Paris

Karikaturenstreit in Frankreich: Symbol eines „Rückschritts der Demokratie“

Nachdem die Redaktion der Zeitung Le Monde öffentlich bedauert, eine Karikatur des Zeichners Xavier Gorce publiziert zu haben, gibt dieser seine Stelle auf. Der aktuelle Streit zeigt erneut, wie sehr sich die aus den USA kommende „Löschkultur“ nun auch in Frankreich ausbreitet, meint der Figaro.
Streit im Karikatur in Le Monde
Foto: Ian Langsdon (EPA) | Nach der Publikation einer Zeichnung entzündete sich in den sozialen Netzwerken eine Kontroverse.

Mit den Worten „Die Freiheit ist nicht verhandelbar “ gab der Karikaturist Xavier Gorce seine Stelle bei der Tageszeitung Le Monde auf. Der Figaro hält die durch die Zeitung ausgelöste Kontroverse für das „Symbol eines ebenso beunruhigenden wie gefährlichen demokratischen Rückschritts“.

Zwei Pinguine, wie es seine Gewohnheit ist

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Worum geht es? Le Monde hatte in seinem Newsletter vom 19. Januar eine Zeichnung von Xavier Gorce veröffentlicht, in der dieser, wie es seine Gewohnheit ist, zwei Pinguine auftreten lässt. Der kleine Pinguin fragt den großen: „Wenn ich von dem Adoptiv-Halbbruder der Lebensgefährtin meines Transgender-Vaters, der meine Mutter geworden ist, missbraucht wurde – ist das dann Inzest?“ 

Nach der Publikation dieser Zeichnung entzündete sich in den sozialen Netzwerken eine Kontroverse, bei der viele Nutzer die Zeichnung einerseits als „transphob“ bezeichneten, andererseits „als beleidigend gegenüber den Menschen, die zum Opfer von Inzest geworden sind“, in Anspielung an die jüngsten Ereignisse um den Politologen Olivier Duhamel. Als Reaktion darauf habe Le Monde eine Entschuldigung in Form einer Stellungnahme herausgegeben, in der darauf hingewiesen wird, dass „diese Zeichnung mit einer deplatzierten Wortwahl gegenüber den Opfern und Transgender-Personen tatsächlich als Relativierung der Schwere von Inzesthandlungen gelesen werden kann“.

Verdient die Karikatur den Skandal?

Doch die Karikatur verdiene zunächst keinen derartigen Skandal, denn beleidigend sei sie nicht, befindet der Figaro. Man könne sie natürlich als „Spöttelei“ verstehen, „aber auch als eine Kritik an all jenen, die auf die eine oder andere Art den Inzest und die Pädophilie relativieren“. Diese Erklärung habe der Künstler jedenfalls gegenüber dem Magazin „Le Point“ abgegeben.

Doch ob dieses Bild nur schockierend oder nicht ist, sei letztlich völlig zweitrangig, kommentiert der Figaro. Von Belang bei dieser Geschichte sei allerdings, dass sie eine Aussage macht über „die Einfuhr nach Frankreich einer puritanischen und freiheitsbedrohenden Kultur, die aus den Vereinigten Staaten kommt und die sich der ganzen französischen Geschichte und Kultur widersetzt und auf radikale Weise unsere Vorstellung von der Meinungsfreiheit infrage stellt“. Denn in den Vereinigten Staaten „sind die Zensur und die Bannflüche gegen alle, die ‚problematische‘ Aussagen machen, heute in den sozialen Netzwerken wie auch anderswo die Norm. Das Phänomen der ‚cancel culture‘ betrifft alle Bereiche der Gesellschaft“. Das Drama sei nun, dass dieser „Puritanismus, der unserer Kultur völlig fremd ist, Frankreich gerade überflutet“. 

Bürger treiben Intoleranz voran

Das Schlimmste daran sei, dass diese „Kultur der Zensur und der Intoleranz von den Bürgern selbst vorangetrieben wird, die sich fortan zu Staatsanwälten der Tugend und dessen machen, was man sagen darf und was nicht, was zumutbar ist und was nicht“. Im Namen einer „verlogenen Moralordnung“ ersticke „ein bleierner Mantel gerade die öffentliche Debatte in Frankreich. Alle ein wenig provokativen Äußerungen werden sofort als Hassrede betrachtet und jede kritische Stellungnahme über die eine oder andere Minderheit wird als diskriminierend interpretiert. Die cancel culture demoralisiert die öffentliche Debatte derart, dass alle ‚abweichenden‘ Äußerungen kriminalisiert werden. Sie ähnelt einer neuen Form des nichtstaatlichen Totalitarismus, der die öffentliche Diskussion reguliert, jede unangepasste Bemerkung bedroht und die Meinungsfreiheit all ihrer Substanz entleert“. Doch „die Freiheit ist nicht verhandelbar“, wie Gorce feststellte.  DT/ks

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