Augenzwinkernd schildert der flämische Autor Felix Timmermans (1886–1947) seine naiv liebenswerten Figuren: etwa das schüchtern in den Gärtner Martinus verliebte Beginchen Symforosa oder den verschmitzten, lebensseligen Bauern Pallieter, der „die Tage melkt“ und Gott in den vielfältigen Schönheiten seiner Schöpfung erfährt. Es bleibt keine Falschheit zwischen den Menschen, alles renkt sich wieder ein. Das Idealbild menschlicher Erfüllung als irdische Harmonie und himmlische Aufgehobenheit zugleich, das Timmermans in seinen Romanen und Erzählungen zeichnet, hat als Hintergrund meist seine flämische Heimatstadt Lier, so wie er sie sich in seligeren Zeiten dachte.
Es ist also ein ideales Lier der Imagination, ein Sehnsuchtsbild, das Timmermans schildert. In diesem Städtchen, das von der Kleinen und der Großen Nete sowie der Afleidingsvaart wie eine Insel schützend umflossen wird, kann man noch Orte finden, die ihn dazu inspiriert haben. Er selbst hat mit dem Text „Aus dem schönen Lier“ eine Liebeserklärung an seine Stadt geschrieben, der er nur einmal für längere Zeit fernblieb, als er von 1918 bis 1920 ins Exil nach Holland auswich, weil ihm wegen seines Aktivismus für die flämische Emanzipation Bestrafung drohte. Wie es sich für eine flämische Stadt gehört, ist der Große Markt ihr Mittelpunkt.
An den ihn umgebenden Stufengiebeln herrschaftlicher Bürgerhäuser mit der Vielfalt ihrer Gesimse, Blendnischen und bekrönenden Obelisken kann man sich nicht sattsehen. Rathaus und Belfried, dessen spitze Turmhaube schlank wie ein Pfeil zum Himmel zielt, zeugen von altem Handwerker- und Handelswohlstand. Es klappern keine Holzschuhe mehr auf dem Pflaster und keine Schubkarren rattern darüber wie zu Timmermans’ Zeit, doch die betulich-lebensfrohe Stimmung findet sich noch in den alten Gassen. Es stimmt wohl auch heute, was er über seine Heimatstadt geschrieben hat: „Lier reimt sich nicht umsonst auf Bier und Pläsier.“ Stiller wird es bei der etwas abseits gelegenen gotischen Sint-Gummaruskerk, die dem Einsiedler geweiht ist, der im 8. Jahrhundert mit seiner Klause den Anstoß für die Ansiedlung gegeben hat, aus der sich die Stadt entwickelte.
Irdische Harmonie und Hinwendung zu Gott
Im Beginenhof, dessen Umfriedung 150 Beginenwohnungen und eine eigene üppig barocke Kirche umschließt, wird es noch stiller. Es gibt dort zwar keine Beginen – also keine frommen Frauen, die ohne Klostergelübde in einer religiösen Frauengemeinschaft leben – mehr, aber die Stimmung wirkt weiterhin andächtig. „Die Stille ist wie Öl“, so das Sprachbild von Timmermans für die Ruhe, die einen die Stimme senken lässt. Man betritt die Gassen dieses von der Stadt getrennten Bereichs durch ein prunkvolles Portal, über dem eine Statue der heiligen Begga wacht.
Die wieder bewohnten Häuschen ducken sich meist mit ihrem kleinen Vorgarten hinter hohen Mauern. In schmalen Durchgängen wie dem mit dem putzigen Namen „Hemdsmouwken“ („Hemdsärmelchen“) oder der Hellestraat kann man wie Timmermans das Beginchen Symforosa vor dem geistigen Auge entlangschreiten sehen. In der Hellestraat ist auch das Ruusbroechuisje, in dem Timmermans zusammen mit anderen namhaften Künstlern die Gruppe „De Pilgrim“ („Der Pilger“) gründete, die sich einen Aufschwung der katholischen flämischen Kunst zur Aufgabe machte. Man wollte ihr wieder „den Platz im kulturellen Leben geben, der ihr rechtmäßig zukommt“, wobei „jedes Werk im künstlerischen und geistlichen Sinne eine Etappe sein soll auf der Pilgerschaft zu Gott“, so das Gründungsmanifest von Neujahr 1926.
Formuliert ist auch hier die Spannung, in der Timmermans’ Werk sich entfaltete, zwischen der gläubigen Hinwendung zum Göttlichen und dem Streben nach irdischer Harmonie, wozu für ihn die Gleichberechtigung der Flamen im von der französisch sprechenden Wallonie dominierten Belgien gehörte.
Wo man aus der Hellestraat in die breite Grachtkant abbiegt, kommt man vorbei am zeitlos träumenden Häuschen mit dem Namen „’t Soete Naemken“, also auf Deutsch „Der süße Name“, beziehungsweise „Der heilige Name Jesu“, was allerdings die warme Zugeneigtheit, die durch das Flämische spricht, nicht wiedergibt.
Dort beginnt eine lange Häuserflucht mit Gärten auf der Rückseite, die an der Seitenpforte des Beginenhofs endet. Im letzten Haus mit dem Namen „’t Letste Avondmael“ hatte Timmermans ein Arbeitszimmer, in das er sich gerne zurückzog, meist aber gar nicht, um zu arbeiten. Er suchte in diesem abgeschiedenen Häuschen, das noch einmal eine Stillekapsel in der Stille des Beginenhofs war, ein Jenseits, wo er die „ganze wirkliche Welt vergessen“ konnte, wie er der Künstlerin Béatrice du Vinage erklärte. Auch seinen Pallieter lässt er eine Stille erfahren, die religiös stimmt, denn sie ist „überreich an innerlichem Frieden“ und „wie zum Beten“.
Durch die Seitenpforte gelangt man auf den Wall, der von einer Allee ausladender alter Baumriesen beschattet die Stadt entlang der Nete umrundet. Und es öffnet sich dort der Stadtpark, wo sich das üppige Grün im Wasser der beiden Neten spiegelt, die sich hier verschlingen. Dies ist Pallieterland, in dem Timmermans sich direkt am Deich das bäuerliche Anwesen „Reinaert“ der lebensfrohen Hauptperson seines bedeutendsten Romans gedacht hat. Mit einem schönen Bild lässt er Pallieter in der von der Natur gespendeten Fülle ein Gottesgeschenk erkennen. „Wir wollen seine Früchte essen!“ sagt er beseligt zu seinem Mariechen, „Und er presst mit beiden Händen eine große Traube in ihren offenen Mund.“ Darunter hat Timmermans eine Vignette gesetzt mit zwei Männern, die schwer an einer riesigen, über eine Stange hängenden Weintraube tragen. Es ist ein Bild, das in seinem gesamten Werk wiederkehrt.

Die Anregung für dieses Bild mit den Traubenträgern hat ihm das Giebelrelief eines Gasthauses gegeben, das unweit seines Arbeitszimmers am Beginn der Begijnhofstraat zu finden ist und schon seit dem 17. Jahrhundert dort bestand. Seine Vignette ist eine getreue Nachzeichnung des Reliefs. Das Gasthaus heißt „Het Belofte Land“ („Das Gelobte Land“), für das die beiden Traubenträger mit der überreichen Ernte, die sie heranschleppen, symbolisch stehen, denn es sind die von Mose ausgesandten Männer, die nach vierzigtägiger Erkundung des Landes Kanaan mit köstlichen Früchten zurückkehrten (Num 13, 21–26). Wenn Timmermans aus der meditativen Stille seines Arbeitszimmers hierherkam, fand er den zweiten Pol seiner Lebensspannung: die urwüchsige Lebensfreude in Gemeinschaft. Hier traf man deftige flämische Typen, wie er sie in seinen Geschichten auftreten ließ, und konnte die passenden Anekdoten dazu hören.
Damals wie heute klirren die Gläser und duften die Speisen im Schankraum mit roher Balkendecke und wohl auch schon von Timmermans abgenutzten Bodendielen. Die Gäste stecken an kleinen Holztischen die Köpfe über Frischgezapftem zusammen und plaudern mit ortstypischem melodischen Zungenschlag. Timmermans hat das Ineinander von Lebensfreude und Glaube, wie es in seinem idealen Flandern damals wohl noch verbreiteter war, in immer neue Formeln gefasst, etwa: „Auch hier lobt man Gott, aber mit einem Stück Speck im Mund“ oder „Mystik und Sinnlichkeit“ oder „Die Schenke neben der Kapelle“.
Das „Gelobte Land“ auf Flämisch
Es muss ihm plötzlich eingeleuchtet haben, dass der Name des Gasthauses und das ihn symbolisierende Bild der Traubenträger eine Chiffre bot, um auszusprechen, wofür die niederländische Sprache, auch in ihrer flämischen Variante, kein Wort hat: Heimat, hier und in der Ewigkeit. „Das Gelobte Land“ ist lebensweltlich und spirituell gemeint, lebensfrohe Hinwendung zur Welt und ihr Überstieg zur Transzendenz zugleich. Lebensweltlich gemeint, drückt es die gefühlsmäßige Bindung an Land, Sprache, Kultur und Tradition aus. Das Bild der Traubenträger ist damit aufgeladen als Symbol für eine nährende, beglückende Fülle. Letztlich war „Das Gelobte Land“, sofern es im Hier und Jetzt zu finden war, für ihn seine flämische Heimat, insbesondere Lier. Und wo anders eigentlich hätte also Jesus zur Welt kommen können?
So ist es dann auch seine Heimat, in die er mit seinem Buch „Das Jesuskind in Flandern“ (1917) die Weihnachtsgeschichte versetzt. Die Idee ging wohl auf einen frühen Eindruck zurück, der ihn bei einem Museumsbesuch in Antwerpen überwältigt hatte. Im Saal mit Werken von Pieter Bruegel konnte er bereits das Jesuskind in Flandern verbildlicht sehen: „Da hingen ‚Die Volkszählung in Bethlehem‘, der ‚Mord an den unschuldigen Kindern‘, der ‚Besuch der Drei Könige‘, und alles geschah inmitten unserer flämischen Landschaft, unseres Volkes, unseres Landes und unserer Bräuche.“ Ausführlich hat er sich mit dem Maler in einem Buch auseinandergesetzt, worin er ihn in einem Gasthaus mit dem Namen „Das Gelobte Land“ zur Welt kommen lässt, eine Chiffre, die er noch in seinem letzten Werk, der Gedichtsammlung „Adagio“, sprechen lässt.
Der Verfasser ist promovierter Erziehungswissenschaftler. Er arbeitet als freier Autor und Übersetzer.
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