Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Nolans „Odyssee“

Wandlungsreicher Odysseus

Anti-weiß und woke? Oder konservativ und christlich? Die Deutungen von Christopher Nolans „Odyssee“-Verfilmung könnten unterschiedlicher kaum sein. Die Kontroverse spricht für das Werk.
Matt Damon in als Odysseus in der „Odyssee“
Foto: Imago/Landmark Media (www.imago-images.de) | Odysseus (gespielt von Matt Damon) lässt sich an den Mast seines Schiffes binden, um dem Gesang der Sirenen lauschen zu können, und erlebt dabei höchste Freude und tiefste Verzweiflung.

Odysseus ist in der Hölle gelandet. In der „Malebolge“, dem achten Höllenkreis, um genau zu sein. Dort gehören sie hin, die Trickser und Betrüger. Und wer wäre ein schlimmerer Täuscher gewesen als der Grieche, durch dessen hölzernes Pferd Troja zu Fall kam? Zur Strafe muss er brennen, allein, eingehüllt in eine Flamme. Dieses postmortale Schicksal für den von Homer als „vielgewandt“, „listenreich“ und „göttlich“ besungenen Helden hat sich Dante Alighieri in seiner „Divina Commedia“ ausgedacht. Hätte es Anfang des 14. Jahrhunderts bereits X/Twitter gegeben, hätte Dante wohl einen ziemlichen Shitstorm für diese christianisierende Umwandlung des griechischen Mythenstoffs aushalten müssen. Womit wir beim Film der Stunde, Christopher Nolans dreistündigem Epos „The Odyssee“, wären.

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Lange ist es her, dass ein Kinofilm zum gesellschaftlich-kulturellen Großereignis geworden ist, über das alle mitreden wollen, selbst jene, die den Film nicht gesehen haben. Zu Letzteren gehört der österreichische Aktivist Martin Sellner, Gründungsfigur der Identitären Bewegung Österreich und heute Wortführer der europäischen Remigrationsbewegung. Er forderte Anhänger und Sympathisanten auf, den Film zu boykottieren. Der Hauptgrund: das Casting Nolans, das Sellner als Verächtlichmachung, ja symbolische Auslöschung der europäischen Identität deutet.

US-Apologet Trent Horn lehnt Film aus ethischen Gründen ab

In der Tat gibt es einige, neutral gesagt, unkonventionelle Rollenbesetzungen. Um nur drei besonders auffällige zu nennen: Die „weißarmige Helena“, deren Entführung nach Troja den Krieg auslöst, wird von der schwarzen, kenianischstämmigen Lupita Nyong’o verkörpert. Odysseus’ Gefährte Eurylochus wird von Himesh Patel gespielt, dessen indische Abstammung augenfällig ist. Und statt Achilles lässt Nolan den Charakter Sinon auftreten, der eigentlich der „Aeneis“ des Vergil entstammt und der im Film von Elliot Page gemimt wird, wie sich Ellen Page seit einer hormonellen und operativen „Geschlechtsangleichung“ nennt.

Dass eine „Transperson“ einen derart prominenten Auftritt bekommt, hat auch den bekannten US-amerikanischen katholischen Apologeten Trent Horn dazu bewogen, den Film nicht anzuschauen: Aus ethischen Gründen könne er persönlich die Normalisierung einer Ideologie, die junge Menschen zur irreversiblen Selbstverstümmelung verleite, nicht mit dem Kauf einer Kinokarte unterstützen, auch wenn er diesbezüglich keine moralische Forderung für andere aufstellen wolle.

Dem Film wurde aber nicht nur Wokeness vorgeworfen, sondern auch, dass er den Geist des Originals verfehle. Helme, Rüstungen und Boote seien historisch inakkurat, statt des strahlend blauen Mittelmeers zeige Nolan einen düsteren grau-schwarzen Ozean und dem titelgebenden Helden fehlten Humor, Spritzigkeit und Übermut. Stattdessen zeige der Film einen grübelnden Kriegsveteranen, der angesichts der von ihm mitzuverantwortenden Kriegsgräuel an einem schlechten Gewissen, ja geradezu einer Art posttraumatischer Belastungsstörung, leide. Statt einen Einblick in die Andersartigkeit der heroischen griechischen Seele zu Zeiten Homers zu gewähren, sei der Film nur ein altbekanntes Psychogramm der westlichen Schuldmentalität des 21. Jahrhunderts. Selbst die Altphilologin Emily Wilson, deren erste „feministische“ Übertragung der „Odyssee“ auch von Nolan ausführlich zurate gezogen worden sein soll, wies in einem Interview darauf hin, dass Homers Odysseus auf Ruhm und Beute bei der Plünderung Trojas aus sei. Nolans Film dagegen habe ein gewisses Interesse an Scham, aber kein Interesse an Ruhm.

Die Halbbildung der Kritiker

Während einige dieser Punkte fraglos zutreffen, zeigen andere eher die Halbbildung der Kritiker auf. So ist etwa bei Homer immer wieder vom „weinfarbenen Meer“ die Rede, einen „blauen“ Ozean sucht man bei ihm dagegen vergeblich. Den Vogel schoss der konservative amerikanische Kommentator Matt Walsh ab, als er Nolan die nicht-lineare Präsentation des Films vorwarf, offenbar im Unwissen darüber, dass dies keine postmoderne Volte des Regisseurs ist, sondern Homers ursprünglicher Erzählweise entspricht. Dass dem Film die historische Authentizität abgeht, ist dagegen nicht zu leugnen: Kostüme und Casting bilden nicht die Bronzezeit ab, zu der das Heldenepos Homers spielt. Das aber ist kein Versehen, sondern offenbar eine bewusste ästhetische Entscheidung. Nolan wollte nicht Homers „Odyssee“ auf die Kinoleinwand bannen, sondern seine Adaption des Stoffes. Ist diese aber überhaupt so woke wie behauptet?

Was die Figur des Sinon und die Besetzung mit Elliot Page angeht, hat der orthodoxe Ikonenschnitzer und YouTuber Jonathan Pageau eine überraschend andere Deutung vertreten: Sinon sei in der Geschichte im Wortsinne ein Ersatzmann, denn er trete an die Stelle des Antinoos, der eigentlich zum Kriegsdienst ausgelost wird, aber aus Feigheit sein Los mit Sinon tauscht. Während Antinoos in Abwesenheit des Odysseus als Freier um die Hand von Odysseus’ Frau Penelope und damit den Königsthron von Ithaka buhlt, ereilt Sinon ein blutiges Schicksal am Strand von Troja. Dass der Transgendermann Page den Ersatzmann Sinon spiele, ist für Pageau eine filmische List ganz im Sinne des Odysseus. Die Botschaft dahinter aber sei gerade nicht woke, sondern konservativ: Die Krise der Männlichkeit – der Unwille der Männer, ihrer zugelosten Rolle nachzukommen – führt überhaupt erst zur Auflösung der Geschlechterrollen und dem Phänomen von „Ersatzmännern“, die ein tragisches Schicksal zu erleiden hätten.

Die Grundbotschaft ist durch und durch konservativ

Auch wenn diese Interpretation Pageaus etwas überspannt wirken mag, so ist die Grundbotschaft des Films – unabhängig von der Transthematik – tatsächlich durch und durch konservativ: Nolans Odysseus erkennt, dass seine gesamte Zivilisation im Untergang begriffen ist, weil sie sich gegen das überpositive, göttliche Gesetz gestellt hat. Dieses wird im Film als „das Gesetz des Zeus“ bezeichnet: Da man nicht wisse, ob der andere nicht in Wahrheit ein verkleideter Gott sei, gelte das Gebot der Gastfreundschaft – allerdings für beide Seiten: den Gastgeber wie den Gast. Die Erkenntnis des Odysseus, durch seine Kriegslist selbst zur Auflösung dieses Gesetzes beigetragen zu haben, hindert ihn nicht daran, am Ende die schamlosen, das Gastrecht mit Füßen tretenden Freier in seinem Palast zur Strecke zu bringen. Überhaupt kehrt Odysseus im Film nicht mit der Absicht zurück, aus einem schlechten Gewissen heraus das Patriarchat abzuschaffen und eine feministische Basisdemokratie zu errichten, sondern um die alte Ordnung wiederzubeleben – und das, obwohl die Welt, die diese Ordnung trägt, im Niedergang begriffen ist. Entsprechend zeigen die letzten Szenen des Films, wie der Sohn Telemachos die Herrschaft übernimmt, während Odysseus und Penelope in den Westen segeln.

Die Übersetzerin Emily Wilson hat recht: Nolans Film ist der antike Gedanke des Kriegsruhms fremd, ja er untergräbt ihn sogar. Bei Homer heißt es im achten Gesang, als der titelgebende Held einen Sänger über die Eroberung Trojas singen hört: „Aber Odysseus schmolz hin, und Tränen quollen ihm aus den Lidern hervor und benetzten seine Wangen.“ Wehmut ergreift den umherirrenden Helden ob der unwiderruflich vergangenen Größe früherer Tage. Nolan transponiert diese Tränen ins Moralische; er verwandelt sie in Scham und Trauer über das unbarmherzige Wüten der griechischen Soldaten und Odysseus’ eigene Mitschuld. Nachvollziehbar, ja geradezu natürlich ist ein solcher Gedanke aber erst jenen, die in einer vom Christentum durchformten Welt großgeworden sind.

Auf die moralischen und symbolischen Register des Christentums zurückgegriffen

Auch wenn Nolan kein christlicher Regisseur ist und sicher keinen christlichen Film drehen wollte, konnte er offenbar nicht anders, als auf die moralischen und symbolischen Register des Christentums zurückzugreifen, um seine Geschichte zu erzählen. Dasselbe gilt auch von Nolans „Gesetz des Zeus“, von dem bei Homer nirgends die Rede ist: Im Mitmenschen, im Fremden, ja sogar im Feind den potenziellen Gott und damit den göttlichen Funken zu sehen, ist fraglos ein christlicher Gedanke. Dass das einer nietzscheanischen Rechten, die sich nach der Inszenierung einer erbarmungs- und gewissenlosen „blonden Bestie“ sehnt, zuwider ist, verwundert nicht.

Dante hingegen hätte diesem reuigen Odysseus seine Untaten vielleicht sogar verziehen und ihn aus dem achten Höllenkreis in den Limbus verlegt, wo unter den ungetauften Kindern und Gerechten auch die trojanischen Helden Hektor und Aeneas wandeln.

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