Eine neue Publikation hat die Debatte um das Turiner Grabtuch erneut belebt. Seit Jahrzehnten wird in Naturwissenschaft, Geschichtsforschung und Theologie über Herkunft, Datierung und Bildentstehung des Turiner Grabtuchs diskutiert. Auslöser der aktuellen Kontroverse ist eine 2025 veröffentlichte 3D-Studie des brasilianischen Designers und Rekonstruktionsexperten Cicero Moraes.
Moraes kommt zu dem Schluss: „Die zugängliche und reproduzierbare Methodik legt nahe, dass das Bild auf dem Leichentuch eher mit einer künstlerischen Flachreliefdarstellung als mit dem direkten Abdruck eines realen menschlichen Körpers übereinstimmt, was die Hypothese stützt, dass es sich um ein mittelalterliches Kunstwerk handelt.“ Grundlage seiner Arbeit ist eine teilweise digitale Rekonstruktion der Kontaktmuster des Tuchbildes.
Zentraler Kritikpunkt: Die anatomische Plausibilität der 3D-Umsetzung
In der Fachzeitschrift „Archaeometry“ ist nun eine kritische Replik von Tristan Casabianca, Emanuela Marinelli und Alessandro Piana erschienen, über die „Vatican News“ berichtet. Die Autoren widersprechen nicht nur den Ergebnissen, sondern vor allem der methodischen Anlage der Studie.
Ein zentraler Kritikpunkt betrifft die anatomische Plausibilität der 3D-Umsetzung. Nach Darstellung der drei Forscher reproduziert das Modell die Vorderseite, bildet aber wesentliche räumliche Zuordnungen nicht hinreichend ab. Genannt werden unter anderem Annahmen zur Körpergeometrie, die Festlegung auf eine Körpergröße von 1,80 Metern sowie Probleme bei der Seitenzuordnung von Händen und Füßen. Solche Prämissen mindern aus Sicht der Kritiker die Aussagekraft der Simulation insgesamt.
Als zweiten Hauptpunkt nennen Casabianca, Marinelli und Piana den Umgang mit zentralen Befunden des Grabtuchs. Das Modell erfasse Merkmale, die in der Forschung als Blutspuren diskutiert werden, nicht ausreichend. Eine Hypothese zur Bildentstehung könne diese Befundgruppe jedoch nicht ausklammern, wenn sie den Gesamtbefund erklären wolle.
Lange Reihe experimenteller Ansätze
Die Replik verweist zudem auf die Forschungsgeschichte. Varianten der Flachrelief-Hypothese seien bereits in den 1980er Jahren wissenschaftlich geprüft worden. Die Autoren sehen in Moraes’ Ansatz daher eher eine Wiederaufnahme älterer Deutungen als einen grundlegend neuen Erklärungsweg. Moraes hat auf die Kritik in derselben Zeitschrift geantwortet und hält an seinen Schlussfolgerungen fest.
Diskutiert wird in diesem Zusammenhang auch eine von Moraes zitierte Passage von Heller und Adler vom „Shroud of Turin Research Project“ (STURP) zum möglichen Verschwinden organischer Substanzen. Nach Ansicht der Kritiker bezieht sich diese Stelle im Kontext auf die Suche nach Fetten oder Ölen im Zusammenhang mit Bestattungspraktiken, nicht auf eine Maltechnik-Hypothese.
Der Streit fügt sich in eine längere Reihe experimenteller Ansätze ein. Bereits 2020 hatte eine Forschergruppe um Paolo Di Lazzaro mit Lasertechnologie zur Bildformung gearbeitet und formuliert, ein kurzer, intensiver Ausstoß ultravioletter Strahlung könne eine Rolle gespielt haben. Zugleich bleibt festzuhalten: Bislang ist es keiner experimentellen Reproduktion gelungen, alle beobachtbaren physikalischen und chemischen Eigenschaften des Bildes zugleich vollständig nachzubilden.
Damit bleibt das Turiner Grabtuch ein komplexer Forschungsgegenstand an der Schnittstelle von Physik, Chemie, Textilarchäologie und Forensik. Die kirchliche Position ist unverändert zurückhaltend: Eine Echtheitserklärung im dogmatischen Sinn liege nicht vor; die Datierungsfrage gelte nicht als Prüfstein des Glaubens.
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