Lourdes

„Was haben Sie da nur gemacht, Herr Tucholsky?“

Kurt Tucholsky hat Joris-Karl Huysmans plagiiert, um einfacher über Wunder und Massen in Lourdes schreiben zu können. Huysmans Übersetzer, Hartmut Sommer, ist Tucholsky auf die Schliche gekommen.
Joris Karl Huysmans Joris Karl Huysmans 1848 1907 French Writer Boissonas and Taponier Photo Photo
Foto: imago images | Huysmans schrieb über Lourdes 20 Jahre vor Tucholsky.

Lourdes, der berühmte Wallfahrtsort in den Pyrenäen, hat mit religiösen Massenkult und Berichten über außerordentliche Heilungen stets fasziniert und in der Literatur auch skeptischen Widerspruch hervorgerufen. Unter anderem war der französische Schriftsteller Émile Zola selbst vor Ort, um sich ein Bild vom Geschehen dort zu machen. In seinem 1894 erschienenen Roman „Lourdes“ deutet er die von Gläubigen als Wunder betrachteten Heilungen, von denen er bei seinem Aufenthalt gleich zwei ungewöhnliche selbst miterleben konnte, als Ergebnis der Massenhysterie einer religiös erregten Menge.

Erstmals auf Deutsch

Joris Karl Huysmans Joris Karl Huysmans 1848 1907 French Writer Boissonas and Taponier Photo Photo
Foto: imago images | Huysmans schrieb über Lourdes 20 Jahre vor Tucholsky.

Joris-Karl Huysmans, der zeitweise Zolas literarischer Weggefährte war, hat ihm mit seiner Reportage „Les foules de Lourdes“ von 1906 widersprochen und die beeindruckenden, aber auch die negativen Seiten des Wallfahrtstreibens beschrieben. Das Buch liegt nun in meiner Übersetzung unter dem Titel „Lourdes – Mystik und Massen“ erstmals auf Deutsch vor. In der deutschsprachigen Literatur ist neben Franz Werfels 1941 erschienenem Roman „Das Lied von Bernadette“, der sich mit der Seherin von Lourdes befasst, vor allem Kurt Tucholskys Reisebericht „Ein Pyrenäenbuch“ von 1927 als literarische Verarbeitung des Lourdes-Phänomens bekannt.

Ein Vergleich der Texte des zum Katholizismus konvertierten Huysmans und des antiklerikalen Sozialisten Tucholsky schien lohnend zu sein. So nahm ich mir nach Fertigstellung meiner Huysmans-Übersetzung noch einmal Tucholskys Pyrenäenbuch vor, genauer gesagt, das Lourdes-Kapitel darin, das mit vier Abschnitten und einem Drittel des Textumfanges das weitaus längste des Buches ist. Einen übersetzten Text hat man wie einen eigenen gegenwärtig, sodass die Ähnlichkeit des Lourdes-Kapitels von Tucholsky mit dem Buch von Huysmans unmittelbar ins Auge springen musste.

Der zweite und dritte Abschnitt geben sich als authentischer Bericht über den Wallfahrtsort, den Tucholsky während einer Reise durch die Pyrenäen im Spätsommer 1925 zusammen mit seiner Frau Mary besucht hat.

Bei Tucholsky gerät die religiöse Atmosphäre zu kurz

Tucholskys Biograph Rolf Hosfeld bescheinigt ihm: „Mit dem geübten Blick eines Theaterkritikers erzählt Tucholsky im ,Pyrenäenbuch‘ die Dramaturgie des Wunderspektakels eines ganzen Tages.“ Doch wie lange war Tucholsky wirklich selbst dort und was hat er selbst beobachtet, muss man sich fragen. Die meisten Beschreibungen jedenfalls sind offenbar von Huysmans Lourdes-Buch übernommen, als sehr eng daran angelehnte Wiedergabe oder als sehr ähnliche Paraphrase. Einige Beispiele mögen das belegen:

Tucholsky: „Es ist eine kleine Felsgrotte, ein paar Meter tief, mit einem schmiedeeisernen Gitter. ,Entrée‘ und ,Sortie‘ steht daran, auf blauen Emailschildern in weißer Schrift; einen Augenblick lang zieht ein Straßenschild an meinem Auge vorüber…“

Huysmans: „Schade, dass sie [die Grotte] so organisiert ist mit ihrer eingefassten Quelle, deren Wasser in Leitungen verborgen ist wie gewöhnliches Wasser, mit ihren Gittern wie in öffentlichen Gärten und blauen Emailleschildern, vergleichbar mit denen an unseren Straßenecken, auf denen in weißer Schrift auf der einen Seite ,Eingang‘ und auf der anderen ,Ausgang‘ steht.“

Die Indizien sprechen für sich

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Tucholsky: „Aus einer Ecke springt es auf, wer hat zuerst gerufen –? ,Un miracle!‘ Un miracle!‘ ... Alle laufen, da ist kein Halten mehr. […] Die Pilger würden die geheilte Kranke zu Boden reißen, sie betasten wollen, ihren Segen wünschen, sich Kleider teilen zum Andenken.“

Huysmans: „Man überschaut das Geschehen und kann sehen, wenn ein Kranker plötzlich mit erneuerter Kraft aufsteht und von den herbeieilenden Krankenträgern umringt wird, um ihn gegen die Verrücktheit der andrängenden Menge abzuschirmen, die ihm die Kleider als Reliquien vom Leib reißen würde.“

Tucholsky: „Eine Verkrüppelte hat unter Glas und Rahmen die braunen Nägel aufbewahrt, die ihr durch die Hand gewachsen waren und von denen sie nun befreit ist.“

Huysmans: „Unter einem gewölbten Glas im Rahmen zeigt es einige Knochenstücke und grauenvolle Krallen, die aussehen wie die versteinerten Krallen eines Leoparden. Es sind die Fingernägel einer Frau, deren Arm jahrelang gelähmt war, sodass sich die Finger steif nach innen gebogen hatten und ihre Nägel krumm in das Fleisch des Handtellers eingewachsen waren.“

Details wie die blauen Emailleschilder, die Kleider, die den Heilungsaspiranten als Reliquien vom Leib gerissen werden, und dass sich Tucholsky aus der unüberschaubaren Vielzahl der Votivtafeln wie Huysmans genau diese herausgreift, all das spricht für sich.

„Man ist doch sehr überrascht zu sehen,
wie freizügig sich Tucholsky bei Huysmans bedient hat“

Besonders bemerkenswert ist, dass er vorgibt, selbst erlebt zu haben, was er bei Huysmans gelesen hat: Er schreibt: „Jemand beklagt sich über die ,Engländer, die alles für sich haben wollen, die besten Plätze, die Spitze bei den Prozessionen‘ – und die dann nach ein paar Tagen die ganze Geschichte satt bekommen und Ausflüge in die Umgebung machen.“ Und bei Huysmans lautet die entsprechende Stelle: „Ein Priester, den ich kenne und der in Lourdes lebt, sagt zu mir: ,Diese Engländer da drängen sich überall vor, beanspruchen die besten Plätze und wollen an der Spitze der Prozessionen gehen. Aber keine Sorge, ihre Schamlosigkeit wird Sie nicht mehr lange stören. Übermorgen gehen sie alle auf Exkursion.‘ Sie haben wenige oder keine Kranken mitgebracht, eigentlich sind sie mehr Touristen als Pilger.“

Was bei Huysmans bildkräftig, ist im Plagiat oft kümmerlich

Oft gerät die Übernahme des Huysmans'schen Berichtes, der das Gesehene dem Leser bildkräftig und vieldimensional vor Augen stellt, bei Tucholsky nur noch zu einer kümmerlichen Schrumpfform. Tucholsky etwa schreibt: „Die ganze Luft riecht nach Vanille“, während uns Huysmans geradezu in das volkstümliche Treiben versetzt: „Über allem hängt der Geruch von Vanille in der Luft. Die Bergbewohner verpesten Lourdes, indem sie von morgens bis abends mit Bündeln von Vanilleschoten umhergehen, deren Essenz schon von Konditoren und Parfümeuren abgezogen wurde, die man aber betrügerisch mit einigen Tropfen Duftstoff aufgefrischt hat.“

Tucholsky berichtet von den Bädern: „Das Wasser ist fettig und bleigrau. Wunden, Eiter, Schorf, alles wird hineingetaucht“, während man bei Huysmans liest: „Das Wasser ist eine abscheuliche Brühe geworden, eine Art graues, blubberndes Abwaschwasser, und rote und weißliche Blasen schwimmen in diesem geschmolzenen Zinn, in das man weiter Menschen eintaucht.“

Tucholsky beschreibt, was er nicht selbst sehen konnte

Ungereimt ist auch, dass Tucholsky berichtet, niemand dürfe während der Bäder den Innenraum betreten, dann aber das Geschehen dort schildert, nämlich so, wie er es bei Huysmans, der als Gast der Wallfahrtsleitung überall Zutritt hatte, lesen konnte. So weiß er etwa: „Ein kleiner Junge schreit, er will nicht gebadet werden“, weil er nämlich bei Huysmans folgende Stelle fand: „Die Krankenträger drehen sich um, fürchterliche Schreie sind jetzt zu hören, die Schreie eines unglücklichen Kindes, das inständig darum fleht, bloß nicht wieder ins Bad zu müssen!“ Dem als Schnell- und Vielschreiber bekannten Tucholsky fehlten offenbar eigene Eindrücke, als er nach seiner Rückkehr das „Pyrenäenbuch“ verfasste, weil er wohl wenig Lust gehabt hatte, die religiöse Atmosphäre des Wallfahrtortes zu nahe an sich herankommen zu lassen. Der authentischste Teil seines Lourdes-Kapitels ist denn auch die Beschreibung eines Besuchs der Burg mit dem volkskundlichen Museum, von dem aus man in sicherem Abstand von der Stadt und dem heiligen Bezirk auf das Prozessionstreiben dort hinabschauen kann.

Viel Zeit für Lourdes selbst blieb dann wohl nicht. Huysmans, der sich 1903 und 1904 mehrere Wochen in Lourdes aufgehalten hatte, bot ihm mit seinem Buch ja genügend Stoff. Tucholsky gibt es sogar zu, indem er bekennt: „Vieles hiervon steht bei Huysmans.“ Er konnte einigermaßen sicher sein, dass man nicht entdecken würde, wie sehr er sich auf Huysmans stützte, denn dessen Buch war bereits zwanzig Jahre zuvor erschienen und nie ins Deutsche übersetzt worden. In der Zeit der deutsch-französischen Feindschaft gab es in Deutschland wenig Interesse für den Marienwallfahrtsort, in dem die Franzosen ein Symbol ihres nationalen Wiederaufbruchs sahen. Selbst dem deutschen Episkopat war das Treiben dort nicht geheuer. Warum auch sollte die Gottesmutter ausgerechnet beim „Erbfeind“ erschienen sein?

 

Dem religiösen Geschehen am Wallfahrtsort steht der Agnostiker Tucholsky naturgemäß verständnislos gegenüber. So verblasst bei ihm etwa eine lange Passage von Huysmans zum geheimen Leben und zur Symbolik der Opferkerzen, eine der schönsten des Buches, zu einem nichtssagenden Einzeiler über tropfendes Stearin, das „merkwürdige Figuren“ bildet. Aber so etwas interessierte ihn offenkundig auch wenig, denn der Bericht über das Wallfahrtsgeschehen ist ihm nur Anlass und Auftakt für einen deutlich längeren, eher essayistischen Abschnitt, mit dem er die Heilungen und die Spiritualität am Wallfahrtsort als ein Phänomen der magischen Handlung und der Massensuggestion, wie sie unter anderem Sigmund Freud untersuchte, entlarven wollte. Émile Zola hat seinem Roman über Lourdes dasselbe Erklärungsmuster zugrunde gelegt. Huysmans bringt in seinem Buch Argumente, die der Suggestionshypothese widersprechen, etwa dass sich außerordentliche Heilungen auch ganz abseits der großen Prozessionen und Massenaufläufe ereignen; das aber ist ein anderes Thema.

Tucholsky hatte die sozialistische Perspektive

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Interessant ist dagegen noch, was Tucholsky von seiner Vorlage ausblendet und wie er damit den Gesamteindruck, den Huysmans nach zwei sehr ausführlichen Besuchen von Lourdes gewonnen hat, verfälscht. Genüsslich zitiert Tucholsky dessen scharfe Kritik an Architektur und Kunst in Lourdes, die dem französischen Ästhetizisten tatsächlich ein Gräuel waren. Er beruft sich auch auf Huysmans Abscheu vor den Auswüchsen des in dessen Augen Massenphänomens Lourdes. Doch unterschlägt er bei all dem – sicherlich, weil es nicht zu seinem antiklerikalen Blickwinkel gepasst hätte – die zweite von Huysmans in ihrer ganzen Würdigkeit betonte Seite der Wallfahrtsstätte. „Lourdes ist also“, liest man nämlich bei ihm, „ein Fürstentum, in dem die kühnsten Träume der Philanthropen Wirklichkeit geworden sind, und noch weit mehr: Es ist die zeitweise Verschmelzung der Klassen. Die Frau von Welt verbindet und wäscht die Arbeiterin und die Bäuerin, der Herr in gehobener Stellung wird Tragesel für den Handwerker und den Landmann, fungiert als Badehelfer in ihrem Dienst. Die Armen werden beherbergt, verpflegt, gebadet und umsorgt um der göttlichen Gnade willen. […] Der Traum einer fürsorglichen Gesellschaft, in Lourdes wird er jedes Jahr für einige Monate wahr.“

TUCHOLSKY Kurt Portrait de Kurt TUCHOLSKY (1890-1935). Photographie annees 30. Credit : Collection KHARBINE-TAPABOR. ***
Foto: imago images | Kurt Tucholsky hat Lourdes 1925 besucht.

Man ist doch sehr überrascht zu sehen, wie freizügig sich Tucholsky bei Huysmans bedient hat, wenn man sich die Plagiatsaffäre um die Schriftstellerin Irmgard Keun (1905–1982) vergegenwärtigt. Sie hatte gehofft, Tucholsky könnte ihr helfen. Aber stattdessen wies er die junge Autorin, die sich hilfesuchend an ihn gewandt hatte, mit paternalistischem Gestus zurecht. Es ging darum, den von dem Romanschriftsteller Robert Neumann (1897–1975) erhobenen Vorwurf zu entkräften, sie habe ihren Roman „Das kunstseidene Mädchen“ von dessen Roman „Karriere“ abgeschrieben. Tucholsky als anerkannte Stimme im Literaturbetrieb hätte die Wogen vermittelnd glätten können, stellte sich aber schroff auf die Seite von Neumann. „Ich muss den Vorwurf für richtig ansehn. Liebe Frau Keun, was haben Sie da nur gemacht –!“ schieb er ihr am 16. Juli 1932, keinen Widerspruch duldend.

Kühle und ungerechte Abmahnung

Dabei sind seine Argumente, mit denen er den Plagiatsvorwurf bestätigt, reichlich hergeholt. Sie beziehen sich allein auf den Stil. Der „Ton“ sei es vor allem, den sie von Neumann übernommen habe: „Wie da alles Intime als bekannt vorausgesetzt wird, wie vierzehn Sachen mit einemmal erzählt werden … alles, alles wie bei Neumann. Ich bin ganz entsetzt gewesen, als ich das gelesen habe.“ Neumann selbst hat den Plagiatsvorwurf viel später zurückgenommen und auch die Literaturwissenschaft weist ihn zurück (Kerstin Barndt, Beate Kennedy). Der jungen Autorin aber hat Tucholsky mit seiner kühlen und ungerechten Abmahnung zweifellos erheblich geschadet. So möchte man ihm, seine eigenen Worte verwendend, zu seinem Lourdes-Text posthum mitgeben: Was haben Sie da nur gemacht, Herr Tucholsky? Alles, alles wie bei Huysmans – dabei noch einseitig ausgewählt und umgedeutet.


Der Autor ist Übersetzer und Verfasser des Nachworts der ersten deutschen Übersetzung von Joris-Karl Huysmans: Lourdes – Mystik und Massen. Lilienfeld-Verlag, Düsseldorf 2020.

 

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