Geschichte

Reinhard Laube: Mehr als ein Museum

Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar ist eine lebendige Archiv- und Forschungsbibliothek, ein Ort des Wissens und der Kommunikation mit einem hoch modernen Nutzungsbetrieb. Mit allen Büchern kann gearbeitet werden, wie Direktor Reinhard Laube erläutert.
Reinhard Laube, Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek.
Foto: Blog Klassik Stiftung | Nach dem Brand ist vor dem Brand: Reinhard Laube, Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek.

Herr Laube, ist es zutreffend, dass die Herzogin Anna Amalia Bibliothek drei Wochen vor der seit Jahren geplanten Generalsanierung am 2. September 2004 in Brand geraten ist?

Am 2. September 2004 hatten bereits erste Voruntersuchungen zu den Sanierungsarbeiten im Historischen Gebäude begonnen, der Bücherumzug war für Oktober 2004 geplant. In der Brandnacht konnten Bände bereits in das bezugsfertige neue Tiefmagazin unter dem Platz der Demokratie evakuiert werden. Im Februar 2005 wurde planmäßig das neue Studienzentrum auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes eröffnet, das unterirdisch mit dem Stammgebäude verbunden ist und den modernen Bibliotheksbetrieb ermöglicht: frei zugängliche Bände, Leseplätze, Lesesaal, Gruppenarbeitsraum, Veranstaltungsbereich, Hörsaal, Mediathek mit dem zentralen Raum im Bücherkubus.

Wie wirkt sich der Brand bis heute aus? Wie lange werden die Folgen noch zu spüren sein?

Der Brand von 2004 ist fest in das Gebäude und das Gedächtnis der Bibliothek eingeschrieben. Zur Geschichte der Brandverluste gehört auch die Geschichte eines gelungenen Wiederaufbaus von Gebäude und Sammlungen mit großartigem zivilgesellschaftlichem Engagement. Wir bearbeiten voraussichtlich noch bis 2028 die 25 000 schwer geschädigten sogenannten „Aschebücher“ in einer der Restaurierungswerkstätten der Bibliothek. Bislang wurden eine Million Blatt restauriert, bis 2028 folgen noch 500 000. Die Entwicklung einer besonderen Expertise im Bereich der Papierrestaurierung mit einem patentierten, mengentauglichen Verfahren gehört ebenso zur erfolgreichen Brandfolgenbearbeitung wie die Wiedergewinnung sanierter Räume im Historischen Gebäude der Bibliothek unter Leitung des Architekten Walther Grunwald. So entstand mit der Wiederentdeckung des Renaissancesaals ein großartiger Ausstellungsraum, den wir Anfang Juni der Öffentlichkeit wieder neu zugänglich machen konnten.

In welcher Form?

Durch eine Ausstellung zu „Cranachs Bilderfluten“. Die Klassik Stiftung Weimar zeigt hier Werke der Maler Lucas Cranach dem Älteren, dem Jüngeren sowie ihrer Werkstatt, die im 16. Jahrhundert überaus erfolgreich und produktiv Bildwelten prägte und dafür verfügbare Medien wie Gemälde, Grafiken, Bücher und Medaillen nutzte. Sie werden aus den Sammlungen der Museen und Bibliothek für diese Schau in einem Raum der Renaissance zusammengeführt.

Auch Herzogin Anna Amalia war sehr produktiv. Was ist mit dem Bestand ihrer Autographen, die dem Brand zum Opfer gefallen sind?

Briefe Anna Amalias oder ihr Nachlass befinden sich im Hauptstaatsarchiv Weimar. Vom Brand betroffen war allerdings ihre Musikaliensammlung, darunter auch ihre Handschriften. Während der Schaden in den herausragenden, umfangreichen Musikaliensammlungen der Anna Amalia und Maria Pawlowna mit Notendrucken und Notenhandschriften erheblich war, sind die überschaubaren Handschriften oder Musikalien Anna Amalias teilweise erhalten oder vor dem Brand durch Mikrofilme gesichert. Tatsächlich machen wir im Zuge der Bearbeitung des Bergungsguts immer noch Entdeckungen von Musikalien unter den Aschebüchern, die konservatorisch stabilisiert werden, wenn der Erhaltungszustand das ermöglicht.

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Das berühmte Deckenfresko „Genius des Geistes“ im Rokoko-Saal ist dem beim Brand zerstörten Fresko sehr frei nachempfunden, weil es nicht erhalten werden konnte…

Das Gemälde „Genius des Ruhms“ war ein Werk von Johann Heinrich Meyer, das ursprünglich für das Römische Haus vorgesehen war und seit 1805 seinen Platz an der Decke des Rokokosaals einnahm. Es war eine recht freie Aneignung eines Werks von Annibale Carracci, das Meyer in der Dresdener Gemäldegalerie in Augenschein nahm. Das Gemälde verbrannte 2004. Eine getreue Kopie der Kopie fertigte nun der Maler Hermenegild Peiker an, die seit Wiedereröffnung des Historischen Bibliotheksgebäudes an der vertrauten Stelle wieder zu sehen ist – wenn auch die abgebrannte zweite Galerie rekonstruiert werden musste.

Wie sehen Ihre Perspektiven für die Bibliothek aus?

Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Archiv- und Forschungsbibliothek mit Schwerpunkt auf der Literatur- und Kulturgeschichte um 1800 und verfolgt Ziele ihrer Agenda 2020plus bis zum Jahr 2028. Dazu zählen innovative Projekte der Bestandserhaltung in Kooperation mit Hochschulen, herausragende Projekte des Sammlungsaufbaus und der Sammlungserschließung, zu denen auch die Stärkung der Provenienzforschung und -erschließung gehören. Mit der Überarbeitung und Öffnung von Flächen und Sammlungsräumen nimmt die Bibliothek auch räumlich ihren Ausgangspunkt im 16. Jahrhundert und führt über den Rokokosaal und den Bibliotheksturm in das Studienzentrum, vom 18. in das 21. Jahrhundert. Die Fachbereiche Sammlungen, Bestände, Wissensforum Bibliothek und Digitale Bibliothek profilieren die Einrichtung und ihre Arbeitsfelder.

Wie bewerten Sie die Person und Persönlichkeit von Anna Amalia?

Die Bedeutung der Herzogin Anna Amalia für Weimar und die Bibliothek kann kaum überschätzt werden. Ihre Kulturpolitik, zu der unter anderem die Bindung von Christoph Martin Wieland an den Hof und die Entscheidung für ein eigenständiges Bibliotheksgebäude gehörten, war prägend. Ihr Geburtstag am 24. Oktober ist fester Bestandteil des Bibliothekskalenders und der Terminplanung unseres Freundeskreises (Gesellschaft Anna Amalia Bibliothek e. V.), zumal dieser Tag – wohl zufälligerweise – bundesweiter Tag der Bibliotheken ist. Anna Amalia, deren fulminante Privatbibliothek auch Teil der Sammlungen ist, wird von unseren Gästen und der Weimarer Bevölkerung besonders geschätzt.

Ihre letzte Ruhestätte befindet sich in der Stadtkirche St. Peter und Paul. Wie kam es dazu?

Sie war die letzte Fürstin, die in der Stadtkirche bestattet wurde. Mit Johann Friedrich beginnt hier 1554 für ein Jahrhundert die Beisetzung von Herzögen und ihren Familienangehörigen im Kirchenraum, bis im 17. Jahrhundert die Schlosskapelle auch diese Funktion übernimmt. 1807 wurde gerade der Wiederaufbau des Schlosses nach dem Brand von 1774 abgeschlossen, die Fürstengruft auf dem heutigen Historischen Friedhof war noch nicht fertiggestellt. Eine Bestattung im Kirchenraum der Stadtkirche Peter und Paul greift eine Memorialpraxis auf, die auch an die kurfürstliche Tradition der Ernestiner und Thüringer Wettiner erinnert. Der Ort der Grabstätte Anna Amalias im Chor der Stadtkirche wird in der Regel von der Kirchengemeinde mit einem Blumenstrauß markiert. Die Grabtafel befindet sich an der Südseite der Chorwand.

Die Ernestiner verstanden sich als Schützer der protestantischen Sache und der reformatorischen Bewegung. Hat das die Sammlungen geprägt?

Die Sammlungen werden teilweise durch diese Ausrichtung geprägt, so durch eine fulminante Sammlung von Katechismen oder von protestantischen Bibeldrucken und Streitschriften. Gleichwohl beschreibt der konfessionelle Gegensatz nicht die Grenzen der Sammlungen und macht eher blind für die Vielfalt. Die Lutherbibel ist zwar in mehreren Ausgaben Teil der Sammlungen, aber wir haben in unserer polyglotten Bibelsammlung eben auch Beispiele von Bibeln der sogenannten Altgläubigen, also Übersetzungen der Heiligen Schrift, die bewusst in Abgrenzung zur Luther-Übersetzung entstanden sind – oder eben nicht durch den konfessionellen Gegensatz geprägt sind. Das Für und Wider der Reformation(en) mit unterschiedlichen Positionen ist auch in unserer Flugschriftensammlung mit zeitgeschichtlich aussagekräftigen Schriften aus dem 16. Jahrhundert greifbar.

Die Bibliothek wird vielfach als Museum wahrgenommen…

… aber ein musealer Beitrieb sind wir nur zu einem kleinen Teil. Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek ist eine lebendige Archiv- und Forschungsbibliothek, ein Ort des Wissens und der Kommunikation mit einem hoch modernen Nutzungsbetrieb. Mit allen Büchern kann gearbeitet werden, sie sind zunehmend auch digital einsehbar, können im Studienzentrum aus den Regalen entnommen oder in den Lesesaal bestellt oder ausgeliehen werden.

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