Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Filmrezension

"Maestro": Leider kein filmisches Opus Magnum

Bradley Coopers Netflix-Biopic über die Dirigentenlegende Leonard Bernstein startet furios und endet eintönig.
Kinostart - "Maestro"
Foto: Jason McDonald (Netflix) | Bradley Cooper als Leonard Bernstein in einer Szene des Films «Maestro». +++ dpa-Bildfunk +++

Den großen Regie-Maestros Steven Spielberg und Martin Scorsese ist es zu verdanken, dass es mit „Maestro“ nun auch ein großes Biopic über einen weiteren, wahren Maestro gibt: den US-amerikanischen Dirigenten Leonard Bernstein (1918-1990). Spielberg und Scorsese sorgten als Produzenten dafür, dass der im Jahre 1990 verstorbene Musiker mit Hilfe des Streaminggiganten Netflix und Bradley Cooper („The Hangover“) als Regisseur und Hauptdarsteller, endlich ein filmisches Denkmal bekommt. 

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„Maestro“ sorgte schon im Vorfeld für Diskussionen

Das Ergebnis gibt es seit Mittwoch, dem 20. Dezember, bei Netflix zu sehen – zudem lief der Steifen bereits zwei Wochen zuvor in ausgewählten Kinos, um sich Chancen bei der kommenden Oscarverleihung einzuräumen. Denn Bernstein spielte für Hollywood, unter anderem als Komponist des Musicals „West Side Story“, eine sehr wichtige Rolle. 

Ursprünglich sollte eigentlich Spielberg bei dem Projekt selbst Regie führen und Bradley Cooper nur die Rolle von Bernstein übernehmen. Doch aufgrund terminlicher Engpässe und dem Erfolg von Coopers oscarprämiertem Regiedebüt „A Star is Born“ bat Spielberg schließlich seinen Hauptdarsteller, den Film selbst in Szene zu setzen. Dass Cooper für seine Darstellung des jüdischen Musikgenies eine künstliche Nasenprothese verwendete, um Bernstein möglichst ähnlich zu sehen, sorgte schon im Vorfeld bei einigen Kritikern für Unmut, da ihm dadurch die Förderung antisemitischer Stereotype vorgeworfen wurde. Bei solchen  Diskussionen fragt man sich unweigerlich, wer hier eigentlich wirklich Vorurteile hat und sich buchstäblich besser an seine eigene Nase fassen sollte. 

Eine komplexe, bisweilen tragische Persönlichkeit

Das strukturell eher klassisch konzipierte Biopic ist ein schneller Ritt durch die verschiedenen Stationen in der über vierzigjährigen Karriere des legendären Musikers. Leider werden dabei die einzelnen Stationen oft kontextlos und ohne jegliche Angaben von Jahreszahlen präsentiert, so dass man sich genötigt fühlt, bei Wikipedia nachzuschauen, um Ereignisse chronologisch zeitlich besser einordnen zu können. Nachdem seine Karriere durch einen Glücksfall Fahrt aufgenommen hat, wurde Bernstein als Musiklehrer, Klavierspieler, Komponist und Dirigent schon bald ein weltbekannter Star und eroberte verschiedenste Bereiche der Musik, vom Bühnenmusical, über klassische Konzerte bis hin zur Filmmusik. 

Im Vordergrund der Verfilmung von Bernsteins Leben und Werk steht dabei vor allem die komplexe Beziehung zu der gefeierten Schauspielerin Felicia Montealegre (Carey Mulligan), mit der er 27 Jahre lang bis zu ihrem Tod im Jahr 1978 verheiratet war und drei gemeinsame Kinder bekam. Die beiden waren einerseits Zeit ihres Lebens Seelenverwandte, andererseits, hatte ihre Ehe von Anfang an Risse und litt unter einer schweren Belastung: Denn Bernsteins bis zuletzt vor der medialen Öffentlichkeit geheim gehaltene Homosexualität, der er mit wechselnden jungen Liebhabern und diversen Affären heimlich auslebte, drohte ständig aufzufliegen, je berühmter der Maestro wurde und die gesellschaftliche Fallhöhe bei einer Entdeckung seiner Veranlagung immer größer wurde. So wurde Bernstein zu einem schizophrenen Leben in Lüge genötigt, dem er nicht entkommen konnte und dass er selbst vor seinen eigenen Kindern lange Zeit verheimlicht hat und ihnen eine harmonische Ehe vorspielte.

Carey Mulligan glänzt als Bernsteins Ehefrau

Carey Mulligan als Bernsteins Ehefrau bleibt dabei nicht nur eine Nebenfigur neben anderen an seiner Seite. Sie ist als Felicia Bernstein, neben dem hervorragend spielenden Bradley Cooper, das größte schauspielerische Highlight vom „Maestro“ und der heimliche Star des Films. Dank der bereits zweifach oscarnominierten Schauspielerin und ihres herausragenden, intensiven und nuancierten Spiels leidet man als Zuschauer in jeder Szene mit ihr: Ob als lebensfrohe, selbstbewusste, gebrochene, kämpfende oder sterbende Frau, bleibt sie stets der emotionale Anker des Films. Sie zeigt deutlich ihre seelische und emotionale Qual, ihren Mann einerseits nicht nur mit der breiten Öffentlichkeit, sondern auch mit anderen Männern teilen zu müssen und dabei ihren Gefühlen keinen freien Lauf lassen zu können, da die Wahrheit im Verborgenen bleiben muss. 

Ganz frei und in sich ruhend fühlte sich Bernstein als Komponist und Dirigent wohl nur auf der Bühne, wo er im Einklang mit sich und seiner Musik sein konnte, ohne sich ständig verstellen zu müssen. Um die Gefühlslangen von Bernstein überzeugend darzustellen, verwendete Cooper für seinen Film unterschiedliche Bildformate und in Schwarz-Weiß gehaltene expressionistische Bilder zur besseren Illustration der inneren Welt des Musikers und den Farbfilm zur Darstellung der Welt des Glanzes und des schönen Scheins, der letztlich doch nur eine bunte Fassade ist. Bei der Auswahl der Musik griff Cooper jedoch nur an wenigen Stellen auf Bernsteins imposantes Werk zurück, so dass man Bernstein viel zu selten als Dirigent oder Komponist bei der Arbeit sieht. 

Der furiosen Inszenierung geht am Ende die Luft aus

Insgesamt besticht „Maestro“ vor allem am Anfang durch eine erstaunliche Fülle an inszenatorischen Einfällen, was vor allem der dynamischen Kameraarbeit von Darren Aronofskys bereits zweifach oscarnominierten Stamm-Kameramann Matthew Libatique zu verdanken ist, der hier erneut nach „A Star is born“ mit Cooper zusammengearbeitet hat. Doch selbst wenn der Film noch recht rasant, berauschend und verspielt in Schwarz-Weiß beginnt, stellt sich spätestens im Wechsel zum Farbbild eine recht trockene Inszenierung und gähnende Langeweile ein. Das ist wirklich bedauerlich, denn angefangen bei den famosen Kulissen und dem beindruckenden Kostümdesign bis hin zu den über die Jahrzehnte grandios aussehenden Make-Up-Verwandlungen von Mulligan und Cooper, macht der Film alles richtig. 

Zudem inszeniert Cooper den Auftakt seines Films mit einer Wucht, die jenem wilden Dirigierstil Bernstein wohl recht nahekommen dürfte: Wenn der 25-jährige Musiker 1943, noch im Bett seines Partners liegend, den Anruf erhält, dass er kurzfristig für das New York Philharmonic Orchestra in der prestigeträchtigen Carnegie Hall als Dirigent einspringen soll, läuft er ungläubig aus der Zimmertür und findet sich direkt in den Fluren der Carnegie Hall wider, wo er dann ohne sichtbaren Schnitt nicht mehr im Schlafanzug, sondern direkt im Frack die Bühne betritt. Und wo Felicia gerade noch in intimer Zweisamkeit ihre Textzeilen für ein neues Theaterstück mit Leonard gemeinsam probt, geht die Szene plötzlich in ein jubelndes Publikum über. Ihre Verbeugung gegenüber dem Publikum gleitet sodann nahtlos in eine Verbeugung des bejubelten Dirigenten gegenüber seinem Publikum über. 

Doch dieses unglaubliche Tempo und den inszenatorischen Schwung hält „Maestro“ leider nicht lange durch und wird zunehmend generischer und eintöniger. Dem Lebenswerk von Leonard Bernstein, der so viele Meisterwerke schuf, wird durch „Maestro“ leider kein weiteres Meisterwerk hinzugefügt.

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Norbert Fink

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