.
Ute van der Mâer, Komponistin
Foto: Archiv | Hier spielt nicht nur die Musik: Multitalent Ute van der Mâer.

Sie liebt es unaufgeregt und unauffällig, so wie das Meer an einem stillen Tag. Tatsächlich gleicht Ute van der Mâer mit der ruhigen Präsenz, die sie ausstrahlt, ihrer Lieblingslandschaft auf der Insel Usedom, ihrem Lebensmittelpunkt. Aber genau wie das Meer hat auch diese Musikerin, Künstlerin und Autorin eine ungeahnte Tiefe und Weite, die in ihrem facettenreichen Werk zum Ausdruck kommt. Was sie an Kreativem oft ganz nebenbei hervorbringt, verdankt sich dem Ausdruckswillen einer hochfunktionalen Persönlichkeit, die sich nicht auf ein Instrument, eine musikalische oder künstlerische Form oder ein Genre festlegen lassen will. Warum auch? Die Welt und das Meer sind schließlich auch weit. Deshalb liegt ihr der Wille, sich in ihrem Leben, ihren Reisen und in ihrem Wirken in eben diese Weite auszustrecken, gewissermaßen im Blut.

Musikalisch begabt

Ute van der Mâer wurde 1971 in Wolgast geboren und ist im Seebad Bansin auf Usedom aufgewachsen, wo ihre Mutter Hertha Lehrerin für Mathematik und nach der Wende auch Religion und ihr Vater Gerhard Straka, Lehrer für Physik und Kunst war. Ein Instrument zu lernen war in der DDR schon lange vor westdeutschen JEKIS-Projekten bereits im Kindergarten selbstverständlich. Zur obligatorischen Blockflöte kamen später Gitarre und Querflöte. Dass sie dieses Instrument studierte, verdankt sich einem Zufall. Van der Mâer begleitete eine Freundin zur Aufnahmeprüfung und machte, da die beiden die letzten in der Warteschlange waren, vom Professor dazu aufgefordert, spaßeshalber mit. Sie bestand und studierte fortan Querflöte und das zu diesem Zweck neu erlernte Instrument Klavier im Fach Musikpädagogik und Germanistik. Bei Fritz Beinroth kamen später Musikwissenschaft, Musikästhetik und historische Musikwissenschaft bei Vera Cheim-Grützner hinzu. Günther Eisenhardt lehrte sie Komposition, Manfred Grüttner Alte Musik und Wolfgang Roterberg Chor- und Orchesterleitung. Zu diesem Zeitpunkt hatte van der Mâer die Prüfung im Fach Querflöte bei Christian Lau schon vorzeitig abgelegt und war zu Iva Becheva gewechselt, um Oboe zu studieren und – damit ihr, was hochfunktionalen Menschen leicht widerfahren kann – nicht langweilig wird, noch Gesang bei Evelyn Unger-Fleck hinzugefügt.

Den Weg in die Kirche gefunden

Dem Staatsexamen folgte die Promotion, begleitet von einem Italienischstudium – zum einen, um der stets drohenden Langeweile zu wehren, zum anderen, weil man nur als Student in den Genuss der unschlagbar günstigen Mieten des Studentenwohnheims kommt. Das Thema der Dissertation „Die Pflege des Gregorianischen Chorals im deutschsprachigen Raum“ erwies sich nicht nur als spannend, es war auch eine im wahrsten Sinne des Wortes richtungweisende Arbeit. Denn durch die vertiefenden Studien bei Pater Roman Bannwart in Einsiedeln und bei Willibrord Heckenbach in Maria Laach, wo sie Mitglied des Abt-Herwegen-Instituts ist, fand van der Mâer weit mehr als interessante Fakten, sondern vielmehr den Weg in die katholische Kirche.

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In Maria Laach – nach wie vor ein regelmäßig besuchter Ort zum geistlichen Auftanken – lernte van der Mâer auch eine freundliche Nonne kennen, die sich ihr als Schwester Clementia vorstellte und sie als künftige Oblatin in die Abtei St. Hildegard einlud, deren Äbtissin sie war. Die Aufdeckung des vielfachen Missbrauchs war ein Schock für die Musikerin, denn unter den Tätern war auch einer ihrer Mentoren. Aber die Freundschaft zu einer Mitoblatin, die selbst zu den Betroffenen zählt, machte spürbar, dass die überzeitliche Wirklichkeit der Kirche größer ist als jeder temporäre irdische Missstand.

Viele Karriereoptionen

Van der Mâer, die schon während des Studiums als Mitglied des von Gerold Herrmann geleiteten Musiktheaters, des Universitäts-Kammerchors, des Potsdamer Oratorienchors und als Mitwirkende im Filmorchester viele Einblicke in das Musik-, Theater- und Filmgeschäft erhielt und zu ersten Kompositionen inspiriert wurde, hätten viele Karrieren offen gestanden. Aber sie war schlicht nicht interessiert, was nicht heißt, dass sie nicht bis heute den einen oder anderen Auftrag ausführt, ohne die ihr so lästige öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen. 1999 kehrte sie nach Usedom zurück, wo sie bis 2021 als Gymnasiallehrerin in den Fächern Musik und Deutsch tätig war, was sie nicht daran hinderte, auch im polnischen Zweig oder im Fach Englisch zu unterrichten, wenn dort Not am Mann war. In dieser Zeit entstanden zahlreiche Musicals und Arrangements, die die Schule überregional bekannt machten und zur Verleihung des Förderpreises der Europäischen Union führten. Die vielen Aktivitäten, die van der Mâer im Laufe ihres Lebens entfaltete, wären nicht möglich gewesen ohne die fraglose Unterstützung ihrer Familie, die der Powerfrau immer den nötigen Rückhalt verliehen hat und für die sie sehr dankbar ist.

Noch viele Pläne

Die große weite Welt erforschte van der Mâer seit den 2000er Jahren mit Jean-Pierre-Filip van der Mâer, einem Musikethnologen, den sie im Jahr 2003 heiratete. Ihre Liebe zu Asien findet nicht nur in den farbenreichen Klängen ihrer Kompositionen, sondern auch in ihren künstlerischen Werken spürbaren Ausdruck. Die technisch und in ihrem Ausdruck facettenreichen Graphiken, Drucke, Aquarelle und Buchillustrationen entstehen nicht erst seit ihrem Studium der Künstlerischen Grafik, des Zeichnens und Malens in Hamburg und sind in ihrem 2017 in Bansin eröffneten Atelier zu sehen. Dort findet man auch ihre Trompeten, ein neues Instrument, das sie sich angeeignet hat, als sie aufgrund einer Erkrankung das professionelle Oboenspiel aufgeben musste. 2020 erschien ihr zusammen mit Barbara Stühlmeyer verfasstes Buch „Bansiner Strandgespräche“, in der die beiden Benediktineroblatinnen, Musikerinnen und Musikwissenschaftlerinnen philosophische Fragen auf unterhaltsame und lebensnahe Weise erörtern. Eine Fortsetzung dieses kleinen, feinen und erfolgreichen Inselbuches ist bereits in Arbeit. Ebenfalls von diesem Autorinnenpaar stammt das Mitmachbuch „Make your own day“, in dem Kinder auf unprätentiöse Weise durch die Gestaltung ihres Alltags an den Glauben herangeführt werden. Das alles ist natürlich nicht das Ende der Geschichte. Fragt man Ute van der Mâer nach ihren Plänen für die Zukunft, guckt sie nur freundlich und fragt: „Haben Sie wirklich so viel Zeit?“. Denn die vielseitige Musikerin, Künstlerin und Autorin hat noch eine Menge vor.

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