Rom/Mailand

Italienische Intellektuelle protestieren gegen genderneutrales „schwa“-Symbol

Das „schwa“-Symbol soll die italienische Sprache inklusiver machen. Zahlreiche Intellektuelle fürchten negative Auswirkungen für Literatur und Poesie.
Petition gegen genderneutrale Sprache in Italien
Foto: Brandon Chew via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Mit einer Online-Petition protestieren führende italienische Intellektuelle gegen die sich ausbreitende Verwendung des sogenannten „schwa“-Symbols, das die italienische Sprache inklusiver machen soll. In der Schriftsprache ist dieses neue Zeichen als auf dem Kopf stehendes „e“ erkennbar. Gesprochen wird es eher wie ein „a“-Laut. Die Pluralform des „schwa“-Symbols wird mit der Zahl 3 notiert. Das Symbol schließt Männer, Frauen und Menschen, die sich als nonbinär identifizieren, ein.

Entgegen der natürlichen Sprachentwicklung

Ein Beispiel für die Verwendung des „schwa“-Symbols ist die Bezeichnung „Professor” (mit auf dem Kopf stehenden "e" am Ende) im Singular oder „Professor3” im Plural. Vor allem in offiziellen Dokumenten findet das „schwa“ immer häufiger Anwendung. Gegner des „schwa“-Symbols argumentieren, dass es der natürlichen Sprachentwicklung entgegenstehe, die sich organisch über die Jahrhunderte vollzogen habe. 

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Sorge äußerten die Unterzeichner der von Massimo Arcangeli, Professor für Linguistik an der Universität von Cagliari, initiierten Petition auch im Hinblick auf die Bereiche der Poesie und der Literatur, die durch das eher technisch wirkende Symbol Bedeutungsverluste erleiden könnten. 

Bislang wurde die Petition von 14.000 Personen unterzeichnet, darunter Claudio Marrazzini, Präsident der Academia della Crusca, der weltweit ältesten linguistischen Institution, sowie dem Philosophen Massimo Cacciari, der Poetin Edith Bruck und dem Historiker Alessandro Barbero. 

Auch die Tageszeitung „Corriere della sera“ teilt die Befürchtungen, der Gebrauch des genderneutralen Symobls könne sich negativ auf Poesie und Literatur auswirken. In ihrer Berichterstattung verweist die Zeitung darauf, dass die heterosexuellen Liebesgedichte etwa von Giacomo Leopard durch die Verwendung des „schwa“ Symbols unverständlich würden. Kritisiert wird auch, dass in diesem Zusammenhang ein Verschwinden weiblicher Formen von Worten wie Direktor, Autor, Maler etc. zu erwarten sei. Deren Entwicklung habe Jahrhunderte gedauert.

"Frucht eines überflüssigen trendgeleiteten Konformismus"

Die Autoren der Online-Petition bezeichnen das „schwa“-Symbol als „Frucht eines überflüssigen trendgeleiteten Konformismus“. Dieser habe zum Ziel, „unter dem Vorwand der Inklusion die sich über Jahrhunderte erstreckende sprachliche und kulturelle Entwicklung zu zerstören.“

Die Autorin Michaela Murgia hingegen rechtfertige die Verwendung des „schwa“-Symbols: Dessen Beziehung zum Sexismus in der Sprache ähnele der Beziehung der Impfung zu Covid. „Die Impfung bewirkt nicht das Verschwinden des Virus, sie kann es nicht kurieren, aber sie trägt dazu bei, dass Antikörper gebildet werden.“  DT/bst

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