Verlorene Dörfer. Getreidefelder, Schluchten, schroffe Bergzüge. Weites Land unter stahlblauem Himmel. Burgruinen, die die Konflikte zwischen Christen und Mauren im Mittelalter bezeugen. Aus dieser dünn besiedelten Gegend Kastiliens stammte der spanische Dominikaner Fray Tomás de Berlanga (um 1487–1551). Die Spurensuche führt in seinen Geburts- und Sterbeort Berlanga de Duero in der Provinz Soria. Auf dem Hauptplatz ehrt den Geistlichen eine übermannshohe Skulptur, sein Grab befindet sich in der Stiftskirche.
Der weitgereiste Tomás de Berlanga – das vorangestellte Wort „Fray“ war der religiöse Titel vor dem Namen von Mönchen – schrieb aus vielerlei Gründen Geschichte. Er ging in der sogenannten Neuen Welt, die Christoph Kolumbus 1492 für Europa aufgespürt hatte, in die Mission. Dort wurde er Bischof von Panama, entwickelte die Idee des Panamakanals und stieg zum königlichen Ratgeber auf. Im Zuge einer Irrfahrt im Pazifik entdeckte er die Galápagos-Inseln, sinnierte über die Menschenrechte von Indigenen und könnte als Erster die Kartoffel nach Europa eingeführt haben. In Berlanga de Duero würdigt die lokale Historikerin María del Mar Badorrey (50) seine Verdienste: „Er war seiner Zeit weit voraus, ein Humanist und Visionär.“ Dennoch, so räumt die promovierte Expertin ein, gehöre er im Grunde zu den „Vergessenen der Geschichte, wie so viele andere.“
In der Gasse Calle de las Monjas, die in Berlanga de Duero vom Hauptplatz abzweigt, liegt sein Geburtshaus. Längst ist es in Privatbesitz und steht gegenwärtig zum Verkauf, weiß Badorrey. Bruchstein, Fachwerk und Rebenranken finden an der Fassade zusammen.
Panama, Galápagos, Südamerika
Über einem Fensterchen erinnert eine Tafel an Fray Tomás de Berlanga, dessen Geburtsjahr hier – im Gegensatz zum verbreiteten „um 1487“ – mit 1490 angegeben wird. Verwirrung herrscht übrigens auch um seinen ursprünglichen Namen. „Bruder Thomas aus Berlanga“, so die Übersetzung von Fray Tomás de Berlanga, könnte Tomás Martínez Gómez oder Tomás Enríquez Gómez geheißen haben.
Fest steht: Tomás stammte aus einer bescheidenen Bauernfamilie. Früh zeigten sich seine Talente. Er lernte lesen und schreiben, eine absolute Ausnahme in jener Zeit. Gleich vor der eigenen Haustür sei die Bibliothek des herrschenden Hauses der Kronfeldherrn von Kastilien „sehr zugänglich“ gewesen, erzählt Historikerin Badorrey. Wer mit Fleiß und Begabung gesegnet war, schlug gewöhnlich den Weg der kirchlichen Bildung ein.
Studien führten Tomás nach El Burgo de Osma und Salamanca, wo er sich dem Orden der Dominikaner anschloss und in deren Auftrag er im Jahr 1510 als Missionar in die Neue Welt ging. Seine erste Station war die Insel Hispaniola, heutzutage geteilt in die Dominikanische Republik und Haiti.
Dort wurde er zum Prior des Klosters Santo Domingo und – so Historikerin Badorrey – zum „spirituellen Vater“ des Dominikaners Bartolomé de Las Casas (um 1484–1566). Laut Badorrey reifte in den beiden die Erkenntnis, dass auch die Indigenen „Seelen hatten und deshalb nicht versklavt werden durften“. Das, so Badorrey, sei vor einem halben Jahrtausend ein neues humanistisches Denken gewesen, obgleich natürlich nicht vergleichbar mit den Menschenrechten von heute. Vor allem Las Casas trat später für die Würde und Rechte der Indigenen ein und prangerte die Grausamkeit in den von den Spaniern eroberten Gebieten an; sein aufrüttelnder „Kurzgefasster Bericht von der Verwüstung der Westindischen Länder“ ist bis heute Pflichtlektüre für alle, die sich tiefer mit der Geschichte Lateinamerikas beschäftigen wollen.
Fray Tomás de Berlanga stieg in der kirchlichen Hierarchie auf und reiste aufs mittelamerikanische Festland. Dort wurde er 1531 Bischof von Panama und sorgte für den Bau einer Kathedrale aus Holz und Ziegelsteinen, ihrerseits Vorläufer eines weiteren Doms, den der berüchtigte Freibeuter Henry Morgan 1671 mitsamt allen weiteren Bauten zerstörte. Heute zählt das Ruinenareal zum Weltkulturerbe der UNESCO.
Der Geistliche fungierte überdies als Ratgeber des Königs. Sein Auftrag lautete, im Konflikt zwischen den beiden verfeindeten Konquistadoren Francisco Pizarro und Diego de Almagro um die Vorherrschaft im ehemaligen Inkareich zu vermitteln. Bei der Fahrt ins peruanische Callao kam das Schiff vom Kurs ab und verirrte sich durch Strömungen im Pazifik. Eine Katastrophe, die tödlich hätte enden können. Der historische Zufall aber wollte, dass Fray Tomás de Berlanga so zum Erstentdecker der Galápagos-Inseln wurde. Dort sahen er und seine Mannschaft die wundersamsten Wesen: Meerechsen, die keine Scheu vor Menschen hatten, Seelöwen, Pinguine und Riesenschildkröten. Die vulkanischen Eilande erschienen ihm, als hätte „Gott selbst diese Steine regnen lassen“, berichtet Historikerin Badorrey.
In Südamerika, wo er schließlich doch noch anlanden konnte, blieb der Vermittlungsauftrag erfolglos. Zurück in Panama wurde Tomás zum Vordenker des Panamakanals. In einem Brief schlug Fray Tomás Spaniens König Karl I. vor, eine Verbindung zwischen dem Pazifik und dem Atlantik zu schaffen, nachdem er beobachtet hatte, dass Indigene in ihren Booten von einer Seite zur anderen gelangen konnten. Die Pläne scheiterten an den Finanzen und am Know-how. Erst 1914 wurde der weltberühmte Panamakanal eröffnet.
Fray Tomás de Berlanga soll überdies einen Blick für Landwirtschaft und und Ernährung gehabt haben. Er soll den Anbau der Banane vorangetrieben und die Kartoffel nach Europa eingeführt haben. Die Beweise dafür ist allerdings dünn.
Ein überraschendes Mitbringsel
Letztlich gab er das Bischofsamt in Panama auf und kehrte in die Heimat nach Berlanga de Duero zurück. Aus Panama brachte er aus dem Fluss Chagres als Andenken die Haut eines schwarzen Kaimans mit, die mit Stroh und Lumpen lebensecht ausgestopft wurde und zur Überraschung von Besuchern im Innern der Stiftskirche nahe dem Eingangsportal weit über Kopfhöhe an der Wand prangt. Ein steinerner Kaiman ziert auch den Sockel seines Denkmals auf dem Hauptplatz von Berlanga de Duero.
In der Stiftskirche fand Fray Tomás in einer Kapelle, die heute seinen Namen trägt, die letzte Ruhe: unter einer Bodenplatte, ohne Namensgravur, ohne Pomp. Das war sein Wunsch und entsprach seinem bescheidenen Wesen. In seinen letzten Lebensjahren hatte er noch versucht, in Berlanga de Duero ein Dominikanerkloster zu gründen; der Orden hatte die Genehmigung dazu bereits erteilt. Doch das Projekt zerschlug sich mit seinem Tod. Über den Grundmauern entstand später der Schlachthof. „Das Leben schlägt viele Kapriolen“, bemerkt Historikerin Badorrey dazu lapidar.
Der Verfasser ist freier Autor und Journalist. Er lebt in Spanien und ist auf die Themen Reise, Religionen & Kulturen spezialisiert.
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