Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Filmrezension

Film „Die Farbe Lila“: Eine moderne Passionsgeschichte

Die Neuverfilmung des Spielberg-Klassikers punktet trotz mancher Schwächen mit religiösem Tiefgang.
Kinostart der Neuverfilmung von „Die Farbe Lila“
Foto: - (Warner Bros. Entertainment) | Obwohl der neue Film ein eigenständiges Werk darstellt, kommt man nicht umhin, ihn mit dem Klassiker von 1986 zu vergleichen.

Lila ist eine meditative Farbe, die Spiritualität symbolisiert: Sie hat viele Nuancen, die die Vielfalt der Schöpfung und die Schönheit des Schöpfers widerspiegeln. Zudem ist „Die Farbe Lila“ auch der Titel eines mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Romans der US-amerikanischen Autorin Alice Walker aus dem Jahr 1982, der mittlerweile zu den Klassikern der Weltliteratur gehört.

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1985 adaptierte Steven Spielberg den Bestseller in seiner gleichnamigen Verfilmung, die stolze elf Oscarnominierungen erhielt, bei der Verleihung aber komplett leer ausging. Bis heute hält der Film damit den Rekord für die meisten Nominierungen ohne einen einzigen Sieg.  Dafür machte der Film die damals noch unbekannten Darstellerinnen Whoopi Goldberg und Oprah Winfrey weltberühmt. 2005 wurde „Die Farbe Lila“ schließlich als Bühnen-Musical neuinszeniert, lief drei Jahre lang erfolgreich am Broadway und wurde von 2015-2017 wieder aufgeführt.

Verzweifelte Briefe an Gott

Nun gibt es über 40 Jahre nach Erscheinen des Romans eine neue Version im Kino zu sehen. Wobei es sich bei „Die Farbe Lila“ aus dem Jahr 2023 weder um ein Remake der Spielberg-Verfilmung, noch um eine filmische Adaption der Musicals handelt, sondern um eine eigene Version von dem ghanaischen Rapper und Filmemacher Blitz Bazawule, die sich zwar stark an die Romanvorlage anlehnt, Spielberg (der hier als Produzent mitwirkt) und die Musicals zitiert, aber auch eigene Akzente in der Umsetzung der Geschichte setzt. Die Handlung des Romans und seiner Adaptionen ist dabei immer dieselbe: Die berührende, kraftvolle und erschütternde Südstaaten-Geschichte um Rassendiskriminierung, Ausbeutung, Inzest, häusliche Gewalt und weibliche Emanzipation ist auch eine Passionsgeschichte, in der es um den Glauben an Gottes Wirken und um Versöhnung und Erlösung geht.

Die Handlung spielt Anfang des 20. Jahrhunderts im US-Bundestaat Georgia. Die erst vierzehnjährige Celie Harris, Protagonistin und Ich-Erzählerin der Geschichte, beginnt eines Tages Briefe an Gott zu schreiben, da sie sonst niemanden hat, dem sie ihr Leid klagen kann: Ihr Vater missbraucht sie regelmäßig. Um ihre jüngere Schwester Nettie vor ähnlichen Übergriffen des Vaters zu schützen, wehrt sie sich nicht gegen die Vergewaltigungen und wird zweimal von ihm schwanger, wobei er die Kinder jedes Mal nach der Geburt weggibt und Celie im Unklaren über ihr Schicksal lässt. Eines Tages verkauft er Celie an einen ihr völlig fremden, verwitweten Mann, den sie nur „Mister“ nennen darf und für den sie fortan als Ehefrau den Haushalt führen, seine sexuellen Bedürfnisse befriedigen, seine Kinder erziehen und die Feldarbeit erledigen muss.

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Ihre Ehe ist die Hölle, denn ihr Ehemann erweist sich als ein Teufel in Menschengestalt: Er schlägt und missbraucht sie, doch Celie fehlt es an Kraft und Mut, sich gegen seine ständigen Demütigungen aufzulehnen. Nur für kurze Zeit wendet sich ihr Leben zum Besseren, als ihre Schwester Nettie bei ihr Zuflucht vor den Übergriffen des Vaters findet. Doch es dauert nicht lange und auch Celies Ehemann macht sich an Nettie heran. Da sie sich wehrt, muss sie fliehen, verspricht aber Celie, ihr regelmäßig zu schreiben. Doch „Mister“ gelingt es, alle Briefe rechtzeitig abzufangen und vor Celie zu verstecken, so dass sie irgendwann glaubt, dass ihre Schwester nicht mehr am Leben ist.

Eines Tages bringt Mister seine Geliebte Shug Avery ins Haus. Celie ist sofort fasziniert von der schönen und selbstbewussten Jazz-Sängerin. Als Shug erkrankt, pflegt Celie sie und die beiden ungleichen Frauen werden zu Freundinnen. Durch sie und Sofia, die Frau ihres Stiefsohnes, lernt Celie, dass körperliche Liebe nichts mit Gewalt zu tun hat, und sie gewinnt auf ihrem Weg der Emanzipation an Selbstwertgefühl.

Spielbergs Schatten ist groß

Als Celie eines Tages die unzähligen Briefe von Nettie entdeckt, erfährt sie aus ihnen, dass ihre Schwester lebt und inzwischen mit Celies beiden Kindern bei Missionaren in Afrika untergekommen ist. Dank ihres zunehmenden Selbstbewusstseins bringt Celie schließlich nach über 25 Jahren den Mut auf, ihren gewalttätigen Ehemann zu verlassen, ein neues, glücklicheres Leben zu beginnen und sich mit ihrer Vergangenheit zu versöhnen. Und so wird aus Celies Leidensgeschichte eine Geschichte der Befreiung und der Selbstfindung einer Frau, die aus ihrem Glauben heraus stets würdevoll ihr schweres Schicksal erträgt. Auch die neueste Verfilmung wartet neben guten männlichen Darstellern, allen voran Colman Domingo als „Mister“, wieder mit einer großen Palette an starken Frauenfiguren auf. Celie wird von der Sängerin Fantasia Monique Barrino-Taylor gespielt, die diese Rolle bereits vor 16 Jahren in der Musicaladaption absolvierte. Nettie wird von „Arielle“-Darstellerin Halle Bailey verkörpert, als Shug ist Taraji P. Henson zu sehen und als Sofia wurde Danielle Brooks besetzt, die diesmal als einzige von dem Cast für den Oscar nominiert wurde.

Obwohl der neue Film ein eigenständiges Werk darstellt und sich als Musical deutlich von Spielbergs Filmversion unterscheidet, kommt man nicht umhin, ihn mit dem Klassiker von 1986 zu vergleichen und zugeben zu müssen, dass Spielberg ein besseres Händchen für die Umsetzung des Romans und die Auswahl der Schauspieler bewiesen hat. Spielbergs Version verleiht den einzelnen Charakteren mehr Tiefe und nimmt sich deutlich länger Zeit, um die Beziehungen der einzelnen Figuren zu beleuchten: Zeit, die die neue Version auf der Erzählebene nicht hat, weil der Film voll ist mit Musical-Einlagen, die die Handlung mitunter nicht voranbringen, sondern eher unterbrechen und keinen wirklichen Mehrwert bieten.

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Stellenweise wirkt der Film so, als hätte der Regisseur beim Dreh nur eine Checkliste mit den wichtigsten Story-Versatzstücken abgehakt beziehungsweise lediglich eine Bühnendarstellung des Musicals abgefilmt und als würden die Schauspieler bloß ihre bekannten Rollen nachspielen, ohne ihnen neues Leben einzuhauchen. An solchen Punkten kann festgestellt werden, dass Bazawule, der eigentlich eher aus dem Musik- als aus dem Filmbusiness kommt und hier seinen ersten großen Hollywood-Film abliefert, sich mit der 100-Millionen-Dollar-Produktion und ihren großen Fußstapfen übernommen hat.

„Gott liebt es, verehrt zu werden“

Der einzige große Gewinn ist, dass die christlich-religiöse Kraft dieser modernen afroamerikanischen Passions- und Erlösungsgeschichte stärker als bei Spielberg zum Tragen kommt, was nicht nur an den zahlreichen Gospelsongs wie dem neuen Lied „Hell, No!“ liegt, sondern auch an der knallbunten und vor Hoffnung und Lebensfreude sprühenden Inszenierung: So beginnt der Film mit einem Gospelchor, der gesanglich das große Thema der Geschichte bereits vorwegnimmt und zusammenfasst – nämlich dass Gottes Wege zwar unergründlich sind, aber Gott bei denen, die ihm vertrauen, alles zum Guten führt. Nach jedem Trauma und jeder Trauer kommt auch die Zeit der Hoffnung und des Jubels.

„Gott liebt es, verehrt zu werden und Anteil zu nehmen an all den schönen Dingen in unserem Leben. Alles in unserer Welt will geliebt werden. Wir singen, tanzen und schreien, weil wir alle geliebt werden wollen“, sagt Shug zu Celie, auf ihre Frage hin, warum es die Farbe Lila gibt. Passend dazu endet der Film nach einem Akt der Umkehr und der Versöhnung mit einem gemeinsamen Osterpicknick.

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